Der andere BlickArmin Arbeiter, BerlinDas Scheitern des deutsch-französischen Kampfjets ist militärisch keine Katastrophe, politisch jedoch umso mehrFrankreichs Präsident Emmanuel Macron predigt oft die «strategische Autonomie» Europas. Doch wenn es ernst wird, ist er schwach. Der deutsche Kanzler zog zurecht die Notbremse.09.06.2026, 18.00 Uhr3 LeseminutenZwei Modelle des FCAS-Jets – in der Frage, was dieser können sollte, gingen die deutsch-französischen Vorstellungen weit auseinander.Charles Platiau / ReutersSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Armin Arbeiter, Redaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deutschland und Frankreich wollten gemeinsam ein hochmodernes Kampfflugzeug bauen. Dieses hehre Vorhaben endete am Montag in einem Desaster, das seit Monaten absehbar war. Das Flugzeug wird es niemals geben, viel Zeit und Geld wurden verschwendet.Das auf den Namen FCAS getaufte System aus Kampfjet, Drohnen und einer speziellen Kommunikationssoftware steht nun nicht mehr für die Zukunft des Luftkampfs, sondern für das Zerwürfnis zweier Staaten, die gemeinsam Grosses erreichen wollten – und nach fast zehn Jahren daran scheiterten. Bis der deutsche Kanzler Friedrich Merz völlig zu Recht die Notbremse zog.Das ist in militärischer Hinsicht verkraftbar. So kann Frankreich auf das Unternehmen Dassault und seine Rafale-Jets zurückgreifen, Deutschland kauft amerikanische F-35 und sucht nach neuen Partnern für ein neues Kampfflugzeug.Tragisch ist jedoch das politische Signal, das dieses Scheitern aussendet. Denn FCAS war das grosse Symbolversprechen der europäischen «strategischen Autonomie»: der Beweis, dass europäische Politiker nicht nur sicherheitspolitische Sonntagsreden halten, sondern gemeinsam ein sehr kompliziertes Rüstungsprodukt entwickeln können.Die Schwäche MacronsDieses Versprechen ist an etwas zerbrochen, was für Europa besonders peinlich ist: nicht an fehlendem Geld, nicht an fehlender Bedrohung, nicht an mangelnder geopolitischer Dringlichkeit, sondern an der alten europäischen Krankheit aus Eitelkeit, industriellem Egoismus und wohl auch politischer Feigheit. Die beiden Flugzeughersteller Dassault und Airbus stritten über die Frage, wer das Sagen hat – die politische Vermittlung scheiterte, Deutschland und Frankreich gaben das gemeinsame Kampfflugzeug am Ende auf.Besonders unerquicklich ist dabei die Rolle Emmanuel Macrons. Kein europäischer Staatschef hat den Begriff der strategischen Autonomie so oft, so pathetisch und so programmatisch benutzt wie der französische Präsident. Macron wollte Europa beibringen, sicherheitspolitisch erwachsen zu werden, unabhängiger von den Vereinigten Staaten zu denken und in Schlüsseltechnologien eigene Handlungsfreiheit zu gewinnen.Doch im Ernstfall zeigt sich wieder einmal: Frankreichs Präsident hat offenkundig weder die eigene Industrie disziplinieren noch sie zu einem europäischen Kompromiss bewegen können. Statt Politik zu machen, liess er sich vom beteiligten französischen Unternehmen Dassault die Grenzen der Politik aufzeigen und flüchtete sich in einen rüstungspolitischen Gaullismus, der heutzutage nicht mehr angebracht ist.Dass nun aus Paris tönt, Deutschland und Airbus (an dem auch Frankreich beteiligt ist) hätten das Projekt mit überzogenen Gleichheitsansprüchen und politischem Zögern blockiert, ist befremdlich.Berlin blieb aus guten Gründen hartDie deutsche Bundesregierung hat sich nicht leichtfertig aus dem Projekt zurückgezogen. Im März startete Berlin gemeinsam mit Paris einen letzten Versuch der Vermittlung zwischen den Industrien, ausdrücklich mit Blick auf die anstehenden Budgetentscheidungen.Berlin hatte gute Gründe, in der Sache hart zu bleiben. Die französische Industrie beanspruchte faktisch die alleinige Führung und rund 80 Prozent Arbeitsanteil. Gleichzeitig war längst sichtbar, dass Frankreich und Deutschland nicht einmal dasselbe Flugzeug wollten: Paris wollte ein System zur nuklearen Abschreckung, Berlin brauchte das in dieser Form nicht.Es war deshalb nicht Aufgabe der deutschen Bundesregierung, einen europäischen Gemeinschaftsjet zu finanzieren, der am Ende französische Sonderbedürfnisse bedient und der deutschen Industrie nur die Statistenrolle lässt.Konzerne verfolgen Interessen, dafür sind sie da. Sie wollen Kontrolle, Anteile, Technologiehoheit und Gewinn. Wenn ein Unternehmen glaubt, mit nationaler Rückendeckung mehr durchsetzen zu können, wird es genau das versuchen. Der Fehler liegt bei einer Politik, die den europäischen Anspruch beschwört, aber am Ende nicht bereit oder nicht fähig ist, ihn gegen nationale Industrieinteressen durchzusetzen.Wenn es je einen Moment gab, in dem die Europäer zeigen mussten, dass sie ihre Differenzen überwinden können und grosse Rüstungsprojekte gemeinsam zustande bringen, dann war es dieser. Europa lebt in einer Zeit wachsender russischer Bedrohung, unsicherer amerikanischer Garantien und enormen Aufrüstungsdrucks. So aber sendet das Scheitern wieder einmal ein Signal der Uneinigkeit und des rüstungspolitischen Egoismus.Passend zum Artikel