Nur Emmanuel Macron glaubte noch an den europäischen Superjet FCASDas ehrgeizigste Rüstungsprojekt Europas ist Geschichte. Für die Zukunft der deutsch-französischen Zusammenarbeit wirft das grundsätzliche Fragen auf.09.06.2026, 18.00 Uhr3 LeseminutenDa verhandelten sie noch um die Zukunft des Kampfjets: Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron an einem Gipfel zur «europäischen digitalen Souveränität» im November 2025Ebrahim Noroozi / DPAEs hätte Europas wichtigstes Rüstungsvorhaben werden sollen. Doch am Ende waren sich Deutschland und Frankreich nicht einmal einig, wie sie den Abbruch ihres gemeinsamen Kampfjetprojekts Future Combat Air System (FCAS) bekanntgeben wollten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Das war ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass Paris die Verantwortung für das FCAS-Aus vor allem in Berlin verortete.Zwar hatte auch in Frankreich kaum noch jemand mit einer Rettung des sogenannten Kampfjets der nächsten Generation gerechnet. Alle politischen Vermittlungsversuche zwischen den Herstellern Dassault und Airbus waren erfolglos geblieben. «Am Ende glaubte nur noch Emmanuel Macron an das Überleben von FCAS», sagte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im französischen Senat, Cédric Perrin. Verärgert war man in Paris dennoch über die Art und Weise, wie Berlin das Ende des Projekts öffentlich machte.In Frankreich gilt das Scheitern von FCAS auch als politische Niederlage Macrons, der das Vorhaben 2017 gemeinsam mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Leben gerufen hatte. Das auf rund 100 Milliarden Euro veranschlagte Programm sollte ab den 2040er Jahren den französischen Rafale und den Eurofighter ersetzen. Es war als «system of systems» konzipiert: Kampfflugzeuge, Drohnen sowie digitale Gefechtsnetzwerke (Combat-Clouds) sollten miteinander verbunden werden. 2019 stiess Spanien zu dem Projekt dazu.Differenzen von Anfang anDoch einig wurden sich die Partner weder über die Führung des Programms noch über die konkreten Anforderungen an das künftige Kampfflugzeug. Der französische Hersteller Dassault verwies auf seine Erfahrung mit dem Rafale-Kampfjet und argumentierte, Verantwortung und Entscheidungsgewalt liessen sich nicht voneinander trennen. In Berlin und Madrid wurde dies als Versuch verstanden, bestehende Vereinbarungen nachträglich zu verändern und Frankreichs Dominanz zu sichern.Hinzu kamen grundsätzliche strategische Differenzen über das Flugzeug selbst. Frankreich wollte einen atomwaffenfähigen und trägergestützten Rafale-Nachfolger, der den spezifischen Anforderungen seiner Streitkräfte gerecht wird. Deutschland hingegen sah keinen Bedarf für solche Fähigkeiten. Ende Februar erklärte Merz öffentlich, dass die Anforderungen beider Länder grundlegend auseinanderliefen. Macron drängte hingegen auf neue Vermittlungsversuche. Die französische Wirtschaftszeitung «Les Échos» verglich diese Bemühungen mit medizinisch sinnlosen lebensverlängernden Massnahmen: Zum Sterben verurteilt sei das Projekt sowieso gewesen.Für den Politologen Paul Maurice von der Pariser Denkfabrik Ifri greift die Suche nach Schuldigen dennoch zu kurz. «Die Frage ist nicht unbedingt, wer die Verantwortung für das Ende des Kampfjets trägt», sagt er. Entscheidend sei vielmehr, was Frankreich und Deutschland nach dem Ende von FCAS tun würden. Die strategische Ausgangslage habe sich seit dem Start des Projekts vor neun Jahren mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Unsicherheit über die amerikanischen Sicherheitsgarantien und der rasanten Entwicklung unbemannter Systeme grundlegend verändert.Auch die Stilisierung von FCAS zum Symbol europäischer Souveränität beurteilt der Politologe mit Vorsicht. Was genau unter europäischer Souveränität zu verstehen sei, werde bis heute unterschiedlich interpretiert – nicht nur zwischen Frankreich und Deutschland, sondern in ganz Europa.Von einem schlechten Omen für die deutsch-französischen Beziehungen will Maurice deshalb nicht sprechen. «Man darf die deutsch-französischen Beziehungen nicht romantisieren», sagt er. Paris und Berlin hätten ihre Interessen nie vollständig geteilt.Kein vollständiges AusGerade deshalb bewertet Maurice auch das Ende von FCAS nüchtern. Der Projektabbruch sei letztlich ein pragmatischer Entscheid gewesen – eine Entscheidung, die aus seiner Sicht längst hätte getroffen werden müssen. Frankreich und Deutschland blieben dennoch die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Mächte Europas. Gerade bei Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und neuen Technologien sieht Maurice weiterhin grossen Bedarf für gemeinsame europäische Projekte.Tatsächlich bedeutet das Aus des bemannten Kernstücks von FCAS nicht das vollständige Ende des Programms, denn die Partner wollen Teile wie Drohnen und die Combat-Cloud weiterentwickeln und sogar unter dem Namen FCAS fortführen. Dennoch ist der Schlag für die europäische Verteidigungsindustrie hart. Europa steht unter Druck, seine Abhängigkeit von amerikanischen Systemen zu reduzieren, ohne dass eine Alternative schon in Reichweite wäre.Passend zum Artikel
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