Das Kampfflugzeugprojekt FCAS ist nicht zufällig gescheitert. Deutschlands Rolle in Europa verändert sich, doch Frankreich hadert damit.Ulrich Speck12.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenFriedrich Merz besuchte Emmanuel Macron im Januar in Paris, die Beziehung zwischen den beiden Ländern wandelt sich derzeit.Antonin Burat / ImagoAls Emmanuel Macron und Angela Merkel 2017 das gemeinsame Kampfjetprojekt Future Combat Air System (FCAS) aus der Taufe hoben, hiess das Problem Europas nicht Russland, sondern Amerika. Die Wahl von Trump schien anzuzeigen, dass auf die USA als Sicherheitspartner kein Verlass mehr war. Die Transatlantikerin Merkel öffnete sich dem von Macron mit Verve vertretenen Projekt einer europäischen Souveränität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Für sie stand die Symbolik im Vordergrund: Deutschland und Frankreich würden angesichts der Veränderungen in den USA enger zusammenrücken.Als vormalige DDR-Bürgerin fremdelte Merkel oft mit der für die westdeutsch geprägte Union zentralen deutsch-französischen Freundschaft, sie musste sie sich erst erarbeiten. Umso wichtiger waren für sie Erfolge wie das 100-Milliarden-Projekt eines gemeinsamen Kampfflugzeugs.Renaissance des Militärischen in DeutschlandJetzt aber haben sich die Zeiten geändert. Das zentrale Sicherheitsproblem für Deutschland heisst nun Russland. Um mit der neuen Bedrohungslage umzugehen, ist Deutschland dabei, sich militärisch fundamental neu aufzustellen. Der Kanzler spricht davon, dass die Bundeswehr zur konventionell stärksten Armee in Europa werden soll. Und er hat dafür gesorgt, dass die Mittel dafür bereitgestellt werden.Das Militärische wird in Deutschland wieder ernst genommen. Damit wurde das FCAS-Projekt von Merkel und Macron zum Problem. Das Projekt beruhte auf französischen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen – und auf der deutschen Bereitschaft, um der politischen Symbolik willen die eigenen Interessen zurückzustellen.Mit der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik aber rücken zwangsläufig auch die deutschen Interessen in den Vordergrund. Deutschland kann seine neue auch militärisch akzentuierte Rolle als Mittelmacht nicht mehr der deutsch-französischen Freundschaft opfern. Die Luftwaffe ist ein zentrales Element der künftigen Verteidigungsfähigkeit Deutschlands. Hier die Führung und das Fachwissen exklusiv Frankreich zu überlassen, brächte Deutschland in eine massive Abhängigkeit von Frankreich.Umbruch der deutsch-französischen BeziehungDas Scheitern von FCAS erklärt sich somit aus der Logik der deutschen Zeitenwende. Deutschland übernimmt nun Verantwortung für die europäische Sicherheitsordnung.Das aber führt dazu, dass die deutsch-französische Beziehung neu definiert werden muss. Die Zeitenwende findet auch hier statt. Für Jahrzehnte war die unausgesprochene Basis der Beziehung, dass Deutschland zwar mehr ökonomische Macht hatte, dass aber Frankreich dies durch eine strategische und militärische Führung kompensierte.Auf dieser Basis entwickelte Macron auch seine Vision eines souveränen Europa. Für ihn war stets klar, dass Frankreich dabei die militärische und geostrategische Führung übernehmen sollte. Das FCAS-Projekt eines gemeinsamen Kampfflugzeugs war Ausdruck dieser Vorstellung.Die Logik der deutsch-französischen Beziehungen ist gegenüber der Logik der europäischen Aufrüstung sekundär. Deutschland bewegt sich militärisch bald auf Augenhöhe mit Frankreich – und es wird darüber hinausgehen. Frankreich ist immer weniger die zentrale Militärmacht auf dem Kontinent.Die traditionelle Machtbalance gerät aus den Fugen. Deutschland entwickelt nun seine neue Rolle als zentrale verteidigungspolitische Stütze von Ost- und Mittelosteuropa. Die französischen Befindlichkeiten werden dabei sekundär. Das Zentrum Europas ist in Richtung Osten gewandert. Hier werden nun die Existenzfragen Europas verhandelt. Wenn Russland diesen Raum weiter destabilisiert, dann leidet die gesamte EU darunter.In der Ära der GeopolitikDer Preis für die Neuorientierung Deutschlands ist die wachsende Rivalität mit Frankreich, das sich in seiner Machtposition bedroht fühlt. Doch diese Rivalität ist nicht im Sinne Europas.Deutschland und Frankreich sollten ihre Beziehung auch deshalb pflegen. Aber die neue Partnerschaft kann nicht mehr darauf beruhen, dass Interessen und Gegensätze unter den Tisch gekehrt werden. Vielmehr geht es darum, dass man auch Differenzen akzeptiert, dafür aber umso enger zusammenarbeitet, wo es eine echte Konvergenz der Sichtweisen und Interessen gibt.Das Scheitern von FCAS ist damit eine Chance: Deutschland und Frankreich können nun eine Beziehung eingehen, die auch in der beginnenden Ära der Geopolitik ein stabiles Europa begründet.Passend zum Artikel
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