KommentarMillionen im See versenken, Bäume in Töpfen, Fällverbote: Der Naturwahn der Linken wird immer absurderDie Seeschüttungsvorlage in der Stadt Zürich ist nur das jüngste Beispiel sturer Paragrafenreiterei. Mit Tier- und Pflanzenliebe hat das nichts, mit missionarischem Eifer einer pseudo-grün-urbanen Blase hingegen sehr viel zu tun.05.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZZum Glück gibt es die Quaianlagen am Hafen Enge, «eine einzigartige Promenade», die sich «harmonisch ins Gesamtbild» von Zürich einfüge. Und das seit 150 Jahren. Die «grüne Flaniermeile» lade dazu ein, am Wasser zu verweilen und den See zu geniessen. Das schrieb die Stadt selber so, als sie vor ein paar Jahren über die «Aufwertung» zu einer Hafenanlage «mit Aufenthaltsqualität» informierte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.2026 allerdings tönt es plötzlich ganz anders. Über ein «Projekt mit Weitsicht» für einen «noch attraktiveren Freiraum für die Öffentlichkeit» spricht in der rot-grün dominierten Stadtverwaltung niemand mehr.Stattdessen müssen der Hafen Enge und fünf weitere Schiffländen auf Stadtgebiet als etwas ganz anderes herhalten: Sie sind – so will man der Stimmbevölkerung vor dem Urnengang am 14. Juni weismachen – auf einmal als «Eingriff» in den Lebensraum von Pflanzen und Tieren zu verstehen. Als Bedrohung für Unterwassergewächse wie Armleuchteralgen, Tausendblätter oder Wasserschrauben also – die sich ihrerseits zum Laichen oder als Verstecke für hiesige Jungfische eignen.Aber eben: Der Mensch drängt mit seinen Booten und Segelschiffen ebenfalls ans Wasser. Daher baute er Hafenanlagen, legte Molen an, rammte Pfosten für Stege in den Untergrund, die in den See hinausragen und einen trockenen Fusses zu Bootsplätzen führen.Ersatz wofür?Für solche «Eingriffe» in Ufernähe hat er für «angemessenen Ersatz» zu sorgen. So will es das Natur- und Heimatschutzgesetz des Bundes. Und so will es auch das Wasserwirtschaftsgesetz des Kantons, der Konzessionen für Hafenanlagen nur dann vergibt, wenn die Betreiber dieser Anlagen dem übergeordneten Bundesgesetz Folge leisten. Am Stadtzürcher Seebecken ist es Ende Jahr so weit. Dann laufen die Konzessionen der städtischen Häfen aus. Andere Gemeinden am Zürichsee und anderswo in der Schweiz haben mit ähnlichen Zwängen zu kämpfen.Das wirft grundsätzliche Fragen auf. Für wen bauen wir Hafenanlagen? Für wen haben wir sie gebaut? Für die Natur oder den Menschen? Müssen Stadtzürcher dem Zürichsee tatsächlich zurückgeben, was sie ihm durch Pfosten, Stege und befestigte Quaianlagen zuvor «weggenommen» haben?«Aufwertung» ist zu einem Kampfbegriff geworden. Naturschutz in urbanen Gebieten nützt vor allem Naturschützern und den damit beschäftigten Amtsstellen, die sich in Gesetzestexten festbeissen. Die Folgen dieser sturen Paragrafenreiterei sind spektakulär unsinnig. Das kantonale Wasseramt des grünen Baudirektors Martin Neukom hat zusammen mit städtischen Spezialisten peinlich genau berechnet, welche «Ersatzmassnahmen» die Stadt Zürich für ihre Häfen und weitere Bauten am Wasser zu treffen habe. Und in welchem Umfang. Kleingeistiger geht es kaum.Aber diese kompromisslose Exegese von Bundesvorgaben passt zur grünen Welle und zu einer ihrer resolutesten Vertreterinnen: Dank SP-Stadträtin Simone Brander kann sich Zürich abermals als «lebenswerte» Stadt inszenieren. Dieses Mal sollen Fische, Pflanzen und Wasservögel von der Politik der Tiefbauvorsteherin profitieren, die sich gleichzeitig als oberste Naturschützerin Zürichs versteht.Heile-Welt-PhantasienKonkret soll das Stadtzürcher Seebecken in den kommenden Jahren mehrere künstlich angelegte Flachwasserzonen erhalten – mit einer Wassertiefe von 5 bis 8 Metern. An diesen Stellen soll das Sonnenlicht den Grund erreichen, wodurch Unterwasserpflanzen spriessen und neue Lebensräume entstehen. So zumindest das Kalkül der naturverliebten Bauherrschaft. Also schüttet man tonnenweise Material hinein, um das Seebecken hier und da und dort etwas anzuheben. Kostenpunkt des Liftings: bis zu 55,5 Millionen Franken.Der Rest des Rahmenkredits von 69 Millionen soll dazu verwendet werden, das Ufer hie und da abzuflachen und – mangels Wald an den Gestaden der Weltstadt – sogenanntes Totholz anzubringen, damit sich Fische, Schnecken und Muscheln vor Räubern verstecken können. Schilfpflanzungen sollen Wasservögeln zusätzliche Nistplätze bieten.Das klingt alles wunderbar. Aber mit den Realitäten einer Grossstadt mit Seeanstoss haben solche Heile-Welt-Phantasien nichts zu tun. Am Stadtzürcher Seebecken steigen an schönen Sommertagen Tausende Menschen ins Wasser, samt Hunden und Stand-up-Paddle-Boards. Zürich liegt nicht am ruhigen Pfäffikersee. Und auch nicht am Greifensee, dem grössten Naturschutzgebiet des Kantons.Sinnlose VorlageAber das will Simone Brander nicht hören. Stattdessen erklären sie und ihre Mitarbeiter stolz: Die Gelegenheit für Flachwasserzonen im Zürichsee sei günstig. Das Material dazu – rund 600 000 Kubikmeter unverschmutzten Gesteins, wie die Behörden versichern – könne man schliesslich von der Grossbaustelle beim Bahnhof Stadelhofen beziehen, wo die SBB einen weiteren Tunnel bohren.Mit Verlaub: Das sind Nebelpetarden, die von den Schwächen eines komplett verkopften Projekts ablenken sollen. Hier arbeiten mehrere Staatsebenen Hand in Hand, um irgendetwas für den Naturschutz zu «unternehmen» – nicht aus Tier- oder Pflanzenliebe an sich, wie aufwendige PR-Aktionen der Stimmbevölkerung einimpfen wollen. Sondern weil die eigenen Vorschriften sie dazu zwingen. Es handelt sich um eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme für Staatsangestellte und Bauunternehmen. Die Zeche zahlen die Steuerzahler.Die Schüttaktion ergibt überhaupt keinen Sinn. Aber das muss sie gar nicht. Ob Armleuchteralgen, Wasserschrauben oder Tausendblätter von städtischen Hafenanlagen tatsächlich verdrängt wurden – oder ob sie die gute Wasserqualität des Zürichsees auch bei Stegen und Quais nicht vielmehr zu schätzen wissen, ist unerheblich. Genauso wie die Frage, ob Fischarten wie die stark gefährdete Seeforelle statt halbwegs renaturierte Uferzonen nicht ohnehin lieber Fliessgewässer aufsuchen, um sich fortzupflanzen. Seeforellen sind Binnenwanderer. Sie bevorzugen Laichgründe in Bächen.Aber wen interessieren aquatische Details? Gesetz ist Gesetz! Also hinein mit dem Bauschutt. Brander hat schliesslich Grosses vor: Im Zürichsee sollen blühende Landschaften entstehen.Ein Herz für WasservögelBeim Thema Natur gibt es in der Politik ohnehin kein Halten mehr. Als Brander ihre Unterwasserpläne präsentierte, legten die linken Parteien einen obendrauf: Sie forderten die Schütt-Ministerin der SP auf zu prüfen, wie die geplanten «Ersatzmassnahmen» durch eine Vogelinsel zu ergänzen seien. Die SVP konterte: Man habe ebenfalls ein Herz für Vögel. Schwimmende Inseln seien jedoch günstiger als aufgeschüttete. Sie liessen sich bei Bedarf verschieben, etwa bei Grossanlässen wie der Street Parade, erklärte die Volkspartei.Das Hin und Her der Vogelfreunde erinnerte eher an einen romantischen Naturschutzverein als an eine ernsthafte Debatte im Parlament der grössten Stadt der Schweiz. Jeder will sich profilieren. Das führt zu seltsamen Ideen. Und das sollte nicht sein.Aber auch das passt zum Zeitgeist in Zürich. Das Programm Stadtgrün verspricht weniger Hitze, besseres Klima, mehr Biodiversität. Und 130 Millionen Franken für Entsiegelungen, Vertikalbegrünungen und weitere Projekte bis 2035. Die Fachstelle Stadtnatur wiederum arbeitet hart daran, «ökologisch wertvolle Lebensräume» anzulegen, zum Beispiel Trittsteinbiotope.Zürich will Metropole sein, aber eine möglichst grüne. Die mächtigen Rosskastanien am Neumühlequai hätten wegen Bauarbeiten eigentlich gefällt und ersetzt werden sollen. Doch dann wurde eine Petition zur «Rettung» der Bäume eingereicht. Und siehe da: Ein Teil der Bäume sollte erhalten bleiben – obwohl sich ihr Zustand gemäss einem Gutachten rapide verschlechtert hatte. Wie zum Beweis krachte eine dieser Kastanien vor drei Wochen auf die Strasse.Die Episode zeigt: Natur ist endlich. Sie hält sich nicht an die Parolen ihrer eifrigsten Verteidiger.Und manchmal ist sie schlicht überfordert von dem, was Stadtmenschen von ihr erwarten. An der Europaallee müssen Ginkgos das Klima retten. Zwischen den Baumreihen: glatter Asphalt, eine Herausforderung an heissen Sommertagen. Aber so ist das nun mal in einer grossen Stadt. Auf dem Münsterhof sollen Jungbäume in verschiebbaren Trögen für Grün und kühle Luft sorgen. Diese Woche standen zwei davon beim Eingang des Fraumünsters, wie bestellt und nicht abgeholt, ohne wirklich Schatten zu spenden. Drei weitere blockierten Parkplätze auf der anderen Seite der Kirche.Symbolpolitik à la Simone Brander – ein lächerlicher Versuch, einen der wichtigsten Plätze der Innenstadt in eine grüne Oase zu verwandeln.Fällen verboten!Gartenbesitzer hingegen bekommen die rot-grüne Baumpolitik direkt zu spüren: Wer einen Baum mit mehr als einem Meter Stammumfang fällen will, muss beim Amt für Baubewilligungen ein Gesuch stellen. Das Amt kann «Ersatzpflanzungen» verlangen, samt Angaben zu Standort, Gattung, Art und Grösse des neuen Baums. Sofern es der Fällung des alten überhaupt zustimmt. Klimapolitik zählt in der Stadt Zürich mehr als Privateigentum – eine bedenkliche Entwicklung.Allzu viel tun dagegen kann man nicht, zumindest nicht in Zürich. Die Linken haben die Stadt im Würgegriff. Auf Bundes- und Kantonsebene dominieren unnütze Naturschutzvorgaben. Dort sollte die bürgerliche Mehrheit unbedingt dagegen vorgehen. Die Seeschüttungsvorlage am 14. Juni ist abzulehnen, allein schon aus Protest gegen absurde Paragrafenreiterei.69 Millionen Franken sind viel Geld. Zürich hätte Besseres zu tun, als diese Summe im See zu versenken.Passend zum Artikel
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