Millionen im See versenken: wie Zürich seine Unterwasserwelt verbessern will – und warumDie Stadt muss den See aufschütten, um ihre Häfen weiter betreiben zu dürfen. Am Dienstag war Testtag in Wollishofen.20.05.2026, 05.07 Uhr4 LeseminutenTesten für lebendige Flachwasserzonen: schwimmende Bauplattform vor der Roten Fabrik in Zürich.Andreas Becker / KeystoneGesetze sind graue Theorie. Aber manchmal ziehen Paragrafen Konsequenzen nach sich, über die man sich in der realen Welt zumindest ein Stück weit wundern kann. Das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz ist so eine Vorgabe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dort steht nämlich geschrieben, dass Eingriffe des Menschen in Gewässer durch sogenannte ökologische Ersatzmassnahmen kompensiert werden müssten. Müssen, nicht können. Denn: ohne Ersatzmassnahmen keine Konzessionen (Bewilligungen), um zum Beispiel Häfen oder Badeanlagen im Zürichsee oder in der Limmat zu betreiben.Und so muss die Stadt Zürich für ihre Häfen Wollishofen, Mythenquai, Enge, Stadthausquai, Utoquai und Riesbach «ökologische» Ersatzmassnahmen treffen. Die – vom Kanton vergebenen – Konzessionen dieser Anlagen laufen Ende Jahr aus. Die Bewilligungen weiterer städtischer Bauten am Wasser müssen in den kommenden Jahren ebenfalls erneuert werden. Für sie werden weitere solcher Ersatzmassnahmen fällig werden.Gegen die Stimmen von FDP und SVP hat das Stadtparlament für solche Massnahmen unlängst einen Rahmenkredit in Höhe von 69 Millionen Franken beschlossen. Mitte Juni wird die Stimmbevölkerung darüber zu befinden haben.Aber was kann man sich konkret darunter vorstellen – also jenseits trockener Buchstaben und Bewilligungsverfahren auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene?Es werde LichtZum Beispiel Folgendes: Vor der Roten Fabrik, ungefähr 350 Meter vom Ufer entfernt, liegen dieser Tage eine schwimmende Plattform und ein Frachtschiff vor Anker. Auf der Plattform: ein Bagger, an dessen Seil ein mächtiger Zweischalengreifer hängt. Am Dienstagvormittag packt dieses Ding zu: Das Frachtschiff hat Bauschutt geladen. Mit einem Griff werden zweieinhalb Kubikmeter oder etwa fünf Tonnen Schutt in die Luft gehoben – und ein paar Meter weiter im Zürichsee versenkt. Einfach so.Mit einem Zweischalengreifer werden diese Woche 240 Tonnen Bauschutt im Zürichsee versenkt.Andreas Becker / KeystoneDer gewöhnungsbedürftige Vorgang wird sich Dutzende Male wiederholen. Insgesamt verschwinden diese Woche 240 Tonnen Schutt unter Wasser. Zunächst in 10 Metern Tiefe. Bis zum Abschluss der Aktion soll sich der Seegrund auf einer Fläche von 15 mal 15 Metern um etwa 2 Meter anheben. Das Ziel der nicht alltäglichen «Bauarbeiten»: Die Verantwortlichen des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der SP-Stadträtin Simone Brander wollen herausfinden, wie der Seegrund auf ebendiese «ökologischen» Ersatzmassnahmen reagiert, die in den kommenden Jahren im Stadtzürcher Seebecken geplant sind.Das Prinzip dahinter ist einfach: Man versenkt Material im See, um zusätzliche, künstliche Flachwasserzonen zu schaffen. Also mit einer Wassertiefe von unter 8 Metern. Das Sonnenlicht soll den erhöhten Grund erreichen, wodurch Unterwasserpflanzen spriessen und neue Lebensräume für Fische, Schnecken und Muscheln entstehen.Ein weiterer Clou hinter dieser Ersatzmassnahme, so werden Simone Brander und ihre Mitarbeitenden nicht müde zu betonen: Die Unterwasserwelt profitiert, die «Überwasserwelt» der Boote, Schiffe, Stand-up-Paddler und Schwimmer hingegen bleibt unberührt. Der Mensch soll gar nicht mitbekommen, was unter Wasser für die erwähnten Hafenanlagen kompensiert wird.Dennoch ist Vorsicht geboten: Bei der Testschüttung gegenüber der Roten Fabrik ist auch eine gelbe Boje mit dabei. An ihr sind mehrere Sensoren befestigt, die mehrere Meter in den Seegrund hineingetrieben wurden: Man will sichergehen, dass man dem Zürichsee mit diesen tonnenschweren Ersatzmassnahmen nicht zu viel zumutet. Die Messungen der Testanlage sollen nicht nur den neuen Seegrund dokumentieren. Auch die Trübung im Wasser soll beobachtet und erhoben werden. Die Sensoren der Boje werden ungefähr ein Jahr lang Daten von unter Wasser liefern, wie am Dienstag zu erfahren war.Simone Brander am Dienstag vor den Medien in Zürich Wollishofen.Andreas Becker / KeystoneMan will schliesslich sichergehen, dass die geplanten Ersatzmassnahmen im Stadtzürcher Seebecken ihren Zweck erfüllen – und keine weitere Belastung für Flora und Fauna darstellen. Das Risiko indes, dass mit den geplanten Seeschüttungen etwas schieflaufen könnte, ist überschaubar. Das versenkte Material stammt aus dem Erkundungsstollen beim Bahnhof Stadelhofen. Es ist unverschmutzt und sollte daher gut geeignet sein, dem Stadtzürcher Seebecken da und dort zu einem kleinen «Lifting» zu verhelfen.«Die Baustelle der SBB ist ein Glücksfall»Wobei «klein» durchaus relativ zu verstehen ist: Insgesamt – und wenn der Souverän dem Vorhaben am 14. Juni zustimmt – sollen bis 2036 rund 900 000 Tonnen Aushubmaterial von der Grossbaustelle der SBB beim Bahnhof Stadelhofen im See versenkt werden. Macht am Ende 7 bis 9 zusätzliche Flachwasserzonen zwischen Wollishofen und Tiefenbrunnen an drei verschiedenen Standorten. Auch Uferzonen sollen «massiv» aufgewertet und mit Schilf bepflanzt werden. Das schaffe Nistplätze für Wasservögel, so heisst es. (Auch wenn Simone Brander auf Nachfrage konzedierte, dass der vielfrequentierte Zürichsee mit dem Greifensee oder dem Pfäffikersee in Sachen Nistplätze nicht mithalten könne. Aber was will man machen, Gesetz ist Gesetz.)Für Brander steht fest: «Die (im Moment von Rekursen blockierte) Grossbaustelle der SBB ist ein Glücksfall.» So komme man schnell und umweltverträglich zum benötigten Schüttmaterial. In der Debatte im Gemeinderat hatte die Tiefbauvorsteherin durchblicken lassen, dass man eine Kostenbeteiligung der SBB anstrebe. Das würde die Rechnung zuhanden der Stadtzürcher Steuerzahler etwas reduzieren.FDP und SVP liessen sich davon jedoch nicht beeindrucken. Die beiden bürgerlichen Parteien sind überzeugt: Es ginge auch günstiger, als mit der grossen Kelle Konzessionen für die kommenden Jahrzehnte zu finanzieren – mit «ökologischen» Ersatzmassnahmen für Hafenanlagen notabene, die zum Teil seit über hundert Jahren in den Zürichsee hinausragen.Passend zum Artikel