Erstmals seit langem schliesst die Rechnung der Stadt Zürich mit einem Minus. Die SVP spricht von einem «rot-grünen Schuldenrausch», die Linke relativiertDer Stadtrat will seine Investitionen künftig priorisieren. Das genügt den Bürgerlichen nicht.24.06.2026, 19.48 Uhr3 LeseminutenDie Stadt Zürich hat letztes Jahr zwei Milliarden Franken investiert. Nur die Hälfte ihrer Investitionen kann sie aus eigener Kraft stemmen.Claudio Thoma / KeystoneEs war immer das gleiche Spiel, zehn Jahre lang. Jeweils im Frühling trat der Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) vor die Medien und gab bekannt, dass die Rechnung der Stadt Zürich mit einem Plus abschliesst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die positiven Zahlen bestätigten die SP als stärkste Partei Zürichs in ihrem Kurs, auch den Mittelstand subventionieren zu wollen: bei den Kita-Kosten, den Krankenkassenprämien, einem Billig-öV-Abo für die gesamte Stadtbevölkerung. Die Bürgerlichen hingegen gaben zu bedenken, diese Ausgabenpolitik sei verantwortungslos.Der Stadtrat selbst machte einen entspannten Eindruck, was die städtischen Finanzen angeht. Als im Herbst 2023 bekanntwurde, dass das geplante Sportzentrum Oerlikon fast doppelt so teuer werden soll wie geplant, lächelte der damalige Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) die Mehrkosten einfach weg und sagte: «Das ist ein stolzer Betrag, aber Zürich kann sich das leisten.»Diesen Frühling nun kam es zu einer Zäsur. Die Rechnung 2025 schloss mit einem Minus von 22,9 Millionen Franken ab. Gemessen an den Ausgaben – für dieses Jahr wurde ein Aufwand von über 11 Milliarden Franken budgetiert – ist das eine rote Null. Und die Steuereinnahmen liegen weiterhin auf hohem Niveau.Doch am Mittwoch erklärte Leupi im Stadtparlament, Überschüsse wie in den letzten Jahren von rund einer halben Milliarde Franken seien eben nicht die Norm.Bereits im letzten Jahr hatte er vor einer stark ansteigenden Verschuldung gewarnt. Der Selbstfinanzierungsgrad bei den Investitionen ist tief, er liegt bei 49,2 Prozent. Das heisst, dass die Stadt rund die Hälfte ihrer Investitionen im Verwaltungsvermögen fremdfinanzieren muss. Im «Handbuch über den Finanzhaushalt der Zürcher Gemeinden» gelten Werte unter 50 Prozent als «ungenügend».Damit die Verschuldung nicht zu stark ansteigt, will der Stadtrat die Investitionen künftig stärker priorisieren und «auf hohem Niveau begrenzen». Er peilt über die nächsten Jahre einen Zielwert von 1,5 Milliarden Franken jährlich an.SP: Stadt ist «wirtschaftlich kerngesund»Was also bedeuten diese Zahlen für den städtischen Finanzhaushalt? Die SP befand in der Debatte am Mittwoch, Zürich stehe keinesfalls kurz vor dem Ruin. Vielmehr sei die Stadt «wirtschaftlich kerngesund», sagte Florian Utz. Keinesfalls sei zu viel investiert worden, sondern zu wenig. Utz kritisierte insbesondere, dass die Stadt «nur» eine Viertelmilliarde Franken für Liegenschaften ausgegeben und das dafür bereitgestellte Budget somit nicht einmal zur Hälfte ausgeschöpft habe.Etwas kritischer äusserten sich die Grünen. Das Minus sei zwar kein Grund zur Panik, sagte Sibylle Kauer. Doch bei den Ausgaben brauche es künftig eine Fokussierung. Insbesondere bei Ausgaben nach dem Giesskannenprinzip werde man in Zukunft genauer hinschauen, und Bauprojekte könnten auch ohne «Zürich-Finish» realisiert werden. Keine Kompromisse wollen die Grünen hingegen in den Bereichen Wohnen, Klimaschutz und Bildung eingehen: Dort solle die Stadt weiterhin grosszügig investieren.FDP: «Ausgaben nicht im Griff»Die Linken, die GLP und Die Mitte nahmen die Rechnung 2025 an. FDP und SVP lehnten sie hingegen ab.Përparim Avdili (FDP) bezeichnete den Abschluss als «politisches Warnsignal»: Die Stadt habe zwar rekordhohe Steuereinnahmen verzeichnet, ihre Ausgaben aber nicht im Griff. Sorgen bereitet den Freisinnigen, dass die Stadt auf hohem Niveau investiere, diese Investitionen aber immer weniger selbst finanzieren könne. «Damit steigt die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt.» Scharfe Kritik übte Avdili zudem am Stellenwachstum in der Stadtverwaltung, das überproportional stark sei.Johann Widmer (SVP) schliesslich sprach von einem «rot-grünen Schuldenrausch» und sagte, an die linke Mehrheit im Stadtparlament gerichtet: «Nachhaltiges Wirtschaften ist hier ein Fremdwort.» Statt immer mehr Geld auszugeben, brauche es einen echten Investitionsstopp für alle «nicht lebensnotwendigen» Projekte. Die SVP befürchtet, dass sonst die Kreditwürdigkeit der Stadt herabgestuft werde. Das würde die Beschaffung von Fremdmitteln erschweren.Die Rechnung wurde schliesslich genehmigt. Die nächste Debatte über die städtische Finanzpolitik steht bereits an. Nach den Sommerferien wird der Stadtrat das Budget für das Jahr 2027 vorlegen.Passend zum Artikel