KommentarRot-Grün misstraut privaten Investoren – und Zürich zahlt den PreisStadien, Verwaltungsgebäude, Alterswohnungen: Im ganzen Land entstehen Bauten von Privaten und der öffentlichen Hand. In Zürich erzählt man sich derweil die Mär vom bösen Privatinvestor.29.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenSchon beim Projekt von 2003 wehrten sich Grüne und Teile der SP gegen ein Einkaufszentrum, welches das Stadion auf der Hardturmbrache hätte finanzieren sollen.Ennio Leanza / KeystoneFelix Frei konnte kaum glauben, wie ihm geschah. Sein Leichtathletik-Club Zürich war plötzlich ein unerwünschter Privatinvestor. Der unverdächtige Traditionsverein wurde vom rot-grünen Stadtparlament faktisch aus dem Weg gedrängt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Grund ist ein Rasen neben dem Stadion Letzigrund. Auf diesem wollte der Leichtathletik-Club zusammen mit der öffentlichen Hand und privaten Geldgebern eine kleine, moderne Leichtathletikhalle bauen. Die 21 Millionen Franken sollten sich Stadt, Kanton, Bund und private Geldgeber teilen.Nur ist mit der rot-grünen Mehrheit im Stadtparlament kein solches Geschäft zu machen. SP, Grüne und AL stören sich an der Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und Privaten.Die Gründe sind ideologischer Natur: Keinesfalls dürfe man das Grundstück an Private abgeben. Nicht einmal im Baurecht, auch wenn das Grundstück der Stadt langfristig erhalten geblieben wäre. Also zog man dem Projekt den Stecker.Die links-grün-alternative Lösung: Die Halle soll nun durch die Stadt selber realisiert werden. Statt eine pragmatische Lösung mit Privaten zu suchen, läuft es auf einen staatlichen Bau, finanziert durch Steuergelder, hinaus. Das ist ein «Zürich-Finish» in Reinkultur.Wichtiger als eine rasche Lösung scheint Rot-Grün die volle Kontrolle über das Projekt zu sein. Die Leidtragenden sind die Sportler, die sich weiter gedulden müssen, und die Steuerzahler.Der Fall ist kein Einzelfall. Er verweist auf eine Haltung, die sich in Zürich zunehmend beobachten lässt.Besser, schneller, günstigerDie wirtschaftsfeindliche Haltung ist der Grund, warum Public-private-Partnership-Projekte hier nur noch selten zum Fliegen kommen. Die einflussreichen linken Kräfte im heutigen Zürich beäugen öffentlich-private Modelle grundsätzlich skeptisch. Privater Initiative misstraut man prinzipiell, man unterstellt ihr schnell unlautere Motive.Es ist ein fragwürdiges Misstrauen gegen alles Private, gegen alles, was entfernt kommerziell sein könnte. Als jüngst im Stadtparlament über ein Werbeverbot im öffentlichen Raum gestritten wurde, zeigte sich diese fragwürdige Haltung unverblümt: Es gehe bei dem Verbot um die «ökosoziale Transformation unserer Konsumgesellschaft». So drückte es eine SP-Politikerin aus.PPP-Modelle beruhen auf einer einfachen Idee: Private finanzieren und realisieren öffentliche Infrastruktur mit und tragen dafür auch Risiken. Wer investiert und Risiken trägt, darf auch Gewinne erzielen.Die Vorteile des Modells liegen auf der Hand: Nicht nur wird so die Staatsquote reduziert, Grossprojekte können dank privatem Know-how oftmals auch besser, schneller und günstiger realisiert werden. Auch in Zeiten, in denen die öffentlichen Mittel knapp sind, bleiben damit nötige Investitionen möglich. Die öffentliche Hand kann dabei mitreden, sie ist es, die die Rahmenbedingungen setzt.Ein Beispiel zeigt, was alles möglich ist. Der Chipperfield-Bau, mit dem das Kunsthaus 2021 erweitert worden ist, wurde rund zur Hälfte privat finanziert – ohne dass dadurch die öffentliche Kontrolle verlorengegangen wäre.Ab den 2000er Jahren sind auf diese Art schweizweit zahlreiche Bauten entstanden. Gerade bei der Realisierung von Sportstadien, so etwa in Neuenburg, Biel oder Luzern. Private erstellen die Sportstätten für Fussballklubs und die Öffentlichkeit, dafür erhalten sie Einnahmen aus einer Mantelnutzung mit Einkaufszentren, Hallenbädern oder Wohnungen.Die Möglichkeiten beschränken sich nicht nur auf Stadien: In Burgdorf wurde auf diese Weise ein kantonales Verwaltungszentrum gebaut – pünktlich und innerhalb des Kostendachs. Von einer solchen Punktlandung kann man in Zürich nur träumen: So explodierten die Kosten für das Sportzentrum Oerlikon von ursprünglich 210 auf fast 400 Millionen Franken.Aber auch im Raum Zürich entstand das eine oder andere PPP-Projekt. So baute die Stadt Opfikon vor zehn Jahren mit der Firma Tertianum Alterswohnungen sowie ein Pflegewohnhaus. Eine Win-win-Situation: Die Firma testet ein neues Modell mit tieferen Pflegekosten, die Gemeinde kann ihren steigenden Bedarf an Pflegeplätzen decken.Ideologie um das StadionDie Beispiele zeigen, dass der Staat Privaten durchaus mehr Kredit einräumen sollte. Tatsächlich ist in der Stadt Zürich aber gerade das Gegenteil zu beobachten. Am deutlichsten zeigt sich dieses Misstrauen in der leidigen Frage um ein Fussballstadion.Schon beim ersten Projekt 2003 störten sich die Grünen und Teile der SP an einem Einkaufszentrum, welches das Stadion auf der Hardturmbrache hätte finanzieren sollen. Dies sei Kommerz und führe zu mehr Verkehr.Dabei lässt sich ein Stadion, für das eben gerade keine direkte Steuerfinanzierung vorgesehen ist, ohne einen kommerziellen Aspekt nicht realisieren. Das sah auch das Stimmvolk so und wollte kein städtisch finanziertes Stadion, sondern genau so eine Mischform mit Privaten.Nur passt eine Quersubventionierung von privater Seite nicht ins Weltbild vieler Genossen. Auch in der Stadionabstimmung von 2018 weibelten sie gegen Private. Diesmal sollten Hochhäuser mit Wohnungen das Stadion finanzieren. Dafür gab die Stadt den Boden zu günstigen Bedingungen.Ein rotes Tuch für die Delegierten der städtischen SP, die sich gegen ihre eigenen Stadträte aussprachen, die hinter dem Projekt standen. Die Zwängerei ging so weit, dass die SP eine eigene Initiative lancierte, diese später aber zurückzog.Drei Mal stimmte die Zürcher Stimmbevölkerung für eine neue Fussballarena. Ein PPP-Stadion wäre also durchaus im Interesse der Bürger. Trotzdem wartet Zürich bekanntlich seit Jahrzehnten weiter auf ein Stadion.Marina im «Zürich-Finish»Private werden in Zürich manchmal auch still und leise zermürbt. So geschehen bei der Marina Tiefenbrunnen, der Hafenmole am gleichnamigen Stadtrand. Nebst Hafen und Wassersportzentrum sind hier eine öffentlich zugängliche Mole, ein Park sowie eine Beiz geplant. Vier Partner sollten sich die Kosten von 40 Millionen Franken teilen. Nebst der Stadt waren das die Firma Kibag, die Mobiliar und drei Zürcher Segelklubs.Es kam anders. Das Projekt zog sich in die Länge, die Kosten stiegen, und aus der städtischen Kommission wurde bereits gegen das Trägerschaftsmodell mit den Privaten geschnödet. In der Folge stiegen zwei von drei Segelklubs aus. Am Ende entschloss sich die Stadt einmal mehr zur One-Man-Show.Die Stadt will den Betrieb der Marina bis ins Detail selbst steuern: wer die öffentliche Hafenmole überhaupt nutzen darf, bis zum kulinarischen Angebot der Hafenbeiz. Selbst der Umstand, dass private Investoren eine Rendite erzielen würden, galt als problematisch. Man tat so, als wäre es anrüchig, mit der Vermietung von Bootsplätzen Geld zu verdienen.Stattdessen baut die Stadt auch hier lieber in Eigenregie. Die Baukosten des Hafens dürften für den Steuerzahler unabsehbar werden. Bereits geistert die Zahl von 100 Millionen Franken herum. Getreu dem Grundsatz: Wenn die Stadt baut, darf gerne vergoldet werden.Dabei liegt gerade hier das Potenzial der Privaten. Der Staat kann von ihnen einen haushälterischen Umgang mit den Mitteln lernen. Längerfristig kann eine PPP für die öffentliche Hand zudem finanziell attraktiv sein – insbesondere dann, wenn sie als Aktionärin vom wirtschaftlichen Erfolg eines Projekts profitiert.Zürich baute immer schon auf PrivateGegner werfen dem PPP-Modell vor, es trage dazu bei, dass Verluste verstaatlicht, Gewinne hingegen privatisiert würden. Dabei sind gut aufgegleiste Projekte gerade darauf angelegt, Risiken und Verantwortung fair zwischen öffentlicher Hand und privaten Partnern aufzuteilen. Zudem bleibt die politische Steuerung beim Staat.Die Stadt Zürich argumentiert, derlei Partnerschaften kämen höchstens dann infrage, wenn es sich nicht um Kernaufgaben der Stadt handle. Dem muss man auch nicht widersprechen. Niemand fordert, dass Schulen künftig von Privaten gebaut werden sollen. Aber gerade kulturelle Institutionen wie Theater oder Museen kann man so finanzieren. Die öffentliche Hand stellt den Grundbetrieb sicher, private Gönner ermöglichen darüber hinaus Exzellenz.Gerade Zürich verdankt seinen Aufstieg auch privaten Initiativen, Mäzenen und Unternehmern. Viele der bedeutendsten Zürcher Institutionen – vom Kunsthaus bis zum Opernhaus – entstanden gerade aus diesem Zusammenspiel.Von Einzelfällen abgesehen, bleiben PPP-Modelle im Zürich von heute selten. Ein Grund war auch die gute finanzielle Lage, in der sich die Stadt jahrelang befand. Das könnte sich künftig ändern: Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt schloss Zürich 2025 finanziell negativ ab, der Schuldenberg wächst an. Gut möglich, dass man künftig um private Investoren noch froh sein wird – wenn sie bis dann nicht vollständig vergrault sind.Passend zum Artikel
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