Schneller, höher, dichter bauen: zehn Ideen, wie die Diskussion übers Wohnen jetzt weitergehen könnteAm Sonntag hat die Zürcher Stimmbevölkerung drei Vorschläge zur Wohnpolitik abgelehnt. Doch es gibt andere Ansätze jenseits von Regulierung.16.06.2026, 05.08 Uhr6 LeseminutenVergangenen November lehnte der Kanton Zürich ein Vorkaufsrecht für Gemeinden ab, am Sonntag nun die Wohnschutzinitiative, eine kantonale Wohnanstalt und die Förderung für Wohneigentum. Eine Mehrheit der Stimmberechtigten im Kanton möchte keine staatlichen Eingriffe in den Wohnungsmarkt – doch die Diskussion über steigende Mieten und knappen Wohnraum wird weitergehen. Worüber jetzt gesprochen werden könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.A wie Agglomerationen ausbauenBaugespanne am Dorfrand von Neftenbach: Ein Vorschlag für mehr Wohnungen lautet, dass in den Agglomerationen dichter gebaut wird.Gaëtan Bally / KeystoneDie Resultate aller Wohnabstimmungen in jüngster Zeit haben gezeigt, dass sich durch die Zürcher Wohnpolitik ein Stadt-Land-Graben zieht. Winterthur und Zürich sagten zu den Initiativen jeweils Ja, der Rest des Kantons Nein. Eine Lesart dieser Resultate: Auf dem Land ist die Wohnungsnot ein weniger drängendes Problem als in der Stadt. Denn auf dem Land ist schlichtweg noch mehr Platz als in der Stadt – und bis jetzt wollen weniger Leute dahin ziehen. Wie liesse sich das ändern? Zehn Ideen.Deshalb ist ein Vorschlag, den unter anderem der Immobilienentwickler Balz Halter portiert, dass die Agglomerationen ausgebaut werden sollen. Investiert werden soll etwa im Limmattal oder in den Flughafengemeinden, die sich gerade als «New Zurich» neu positionieren wollen. Balz Halter sagte jüngst zur NZZ: «Die umliegenden Agglomerationen sind noch nicht so stark verbaut wie die Stadt Zürich, und dieses Potenzial müssten wir städtebaulich nutzen.»Marco Salvi, Ökonom bei der Denkfabrik Avenir Suisse, fügt hinzu: «Infrastrukturprojekte in der Peripherie sind deshalb auch ein Beitrag zur Wohnpolitik, etwa das Tram Affoltern. So erschliessen sich neue Wohnräume – und entlasten die Zentren.»B wie Bauland ausnutzenDer ganze Kanton ist überbaut. Der ganze Kanton? Nein. 1933 Hektaren Bauland sind noch frei. Das sind immerhin 7,2 Prozent des gesamten Baulands in Zürich. Dort könnte noch gebaut werden – eigentlich.Das Problem: Heute lohnt es sich oft mehr, einige Jahre mit der Überbauung zu warten, als dies bereits heute zu tun. Viele Eigentümer spekulieren darauf, dass entweder der Bodenpreis weiter steigt und sie das Land gewinnbringend verkaufen können – oder ihr Land in eine Zone überschrieben wird, in der sie höher bauen dürfen. Beides sorgt dafür, dass Bauland ungenutzt bleibt.Salvi gibt zu bedenken, dass es Vorteile haben kann, gewisses Bauland ungenutzt zu lassen: «Bauen wir heute, stehen diese Gebäude für Jahrzehnte. Aber was, wenn man in ein paar Jahren höher, dichter hätte bauen können? Dann haben wir Potenzial vergeudet.»B wie Bauen im Bestand fördernBauen im Bestand bedeutet zum Beispiel, bestehende Häuser umzubauen, mehr Stockwerke zu errichten, zu verdichten. Etwa der Kanton Genf fördert dies bereits. Der Vorteil: Oft geht Bauen im Bestand mit weniger Kündigungen einher. Und weil nicht abgerissen werden muss, entsteht weniger graue Energie. Im Kanton Zürich hat der Regierungsrat bereits erste Schritte getan, um diese Bauweise zu fördern. So wurden einzelne Vorschriften für das Bauen im Bestand gelockert.David Kaufmann, Professor für Stadtforschung an der ETH Zürich, sieht im Bauen im Bestand grosses Potenzial. Er sagt: «Es sorgt für mehr Wohnraum ohne die negativen Auswirkungen von Ersatzneubauten. Das könnte ein guter Kompromiss zwischen dem Schutzgedanken für bestehende Mieter und dem Bestreben, mehr zu bauen, sein.» Kaufmann weist auch auf die derzeitigen Mehrheitsverhältnisse hin: «Bauen im Bestand ist eine der wenigen Massnahmen, hinter denen viele Leute stehen.»E wie Einsprachen erschwerenNun rückt das Recht, gegen Bauprojekte Einsprachen zu erheben, in den Fokus. Es wurde seit seiner Einführung sukzessive ausgeweitet. Heute ist praktisch jedes grössere Bauprojekt von einer Fülle von Einsprachen betroffen. Die Rekurrenten geben sich dabei häufig mit einer grosszügigen Abfindung zufrieden, Experten und Expertinnen sprechen von einem regelrechten Geschäftsmodell.Deshalb ist es naheliegend, das Einspracherecht zu reformieren. Auf nationaler Ebene hat der Bundesrat bereits solche Absichten kundgetan. Auf kantonaler Ebene hat die Mitte die Diskussion dazu lanciert, indem sie sich mit einer Anfrage an den Regierungsrat wandte. Dessen Antwort: Den Katalog von Gründen für Einsprachen kann der Kanton nicht beeinflussen, der wird auf Bundesebene geregelt. Durchaus Spielraum gäbe es aber beim Verbandsbeschwerderecht, den Kosten für eine Einsprache und dem Umfang der Baubewilligungspflicht.F wie Fristen verkürzenIm Kanton Zürich dauert es im Schnitt 170 Tage von einer Baubewilligung bis zu einem Entscheid, in der Stadt Zürich sogar 330 Tage. Im Vergleich zu 2010 ist das im Fall der Stadt mehr als eine Verdoppelung. Soll schneller gebaut werden, liegt der Schluss nahe, dass auch rascher bewilligt werden muss. Dazu sollten Fristen gekürzt werden.Nur: Erst jüngst diskutierte der Kantonsrat über eine ebensolche Anpassung. Das Anliegen, einzelne Fristen zu verkürzen, scheiterte. Die gemeinten Fristen seien nur ein Richtwert, und sowieso könnten die zuständigen Behörden nur so schnell bewilligen, wie sie eben Ressourcen dafür hätten, lauteten die Argumente. Ob und wann Fristen angepasst werden, die tatsächlich einen Einfluss auf die Dauer der Verfahren hätten, bleibt also fraglich.G wie Gewerbezonen umnutzenIndustrie mitten in der Stadt? Weitläufige Gewerbezonen? Da könnten überall Wohnungen sein, meinen manche. So kursiert als Lösung für die Wohnungsnot, dass Industrie- und Gewerbezonen zu diesem Zweck einfacher zu Wohnzonen gemacht werden sollen. Das erwähnte etwa die FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh als Reaktion auf die abgelehnten Wohnungsinitiativen. Eine derartige Flexibilisierung der lokalen Bau- und Zonenordnungen wäre wünschenswert, sagte sie.Der Ökonom Salvi unterstützt diese Idee: «Die Mieten für Gewerberäume steigen langsamer als jene für Wohnungen. Wir haben offensichtlich ein relatives Überangebot für das Gewerbe.» Gewerbeflächen umzuzonen, wäre ein einfaches Mittel, um an mehr Wohnraum zu kommen.H wie HochhäuserBaustelle beim Letzigraben: Hochhäuser könnten dazu beitragen, die Wohnungsknappheit zu mindern.Gaëtan Bally / KeystoneDer Boden ist knapp? Dann lasst uns in den Himmel bauen! So oder so ähnlich lesen sich Vorschläge, die Hochhäuser als die Lösung für die Wohnungsnot präsentieren. In Zürich wurden als mögliche Zonen für höhere Bauten etwa Gebiete im Norden und Westen der Stadt vorgeschlagen.Das hat der Gemeinderat zwar abgelehnt: Die Hochhausrichtlinien wurden von einer Allianz aus SVP und linken Parteien versenkt. Doch die Debatte ist noch nicht zu Ende. Im September stimmt die Stadt über die Hochhausrichtlinien ab – und im Rest des Kantons ist das Feld noch weit offen.Kaufmann begrüsst die Idee, mehr Hochhäuser zu errichten – allerdings unter gewissen Bedingungen: «Hochhäuser lohnen sich vor allem da, wo heute noch wenige Menschen leben. Sonst ist der soziale Preis zu hoch.»S wie SubjektförderungEin Problem in der Wohnpolitik ist momentan, dass sich manche Menschen die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. Deshalb macht nun eine Idee die Runde, dass diesen Menschen ein Teil der Miete vom Staat finanziert werden soll. Diese sogenannte Subjektförderung – im Gegensatz zur Objektförderung, bei der Wohnungen finanziert werden – soll gezielt dafür sorgen, dass die Bedürftigsten sich weiterhin Wohnraum in der Stadt leisten können.Kaufmann wirft ein, dass Subjektförderung ein Ziel der Objektförderung nicht erreicht: die soziale Durchmischung. Das schliesse sie aber als ein mögliches Instrument nicht aus. «Man muss einfach beide Ansätze zusammendenken.»Ein Mann arbeitet an einer Fassade der städtischen Wohnsiedlung Tramdepot Hard: Bezahlbare Mieten sorgen für eine soziale Durchmischung.Michael Buholzer / KeystoneS wie Sanierungen vereinfachenEine der Situationen, die zumindest von links in der wohnpolitischen Debatte am häufigsten beklagt wird, ist folgende: Ein Gebäude kommt in die Jahre, wird saniert und danach teurer neu vermietet. Eigentümer halten der Kritik, dass die Mieterhöhung nach der Sanierung ungerechtfertigt sei, üblicherweise entgegen, dass Sanieren eben teuer sei – und aufwendig. Ein Ansatz, den Prozess zu verbilligen, weil er kürzer wird, kommt nun von FDP, GLP, Mitte und SVP: Mittels Postulat fordern sie, dass Sanierungen in Zukunft keine Baubewilligungen mehr erfordern sollen: Das gilt für Fensterersatz, Fassadendämmung, neue Lüftungen oder Dachbegrünung. Der Kantonsrat wird das Postulat noch diskutieren, anschliessend wird der Regierungsrat Stellung nehmen.W wie weisse Zonen einführenEin Vorschlag, den die FDP bereits gemacht hat, ist die Einführung sogenannter «weisser Zonen». Dort sollen Regeln so gelockert werden, dass schneller, höher, dichter gebaut werden kann. Diese reduzierten Regeln könnten immer dann gelten, wenn eine Region unter akuter Wohnungsknappheit leidet. Wo solche «weissen Zonen» eingerichtet werden sollen, sollen die Gemeinden bestimmen.Salvi findet insbesondere die Idee, die Anwohner einer «weissen Zone» in die Definition der Regeln einzubeziehen, interessant: «Die Idee, Anwohner auf diese Weise zu beteiligen, könnte einige der Probleme lösen, die es heute mit Einsprachen gibt.»Auch Kaufmann begrüsst die Idee der «weissen Zonen» – allerdings einfach als kontrolliertes Experiment. Er sagt: «Um einmal beobachten zu können, was passiert, wenn alle Regeln fallen, wäre das auf jeden Fall interessant.» Salvi gibt zu bedenken, dass die Idee genau wegen ihres Ausmasses kaum ein gangbarer Weg sei. Er findet, dass «weisse Zonen» nur sehr lokal und temporär genutzt werden sollten – andernfalls böten sie zu viele Unwägbarkeiten. Salvi sagt: «Weisse Zonen sind innovativ – im aktuellen politischen Umfeld möglicherweise zu innovativ.» Aber vielleicht ist «zu innovativ» genau das, was der Kanton jetzt braucht.Passend zum Artikel