Der Bundesrat streicht Bahnausbauprojekte für 2,5 Milliarden Franken – Zürich kritisiert Röstis Pläne scharfDas Verkehrsdepartement will kleinere Vorhaben streichen, weil die Mittel fehlen. Der Kanton Zürich warnt vor gravierenden Folgen für bereits beschlossene Grossprojekte.19.06.2026, 18.28 Uhr4 LeseminutenDer Bund will den Bahnhof Zürich Stadelhofen auf vier Geleise ausbauen, doch der Kanton ist unzufrieden.Herbert Brändle / ImagoIn der Schweiz gibt es bei der Bahn keine Investitionsruinen. Wer solche sucht, wird im Ausland fündig. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke vom südfranzösischen Perpignan nach Barcelona etwa verkehren nur wenige Züge, obwohl der Bau Milliarden kostete.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es handelt sich um ein extremes Beispiel. Kritiker befürchten nun jedoch, dass auch in der Schweiz Fehlinvestitionen drohen, die bei der Schiene bis anhin als vorbildlich gilt. Der Hintergrund sind die Mehrkosten von bis zu 14 Milliarden Franken beim Bahnausbau bis zum Jahr 2045. Im Auftrag des Bundes hat der ETH-Professor Ulrich Weidmann die Projekte daher einer Priorisierung unterzogen.Am Freitag nun hat der Bundesrat die Vernehmlassungsvorlage für den weiteren Ausbau von Schiene und Strasse («Verkehr 45») verabschiedet. Die wichtigsten Projekte, die mit den nächsten Paketen geplant sind, hatte Verkehrsminister Albert Rösti (SVP) bereits mit den Eckwerten im Januar vorgelegt. Neu ist die Streichliste: Die Regierung will, dass das Parlament auf rund 70 Ausbauprojekte im Umfang von 2,5 Milliarden Franken verzichtet, die es bereits beschlossen hat.Sie stützt sich dabei auf das Gutachten Weidmanns. Der Auslöser seien die knappen finanziellen Mittel sowie die Empfehlungen der ETH, schreibt Rösti Verkehrsdepartement (Uvek). Weidmann empfahl, sich auf strategische Grossprojekte statt auf kleinteilige Verbesserungen zu fokussieren.Betroffen sind neben Doppelspurausbauten primär kleinere Massnahmen wie zusätzliche Kreuzungs-, Überholungs- und Wendegeleise. Gemäss Verkehrsplanern sind gerade diese Investitionen oft nötig, um langfristig aufgegleiste Fahrplankonzepte umzusetzen. Erst dank der minuziös geplanten Netzentwicklung könnten Grossprojekte ihren vollen Nutzen ausschöpfen.Weniger FahrplanverbesserungenDas Uvek räumt in einem Faktenblatt ein, dass die Streichung zu spürbaren Abstrichen am ursprünglich geplanten Angebot ab dem Jahr 2035 führen wird. Gemäss dem Bundesamt für Verkehr (BAV) betrifft dies insbesondere die Beschleunigung auf der Ost-West-Achse zwischen St. Gallen und Genf sowie Ausbauten zwischen Bern und Neuenburg oder im Aaretal. Der Kernnutzen des Konzepts – etwa der Viertelstundentakt zwischen Zürich und Bern oder der Halbstundentakt zwischen Bern und Luzern – solle dagegen gewahrt bleiben.Der Bund wird die rund 70 Projekte sistieren. Der definitive Entscheid liegt beim Parlament. Und dort dürften Röstis Pläne noch zu reden geben. Besonders heftige Opposition erwächst diesen im Kanton Zürich. Der Regierungsrat übte am Freitag fundamentale Kritik, die weit über das übliche regionalpolitische Lobbying hinausgeht. In einer Mitteilung mahnte er, das bundesrätliche Vorhaben heble faktisch den 2019 vom Parlament beschlossenen Ausbauschritt 2035 aus.Zwar anerkennt der Kanton den Druck zur Priorisierung, weil die Mittel fehlen. Diese müsse sich jedoch auf den Nutzen für die Bevölkerung und die verkehrs- und raumplanerischen Ziele abstützen. Weidmanns Gutachten erfülle diesen Anspruch nicht, weil ein funktionierendes Konzept für das Bahnangebot bis 2045 fehle. Gleichzeitig sähen Weidmann und nun auch der Bundesrat zusätzliche milliardenteure Grossprojekte wie den Grimseltunnel und erste Etappen von Ausbauten in Luzern und Basel vor.Zürich verlangt deshalb, dass der Bund bereits beschlossene und sinnvolle Ausbauten umsetzt, bevor er das Budget mit zusätzlichen und «nicht finanzierbaren neuen Ausgaben» überfrachtet. «Es geht nicht an, dass neue touristische Milliardenprojekte wie der Grimseltunnel aufgenommen werden, bevor die bereits im Bau befindliche Infrastruktur ihre Wirkung entfalten kann», liess sich die Zürcher Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP) vernehmen.Konkret befürchtet Zürich, dass Grossprojekte wie der Vierspurausbau zwischen Zürich und Winterthur (Brüttener Tunnel), von dem auch die Ostschweiz profitiert, nicht den vollen Nutzen haben werden. In der Vernehmlassungsvorlage fehlten die nötigen ergänzenden Infrastrukturen wie Kreuzungsstellen oder Perronverlängerungen, kritisiert der Kanton. Die Finanzierung und die Realisierung seien nicht gesichert. Der Bundesrat und Weidmann berücksichtigten diese Zusammenhänge ungenügend. Ohne Korrektur drohten gesamtverkehrlich und volkswirtschaftlich unsinnige Fehlentscheidungen, die sich die Schweiz nicht leisten könne.Die Kritik ist umso brisanter, als Zürich stark vom nächsten Ausbaupaket für die Bahn profitieren soll. Rösti sieht ein viertes Gleis in Zürich Stadelhofen und den Zimmerberg-Basistunnel II zwischen Thalwil und Zug vor. Dazu kommen eine erste Etappe des Durchgangsbahnhofs Luzern mit dem Dreilindentunnel und die unterirdische Neubaustrecke von Neuenburg nach La-Chaux-de-Fonds. Alle diese Ausbauten, darunter auch der Grimseltunnel zwischen Innertkirchen und Oberwald, bezeichnet das Uvek neu als «strategische Netzelemente mit nationaler Wirkung».Bis 2045 sollen insgesamt 24 Milliarden Franken in den Ausbau der Schiene fliessen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass das Stimmvolk und die Stände der unbefristeten Weiterführung des Bahninfrastruktur-Mehrwertsteuerpromilles zustimmen.Streit um AutobahnausbauZurückhaltender agiert der Bundesrat bei den Nationalstrassen, nachdem das Stimmvolk im Jahr 2024 die letzte Ausbauvorlage abgelehnt hat. Um dem Volkswillen Rechnung zu tragen, sieht er lediglich zwei Kapazitätserweiterungen vor, den Ausbau auf sechs Spuren zwischen Perly und Bernex sowie zwischen Aarau-Ost und Birrfeld. Auf rund 30 Ausbauprojekte verzichtet die Regierung, wie sie bereits im Januar bekanntgegeben hat. Flankierend prüft der Bund, auf stark belasteten Abschnitten Pannenstreifen temporär umzurüsten.Dem Verkehrsclub der Schweiz (VCS) geht selbst dieser reduzierte Ausbau noch zu weit. Er warf dem Bundesrat am Freitag vor, eine überholte Verkehrspolitik zu zementieren. Auf der Gegenseite kritisierten die Automobilverbände, die Strasse werde gemessen an ihrer tatsächlichen Bedeutung unzureichend berücksichtigt. Während bei der Schiene über das «wie» und «wo» gestritten wird, geht es bei der Autobahn um grundsätzliche Fragen.Passend zum Artikel
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