KommentarAlbert Rösti betreibt beim Bahnausbau Regionalpolitik – ein Konzept scheint nicht vorhandenFür die Umsetzung bereits beschlossener Ausbauten werden die Mittel knapp. Trotzdem verspricht der Verkehrsminister bereits die nächsten Grossprojekte.25.06.2026, 16.50 Uhr3 LeseminutenBundesrat Albert Rösti will mit dem nächsten Ausbauschritt unter anderem den Grimseltunnel und eine erste Etappe des Luzerner Durchgangsbahnhofs realisieren.Sandra Ardizzone / CH MediaEine gute Verkehrsinfrastruktur ist für ein wachsendes Land wie die Schweiz essenziell. Am vergangenen Freitag hat der Bundesrat die Vernehmlassung zum weiteren Ausbau der Schiene und der Nationalstrassen gestartet. Er folgt damit im Wesentlichen den im Januar skizzierten Eckwerten. Nun ist auch klar, auf welche rund 70 kleineren Bahnprojekte die Regierung verzichten will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Reaktionen folgten dem üblichen Muster. So kritisierte Zürich, dass der Bundesrat die S-Bahn-Haltestelle Winterthur Grüze Nord streichen will, die das Parlament im Jahr 2019 beschlossen hat. Das Passagieraufkommen wäre dort höher als in den Bahnhöfen verschiedener Kantonshauptorte, hiess es in einer Mitteilung. Der Seitenhieb dürfte anderswo nur den üblichen Anti-Zürich-Reflex auslösen.Das wäre bedauerlich. Denn Zürich bringt beim Bahnausbau grundsätzliche Kritik an, die gehört werden sollte. Der Kanton gilt bei der Planung der Schiene seit Jahrzehnten als vorbildlich. Er entwickelt die Etappen seiner S-Bahn konsequent nach einem langfristigen Angebotskonzept. Zürich sei damit unter den Kantonen die Ausnahme, sagte Guido Schoch im Jahr 2023 der NZZ, der lange in ÖV-Kaderfunktionen in verschiedenen Regionen tätig war.Der Kanton verweist darauf, dass für Grossprojekte wie den Brüttener Tunnel (Strecke Zürich–Winterthur) erfahrungsgemäss ergänzende Baumassnahmen von rund 40 Prozent der Kosten notwendig sind, damit diese ihren vollen Nutzen entfalten. In der Vernehmlassungsvorlage fehlten aber die nötigen Infrastrukturen wie Kreuzungsstellen oder Perronverlängerungen – und das, obwohl die SBB mit dem Bau des Brüttener Tunnels beginnen.Rösti und der Bund sind in einer schwierigen Lage. Abstriche beim Bahnausbau sind unumgänglich, da es zu hohen Mehrkosten kommt und die Mittel knapp werden. Die Kantone dürfen deshalb den Blick für das Ganze nicht verlieren. Für die Ostschweiz etwa heisst das: Der ebenfalls 2019 beschlossene Doppelspurausbau bei Rorschach, der nun wegfallen soll, ist wünschbar, aber nicht zwingend. Wichtiger ist für die Region, dass der Brüttener Tunnel möglichst bald seinen vollen Nutzen entfaltet. Auch die Ostschweiz profitiert davon.Doch Rösti betreibt zu stark Regionalpolitik, wie das Parlament. Obwohl es bei der Umsetzung bereits beschlossener Ausbauten offene Fragen gibt, verspricht der Bundesrat bereits die nächsten Grossprojekte. Basel etwa soll einen Tiefbahnhof erhalten, wenngleich unklar ist, welches Projekt Sinn ergibt.Mit dem Grimseltunnel erhält ausgerechnet ein Vorhaben Priorität, das den geringsten Nutzen hat. Bis anhin ist lediglich von einem Regionalzug pro Stunde und Richtung die Rede. Aus regionaler Optik gibt es gute Argumente für den Grimseltunnel, der parallel zu einer Stromleitung gebaut werden soll. Die Röhre würde den Randregionen Oberhasli und Obergoms touristisch interessante neue Verbindungen ermöglichen. Aber sie trägt nicht dazu bei, das nationale Schienennetz weiterzuentwickeln, wie der Bund nun weismachen will.Die Schweiz sollte sich bei der Bahn, für die sie international bewundert wird, auf ihre Stärken besinnen. Jeder Ausbau muss auf einem Fahrplan- und Angebotskonzept basieren. Bevor neue Grossprojekte aufgegleist werden, müssen die Mittel gesichert sein, um bereits beschlossene Vorhaben richtig umzusetzen. Die Zusatzkosten für Kreuzungsstellen oder Abstellgleise sind auch bei neuen Grossprojekten wie den Tiefbahnhöfen in Luzern und Basel konsequent zu berücksichtigen.Zu einer ganzheitlichen Verkehrspolitik gehört es zudem, die grössten Engpässe auf den Nationalstrassen zu beseitigen. Das Stimmvolk hat vor kurzem die Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz verworfen, wofür sich auch die Linke engagiert hat. Es ist inkonsequent, wenn sich Verbände wie der VCS nun weiterhin dogmatisch gegen jeden Autobahnausbau stellen. Rösti hat auf das Nein zur Nationalstrassen-Vorlage von 2024 reagiert. Er hat bereits im Januar zahlreiche Projekte gestrichen und plant lediglich einen bescheidenen nächsten Ausbauschritt. Eine Blockade bei der Strasse bringt weder die Bahn noch die Schweiz weiter.Passend zum Artikel