Initianten des Grimseltunnels vergeben Bauauftrag – früherer Chefbeamter reicht Beschwerde einDie Politik hat die Röhre vom Oberhasli ins Obergoms noch gar nicht beschlossen. Der langjährige Chefjurist des Bundesamts für Verkehr spricht von einer unlauteren PR-Aktion.21.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Grimseltunnel soll zwei Randregionen verbinden und neue touristische Angebote ermöglichen.Arnulf Hettrich / ImagoDie Grimselbahn AG macht vorwärts. Vergangene Woche haben die Initianten den Auftrag für die Planung und den Bau des Tunnels vergeben, der Innertkirchen mit Oberwald verbinden soll. Den Zuschlag hat die Marti Tunnel AG erhalten, wie der Beschaffungsplattform Simap.ch zu entnehmen ist. Die Zeitungen von CH Media haben zuerst darüber berichtet. Der Preis beläuft sich auf 551,2 Millionen Franken – das ist wesentlich weniger als die rund 800 Millionen Franken, von denen der Bund bis anhin ausgeht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Zuschlag erfolgt unter Vorbehalt. Die Auslösung der Planungsphase setze voraus, dass das Bundesamt für Verkehr (BAV) die erforderlichen Mittel aus dem Ausbauschritt 2035 freigebe, schreibt die Grimselbahn AG. Zudem hänge die Realisierung davon ab, ob das Parlament das Projekt im Rahmen der Botschaft «Verkehr ’45» beschliesse. Der Grimseltunnel soll parallel zu einer unterirdischen Stromleitung realisiert werden. Dies senkt die Kosten, führt aber zu zeitlichem Druck.Viele offene FragenDer Bundesrat hat die Vorlage «Verkehr ’45» allerdings erst im Juni in die Vernehmlassung geschickt. Der Grimseltunnel gehört zu den Projekten, die im nächsten Ausbauschritt enthalten sein sollen. Der Entscheid steht unter dem Vorbehalt, dass die Kombination mit der Übertragungsleitung möglich ist, wie die Regierung im erläuternden Bericht festhält. Das Ergebnis dieser Überprüfung soll im zweiten Halbjahr vorliegen. Zudem erwartet der Bundesrat von den Standortkantonen und -gemeinden den Nachweis über das Potenzial des Tunnels. Sollten die Kosten stark steigen oder weitere Bedingungen unerfüllt bleiben, sei auf das Projekt zu verzichten.Trotz diesen Unwägbarkeiten signalisieren die Promotoren des Grimseltunnels nun, dass das Projekt baubereit sei – und erhöhen damit den Druck auf die Politik. Der Tunnel soll im sogenannten Allianzverfahren gebaut werden. Ein Konsortium erhält am Anfang den Auftrag, um die Planung und die Realisierung zu machen. Verkehrsminister Albert Rösti will die Botschaft für den Bahnausbau Anfang kommenden Jahres vorlegen. Anschliessend ist das Parlament am Zug.Doch gegen das Vorgehen der Grimselbahn AG regt sich Widerstand. Peter König leitete bis 2022 den Rechtsdienst des BAV und übt scharfe Kritik. Er hat bei Röstis Verkehrsdepartement (Uvek) wegen der Vergabe vor kurzem eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht. Das Dokument liegt der NZZ und weiteren Medien vor.Der Zuschlag widerspreche jeglicher Planungs- und Baulogik und werfe die üblichen Abläufe über den Haufen, schreibt König. Mit dieser Vergabe verbinde sich vor allem die Absicht, einen attraktiv tiefen Preis zu lancieren und die Entscheidungsfindung des Parlaments zu beeinflussen. «Eine solche PR-Aktion ist unlauter und geradezu rechtsmissbräuchlich.» Das Vorgehen sei gegenüber dem Stimmvolk, den Steuerzahlern und dem Bund nicht hinnehmbar.Unrentable RegionallinieKönig argumentiert weiter, die Vergabe sei höchstwahrscheinlich widerrechtlich. Sie verstosse gegen Bestimmungen des Subventionsgesetzes. Zudem sei die Grimselbahn AG kein Bahnunternehmen und verfüge über keine Konzession. Eine solche werde der Bund auch kaum erteilen können, da die Voraussetzungen, etwa die Eigenwirtschaftlichkeit, schwerlich erfüllt seien. Schon heute steht gemäss König fest, dass mit dem Tunnel eine hochdefizitäre Regionallinie geschaffen würde, die der Bund und die Kantone dauerhaft subventionieren müssten. Er verweist darauf, dass gegenwärtig bereits andere, weit weniger unrentable Linien auf den Prüfstand geraten.Weiter bemängelt König, dass für das Projekt weder das Ergebnis der Umweltverträglichkeitsprüfung noch die Plangenehmigung vorlägen. Ohne diese sind auch die Auflagen nicht bekannt – etwa zum Umgang mit Deponiematerial, zur Baustellenzufahrt oder zu den Sicherheitsmassnahmen während des Baus und des Betriebs. «Es besteht nicht die geringste verlässliche Grundlage, damit irgendein Anbieter einen reellen Preis nennen kann», schreibt König.Er bezweifelt, dass die geschätzten Kosten von rund 500 Millionen Franken im Vergleich zu anderen Projekten realistisch sind. So habe bereits der Vereinatunnel der Rhätischen Bahn vor rund einem Vierteljahrhundert gegen eine Milliarde Franken gekostet. Der Kredit für den Ausbauschritt 2035 des BAV enthalte zudem gar keine Mittel für den Grimseltunnel.Die Grimselbahn AG nahm zu der Kritik keine Stellung. Man wisse nichts von der Beschwerde, sagte Dres von Weissenfluh, der Sekretär des Verwaltungsrats. Das Uvek bestätigte auf Anfrage den Eingang einer Aufsichtsanzeige. Inhaltlich könne man sich vorerst ebenfalls nicht dazu äussern, sagte ein Sprecher.Die Skepsis der ÖV-Branche gegenüber dem Grimseltunnel ist gross. Neben König haben sich bereits namhafte Exponenten kritisch geäussert – unter ihnen der frühere SBB-Chef Benedikt Weibel, der ehemalige BAV-Direktor Peter Füglistaler und Ueli Stückelberger, der Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV). Der Tunnel bringe wenig und koste nicht nur im Bau viel, argumentieren sie.Passend zum Artikel