Zurück auf Feld 1: Die Stadt Zürich muss ein millionenteures Öko-Projekt abbrechen und neu ausschreiben – dabei hatte die Stimmbevölkerung schon Ja gesagtCO2 aus Klärschlamm abscheiden und in der Nordsee versenken, das wollte die Stadt Zürich. Jetzt merkt sie: So einfach ist das nicht.09.07.2026, 15.55 Uhr4 LeseminutenIm Werdhölzli wird sehr viel Klärschlamm verbrannt.Keystone /Ennio LeanzaAuf ihrem Weg zu Netto-Null hat die Stadt Zürich einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Sie muss ein Pionierprojekt zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid auf Eis legen. Dies hat die Stadt am Mittwoch mitgeteilt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Hintergrund ist, dass die Stadt Zürich auf dem Areal Werdhölzli heute eine Anlage zur Verbrennung von Klärschlamm betreibt, der bei der Abwasserreinigung anfällt. Im Werdhölzli wird der Klärschlamm des ganzen Kantons Zürich und sogar von weiteren Anlagen in anderen Kantonen verbrannt. Dabei werden jährlich rund 20 000 Tonnen CO2 freigesetzt. Weitere rund 5000 Tonnen CO2 pro Jahr fallen bei einer Biogas-Aufbereitungsanlage auf dem gleichen Gelände an.Die Stadt Zürich wollte diese 25 000 Tonnen CO2 künftig nicht mehr in die Atmosphäre entweichen lassen, sondern verflüssigen und dauerhaft speichern. Die eine Hälfte sollte in Recyclingbeton in der Schweiz integriert werden, die andere Hälfte sollte an die Nordsee transportiert und dort tief unter dem Meeresgrund eingelagert werden.Im September 2024 sagte die Zürcher Stimmbevölkerung Ja zum Vorzeigeprojekt der SP-Stadträtin Simone Brander. Kostenpunkt: einmalig 35,5 Millionen Franken, dazu weitere jährliche Ausgaben von 14,2 Millionen Franken. Die Bauarbeiten sollten diesen Herbst beginnen, und die Anlage sollte ihren Betrieb Ende 2028 aufnehmen.Anforderungen zu komplexMit einer öffentlichen Ausschreibung wollte die Stadt anschliessend ein Unternehmen finden, das die Anlage für sie baut. Doch daraus wird nun nichts. Die Stadt hat die Ausschreibung abgebrochen. Das Problem sind das gewählte Ausschreibungsverfahren und die komplexen technischen Anforderungen.Tobias Nussbaum, der Mediensprecher von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ), erklärt im Gespräch mit der NZZ, wie die meisten Beschaffungen ablaufen: Die ausschreibende Stelle veröffentlicht einen Leistungsbeschrieb und einen Vertragsentwurf. Die Unternehmen reichen dann eine Offerte ein. Weiter bestehe die Möglichkeit, innerhalb einer festgelegten Frist schriftliche Fragen zu stellen, die anschliessend für alle zugänglich mit den Antworten publiziert würden.«Bei unserem Projekt hat sich gezeigt, dass das so nicht funktioniert», sagt Nussbaum. «Die Anforderungen sind so komplex, dass bei den Unternehmen trotz einer intensiven Fragerunde viele Punkte offen blieben. Sie konnten deshalb keine Angebote einreichen, die dann auch noch vergleichbar waren.»Jetzt prüft die Stadt, wie die Neuausschreibung gestaltet werden kann. Im Fokus steht das sogenannte Dialogverfahren. Wie die Beschaffungskonferenz des Bundes, eine Fachstelle der Eidgenossenschaft, in einem Leitfaden festhält, können beim Dialogverfahren mögliche Lösungswege und Leistungen Schritt für Schritt gemeinsam zwischen Auftraggebern und Anbietern konkretisiert werden. Dieses Vorgehen biete sich gerade für komplexe und innovative Projekte an. Der ERZ-Sprecher Nussbaum spricht von einem Pingpong.Laut Bund liegt der Vorteil für die anbietenden Firmen darin, dass sie nicht schon von Anfang an ein bis ins Detail ausgearbeitetes Angebot vorlegen müssen. Ausserdem werde die Ausarbeitung der Lösungsvorschläge zumindest teilweise vergütet. Ein Nachteil ist laut ERZ aber, dass es mit diesem Verfahren noch kaum Erfahrungswerte bei öffentlichen Beschaffungen gibt.Die SVP als frühe WarnerinNicht überrascht über die Probleme mit der Anlage ist man bei der Stadtzürcher SVP. Die Partei hatte sich als einzige von Anfang an dagegen ausgesprochen. Besonders der SVP-Stadtparlamentarier Johann Widmer sieht es kritisch. Der Unternehmer kennt sich mit dem Bau von Chemieanlagen aus. «Das Projekt wurde von Grund auf falsch konzipiert», sagt er. «Die Anlage ist zu klein und zu teuer. Ausserdem ist es sinnlos, CO2 durch die Weltgeschichte zu transportieren.»Widmer stellt nicht die CO2-Abscheidung an sich infrage. Aber ihm schwebt eine andere Anlage vor: Das CO2 sollte mit Wasserstoff, der mit Hilfe von Solarstrom gewonnen werden solle, zu klimaneutralem Methanol synthetisiert werden. Gerade im Sommer gebe es dank den vielen Solaranlagen Strom im Überfluss. Um Skaleneffekte zu nutzen, solle zudem auch der CO2-Ausstoss der KVA Hagenholz zu Methanol werden.Methanol ist ein wichtiger Rohstoff in der Chemie und ein Energieträger. So plant zum Beispiel die Axpo in der Baselbieter Gemeinde Muttenz ein Reservekraftwerk, das dereinst ausser mit Biodiesel auch mit CO2-neutralem Methanol betrieben werden kann. Auch in der Schifffahrt gewinnt klimaneutrales Methanol an Bedeutung. Die dänische Grossreederei Maersk betreibt eine ganze Flotte von Methanol-tauglichen Frachtschiffen.Im Kanton Zürich wurde Methanol ebenfalls schon eingesetzt, so etwa bei einer Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage beim Produktionsbetrieb der Confiserie Sprüngli in Dietikon.«Methanol ist gesucht», sagt Widmer, «man kann es verkaufen.» Er ist überzeugt, dass die Stadt Zürich nicht einmal als Investorin auftreten müsste. «Es gibt genügend private Unternehmen, welche mit Bio-Methanol Geld verdienen wollen.»Wann es weitergeht, ist unklarDass die Stadt Zürich die CO2-Abscheidung völlig neu aufgleisen würde, ist aber nicht geplant. Sowieso würde dazu eine neue Volksabstimmung notwendig, weil es sich um ein völlig anderes Projekt handelte.Bei Entsorgung und Recycling Zürich ist man davon überzeugt, dass das ursprüngliche Konzept funktioniert. Der Mediensprecher Tobias Nussbaum sagt, es sei zwar anspruchsvoll, die CO2-Abscheidung in den Rauchgasstrom der bestehenden Klärschlammverwertung zu integrieren. «Das bedeutet nicht, dass es technisch nicht möglich wäre oder dass es keine Firma gäbe, die das umsetzen kann.» Trivial sei es aber nicht. «Deshalb prüfen wir das Ausschreibungsverfahren, das einen intensiveren Austausch mit den Anbieterfirmen ermöglicht.»Teurer werden sollte die Anlage deswegen nicht. «Wir gehen davon aus, dass wir den Kostenrahmen einhalten können», sagt Nussbaum.Offen ist hingegen der Zeitplan. Das ursprüngliche Projekt sah vor, im Herbst 2026 mit den Bauarbeiten zu beginnen und die Anlage per Ende 2028 in Betrieb zu nehmen. Diese Termine dürften Makulatur sein. Wann eine neue Anlage gebaut und in Betrieb genommen werden könnte, kann bei der Stadt und bei ERZ heute niemand abschätzen.Passend zum Artikel
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