PfadnavigationHomePolitikAuslandWahl in Kolumbien„Autoritäre, sozialistische Versammlung“ – Der Kandidat, der dem Westen den Rücken zuwenden willStand: 10:02 UhrLesedauer: 4 MinutenDemonstranten in Medellín unterstützen Amtsinhaber Gustavo Petro (l.) und Präsidentschaftskandidat Ivan Cepeda während einer Kundgebung am 1. MaiQuelle: AFP/JAIME SALDARRIAGAIn Kolumbien droht ein Linksruck. Ausgerechnet im Nato-Partnerland haben Gegner des Westens gute Chancen auf einen Wahlsieg. Das hätte auch Folgen für die angespannte Lage auf Europas Drogenmärkten.Als die Hamas am 7. Oktober 2023 bei ihrem brutalen Überfall auf Israel Frauen und Mädchen vergewaltigte, Kinder tötete und bei einem Musikfestival Besucher niedermetzelte, sprach Mauricio Jaramillo-Jassir im sozialen Netzwerk X vom Beginn eines palästinensischen Frühlings. Heute ist Jaramillo-Jassir stellvertretender Außenminister Kolumbiens und macht aus seiner Ablehnung gegenüber Israel, den USA und Europa keinen Hehl.Jaramillo-Jassir gehört zur aktuellen kolumbianischen Linken, die hofft, am Sonntag bei der Präsidentenwahl mit ihrem sozialistischen Kandidaten Ivan Cepeda den Sieg zu erringen. Cepeda ist der Wunschnachfolger des linkspopulistischen Amtsinhabers Gustavo Petro, der wegen einer Amtszeitbegrenzung nicht erneut antreten darf.In den Umfragen liegt Cepeda mit rund 34 Prozent vor allen anderen Kandidaten und dürfte damit ziemlich sicher in eine Stichwahl am 21. Juni einziehen. Auf der anderen Seite stehen ihm mit dem rechtslibertären Hardliner Abelardo de la Espriella (30 Prozent) und der konservativen Paloma Valencia (13 Prozent) zwei Kandidaten gegenüber, die das rechte Lager repräsentieren und klar proamerikanische Positionen beziehen.Mit der Entführung von Venezuelas Staatschef auf Befehl von US-Präsident Donald Trump haben Russland und China einen wichtigen Verbündeten in Lateinamerika verloren und Kubas kommunistisches Regime steht ebenfalls auf der Kippe. Aber besteht ausgerechnet im Nato-Partnerland Kolumbien wieder die Chance auf einen neuen Partner für die Gegner des Westens. Gewinnt dort der linke Kandidat Cepeda, wäre vor Amerikas Haustür eine Regierung mit klarer Ausrichtung gegen die USA für vier weitere Jahre konsolidiert. Zwar wurde Kolumbien in den vergangenen Jahren von Konservativen regiert, aber die Partnerschaft mit der Nato hat dennoch an Bedeutung verloren. Wenn der Linke Cepeda Staatschef wird, könnte die Verbindung endgültig gekappt werden. Stattdessen würde Kolumbien wohl ins Lager Chinas, Russlands und des Iran wechseln.Lesen Sie auch„Lateinamerikas Marxisten standen über internationale linke Organisationen wie das Forum von São Paulo und die Gruppe von Puebla schon immer China, Russland und dem Iran nahe“, sagt Carlos Augusto Chacón vom Zentrum für Politikwissenschaft (ICP) in Bogotá im Gespräch mit WELT AM SONNTAG.Die Gemeinsamkeiten bestünden in antiimperialistischen Narrativen, aber auch in der Praxis der Desinformation. Und natürlich setzten linke Regierungen in Lateinamerika auf enge Handelsbeziehungen mit China. Er erwartet im Falle eines Wahlsieges von Cepeda, dass sich Kolumbien von der Nato abwenden werde.Seit einem Abkommen von 2019 ist Kolumbien einer der sogenannten „Partners Across the Globe“ der Nato. Man kooperiert offiziell zu maritimer und Cybersicherheit, bei der Bekämpfung von Terror und organisierter Kriminalität. Kolumbien bildet Nato-Kräfte für die Räumung von Landminen aus.Antiwestliche HaltungDoch insgesamt gilt die Kooperation schon heute als kaum noch bedeutsam. „Petro hat oft davon gesprochen, Kolumbiens Verbindungen zur Nato zu kappen“, sagt Experte Chacón. „Ich glaube, dass Cepeda diesen Schritt umsetzen wird.“Die antiwestliche Haltung ist in Kolumbien auch deshalb populär, weil US-Präsident Donald Trump in den vergangenen Monaten immer mal wieder mit einer Militäroperation gegen Kolumbien gedroht hat. In dieser Stimmungslage möchte das linke Lager nach einem Wahlsieg eine verfassunggebende Versammlung einberufen, welche die Machtstrukturen im Land neu ordnen soll. Politikwissenschaftler Chacón befürchtet eine „autoritäre, nationalistische und sozialistische Versammlung, deren Ziel es gerade sein wird, das Land von seinen traditionellen Verbündeten zu isolieren“. Das erinnert an Venezuelas damaligen Revolutionsführer Hugo Chávez, der zu Beginn des Jahrhunderts die Verfassung ganz auf die Machterhaltung der Sozialisten zuschnitt.Schon jetzt hat die Abkehr Kolumbiens von Israel und den USA spürbare Folgen. Das hat auch etwas mit dem Scheitern des aus Deutschland mit vielen Steuermillionen geförderten Kernprojekts Petros zu tun, der Paz Total, dem „vollständigen Frieden“. Während der Verhandlungen mit den Guerilla-Gruppen und Paramilitärs, die letztlich alle mit den Drogenkartellen im Land verflochten sind, stellte der Staat die Bandenbekämpfung weitgehend ein. Das nutzte die Mafia, um ihre Macht in den schwer zugänglichen Drogenanbaugebieten gewaltsam auszubauen. Zudem setzte Petro als Reaktion auf Israels Vorgehen in Gaza den Kauf israelischer Militärtechnik aus. Kolumbiens Sicherheitskräfte gerieten dadurch im Kampf gegen die Drogenmafia immer mehr ins Hintertreffen. Lesen Sie auchIn Europa und Deutschland sind die Folgen schon zu spüren: Die Kokain-Produktion ist auf einem Höchststand, an den europäischen Häfen in Hamburg, Antwerpen oder Rotterdam verzeichnen die Behörden Rekordmengen dieser Droge, was wiederum die organisierte Kriminalität in Europa befeuert.„Die Kokain-Situation in Kolumbien war noch nie so ernst wie heute“, sagt der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister Gustavo Niño vom oppositionellen rechtskonservativen Bündnis Centro Democrático WELT AM SONNTAG. Nach Angaben der Vereinten Nationen und kolumbianischer Behörden sind die Koka-Plantagen extrem gewachsen. „Zuletzt hatten wir eine Rekordanbaufläche von 263.000 Hektar. Und denken Sie daran, dass die aktuellen Zahlen noch gar nicht vorliegen“, sagt Niño.Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.
Wahl in Kolumbien: „Autoritäre, sozialistische Versammlung“ – Der Kandidat, der dem Westen den Rücken zuwenden will - WELT
In Kolumbien droht ein Linksruck. Ausgerechnet im Nato-Partnerland haben Gegner des Westens gute Chancen auf einen Wahlsieg. Das hätte auch Folgen für die angespannte Lage auf Europas Drogenmärkten.
Ivan Cepeda führt Kolumbiens Präsidentschaftswahl (Sonntag) mit 34 % an und plant den NATO-Austritt. Ein Sieg würde Kolumbien – Rekord-Kokaanbau mit 263.000 ha – ins Lager Chinas und Russlands schieben und Europas Drogenlage weiter verschärfen.











