Seit Jahren ist die SP-Frau Badran die beliebteste Nationalrätin der Schweiz – und die ungehobeltste. Doch nun könnte die «Unzerstörbare» an sich selbst scheitern.31.05.2026, 05.02 Uhr5 LeseminutenNach der Desavouierung von Daniel Jositsch steht Jacqueline Badran, Zürcher SP-Nationalrätin, in den Startlöchern für eine Ständeratskandidatur.Alessandro Della Valle / KeystoneJacqueline Badran ist die lauteste Politikerin der Schweiz und die unhöflichste. Die 64-jährige SP-Nationalrätin ist eine der wichtigsten Stimmen der Partei in der nationalen Politik. Dort hat sie für sich die perfekte Bühne gefunden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach Auftritten kann sie bis in die frühen Morgenstunden in der Beiz weiterdozieren, angetrieben von Nikotin, Mineralwasser und Wut. Zu Wort kommt in diesen Runden nur sie. Hat Badran einmal losgelegt, ist sie nicht mehr zu stoppen.Innerhalb ihrer Partei hat Badran grossen Rückhalt. Das zeigte sich am Donnerstagabend, als die SP-Delegierten darüber abstimmten, ob sie den Ständerat Daniel Jositsch bei den kommenden Wahlen erneut ins Rennen schicken würden.Badran war an der Versammlung nicht einmal anwesend – doch das musste sie auch nicht sein. Den Verlauf des Abends bestimmte sie auch so.Im Vorfeld sagte sie gegenüber dem lokalen linken Online-Magazin «Tsüri», sie stehe für eine Ständeratskandidatur zur Verfügung, sollte Jositsch die Unterstützung seiner Partei verlieren. Auslöser des Gesprächs waren «Jacky 4 Ständerat!»-Kleber mit ihrem Konterfei, die in den Tagen davor in Zürich aufgetaucht waren. Zur NZZ sagte Badran, sie suche das Ständeratsamt nicht. Und sie wolle sich nicht in die Personalpolitik der Partei einmischen.Ob gewollt oder nicht, Badrans Signal erwies sich als entscheidend. Die SP will Jositsch bei den Wahlen nächstes Jahr nicht für eine vierte Amtszeit als Ständerat nominieren. Drei Jahre zuvor erreichte Jositsch das beste Wahlergebnis des Tages. Nun scheiterte der Mann, der von rund 237 000 Zürcherinnen und Zürchern im Ständerat bestätigt worden ist, in der eigenen Partei wegen acht Stimmen.Die sonst unüberhörbare Badran schweigt seither. Auf Anfragen der NZZ reagiert sie am Tag nach dem Jositsch-Showdown nicht.Ob sie mit ihrer Kandidatur ernst macht, ist unklar. Jositsch sagt, Badran hege schon lange Ambitionen. Die Frage sei nun, ob er ihr den Sitz überlasse. Doch passt die forsche Politikerin überhaupt in den Ständerat, in die Chambre de Réflexion?Ansprüche aus der ParteiDer SP-Kantonsrat Rafael Mörgeli ist einer der wenigen, die sich an der Versammlung für Daniel Jositsch aussprachen. Der Ständeratssitz wäre der SP mit Jositsch sicher gewesen, sagt Mörgeli. Umso wichtiger sei es jetzt, dass auf Badrans Worte Taten folgten. «Sie hat eine klare Ansage gemacht, als sie sich für eine Kandidatur bereit erklärte. Entsprechend klar sind nun auch die Erwartungen an sie.»Ein Rückzieher scheint eigentlich keine Option zu sein. Doch Badran hat schon einmal eine solche Kehrtwende vollführt: 2021 signalisierte sie Interesse an einer Stadtratskandidatur, nur um kurz vor Meldeschluss abzusagen.Mörgeli glaubt, dass Badran den Wechsel vom National- in den Ständerat schaffen kann. Schliesslich sei sie die Nationalrätin mit dem schweizweit besten Wahlergebnis. 2023 stand der Name Badran auf rund 151 000 Wahlzetteln. «Das zeigt, dass sie durchaus auch in anderen Parteien Stimmen holt.»Jacqueline Badran ist so beliebt, weil sie sagt, was sie denkt. «Dumme Seich!», sagt sie gerne einmal, oder: «Es schisst mich eifach aa!» Mit diesem Tonfall erreicht sie Hunderttausende. Auch dann, wenn sie auf Instagram mithilfe einer Salami Unternehmenssteuern erklärt. Sie wurde damit Panaschierkönigin des Kantons Zürich, und das gleich zwei Mal. Ihr Stil kommt an.Doch ihr rauer Ton könnte ihr nun zum Verhängnis werden, sollte sie für den ruhigen, gesitteten Ständerat kandidieren. «Gopferdami», «Bullshit», «Fucking» gehören dort nicht zum Standardwortschatz. Bei Badran schon. Im Nationalratssaal streckte sie einmal dem SVP-Nationalrat Gregor Rutz die Zunge raus. Sie nennt Andreas Glarner, ebenfalls SVP, «huere fucking Glarner». Eine Studentin, die sich für die «No-Billag-Initiative» einsetzt, wird von ihr öffentlich als «dumm wie Brot» bezeichnet. Widersprechen ihr SP-Mitglieder an Veranstaltungen, sagt sie schon einmal: «Boah, nein, sorry, das ist einfach Schwachsinn, was du sagst!»Selbst abseits der politischen Arena fällt sie mitunter mit ihrem groben Verhalten auf. Einen Mitarbeiter eines Nachtklubs bezeichnete sie als «Scheiss-Türsteher», weil er ihr das Rauchen verbot. Journalisten gegenüber tritt sie regelmässig grob auf. Einem Reporter von SRF sagte sie einmal: «Ihr gönd mir grad ghörig ufe Sack.»Badrans viele DünkelDass sie sich gegenüber Journalisten so zu äussern wagt, zeigt ihren Charakter: Sie denkt, was sie sage, sei Gesetz. Und alle, unabhängig von der politischen Couleur, haben aus ihrer Sicht keine Ahnung, wovon sie sprechen. Als an einer Informationsveranstaltung zum Thema Wohnen ein Zuhörer fragt, ob eine Aussage von ihr nicht einfach eine Behauptung sei, antwortet sie: «Ich behaupte gar nichts! Das ist so frech, dass Sie mir das unterstellen, nachdem ich extra hierhergefahren bin!»Auch einen gewissen Dünkel lässt Badran nicht vermissen. Aufgewachsen am Zürichberg, wohnt sie heute in einer 150-Quadratmeter-Eigentumswohnung in Wipkingen mit sechs Zimmern, Dachstock und Dachterrasse. Bekannt ist sie unter anderem auch dafür, dass in ihrer Gunst sinkt, wer beim Essen die Ellbogen auf dem Tisch aufstützt. Sie weigert sich ausserdem kategorisch, Menschen die Hand zu schütteln.Badran diskutiert nicht, sie doziert. Immer wieder betont sie dabei, dass sie Wirtschaft studiert habe, an der von ihr gerne als «neoliberal» bezeichneten Hochschule St. Gallen. Fragt dann jemand, etwa in einer Debatte über Wohnpolitik, nach Marktmechanismen, sagt sie nur: «Agebot und Nachfrag, jetzt wird’s ja richtig wild, nei ehrlich!»Die KlassenkämpferinManches lässt Zweifel daran aufkommen, dass Badran über die Kompromissbereitschaft verfügt, die es im Ständerat braucht, um etwas zu erreichen. Die kleine Kammer gilt als die ausgleichende Kraft im Schweizer Parlament, als der Ort, der auch von Zugeständnissen lebt.Jacqueline Badran, die mit prononcierten Positionen auf sich aufmerksam macht, wird in der kleinen Kammer auch deswegen anecken. «Wir sind es, die den Klassenkampf stoppen wollen!», sagt sie etwa im Streitgespräch mit der FDP-Nationalrätin Regine Sauter. In einem SRF-Beitrag behauptet sie, dass es «den Markt gar nicht gibt».Die Positionen, die Ständeräte vertreten, sind oft moderater als jene von Nationalräten. Der Alt-Ständerat Ruedi Noser (FDP) vertrat den Kanton Zürich während acht Jahren in Bern, zusammen mit Daniel Jositsch – dem laut Noser «besten Ständerat, den die SP je hatte». Sollte Badran nominiert werden, müsse die SP sich bewusst sein: Bekanntheit allein reiche nicht. «Das mussten schon andere SPler mit Ständeratsambitionen merken», sagt Noser. «Es ist kein Amt, in dem man Parteipolitik macht.» Man müsse glaubhaft zeigen, dass man den ganzen Kanton vertrete. Nicht nur die eigene Bubble – wie das bei der SP zunehmend der Fall sei.Badrans Wahlresultate beweisen, dass sie auch ausserhalb ihrer Bubble beliebt ist. Ihre ruppige Art hat ihr bisher kaum geschadet. Bezeichnen sie Wähler, Parteimitglieder, Bürger als unflätig und grob, stört sie das nicht. Warum auch? Sie wird ja trotzdem gewählt. Doch dass Badran, die Frau, die sich weigert, Hände zu schütteln, nächstens Wahlkampf macht, auf die Strasse geht und mit Menschen interagiert, sie vielleicht sogar zu Wort kommen lässt: Das ist eine Vorstellung, die nicht unbedingt zum ruppigen Naturell von Jacqueline Badran passen will.Die «Unkaputtbare»2001 überlebte Badran einen Flugzeugabsturz, wenige Jahre zuvor hatte sie ein Lawinenunglück überstanden. Von der «Unzerstörbaren» ist immer wieder die Rede, der «Unkaputtbaren». Sie hat noch alles überlebt, wird alles überleben – das gilt für ihr persönliches Schicksal ebenso wie für politische Auseinandersetzungen.Sie selber scheint zu glauben, dass sie jetzt auch die Wahl in den Ständerat locker schaffen wird. Überschätzt sie sich?Als sie 2022 ankündigte, wegen eines Burnouts mehrere Monate aus dem Politbetrieb auszuscheiden, sagte sie, ihr Arzt habe sie darauf hinweisen müssen, dass sie nicht mehr könne. Dass ihre Energie nicht mehr reichte, sie ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen war – das merkte sie selber nicht.Passend zum Artikel