KommentarDer Fall Jositsch zeigt, wie bei der SP die Juso den Tarif durchgeben. Ihr oberstes Prinzip ist hochproblematisch – und ob es sich auszahlt, fraglichDass die gewählte Strategie in den nächsten Zürcher Ständeratswahlen aufgeht, ist alles andere als sicher – trotz SP-Superstar Jacqueline Badran.29.05.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenDie falschen Positionen: Allein an der Persönlichkeit liegt es nicht, dass Daniel Jositsch bei der SP zusehends an Rückhalt verlor.Gaëtan Bally / KeystoneEs wirkt nach aussen spektakulär unvernünftig, was die Zürcher SP am Donnerstagabend mit der Ausbootung ihres Ständerats Daniel Jositsch angerichtet hat. Ohne Not hat sie eine komplett vorhersehbare Wiederwahl, von der sie selbst profitiert hätte, zu einem anarchischen Chaoswahlkampf mit offenem Ausgang umgeformt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer Unterhaltung mag, kann sich bei der SP bedanken.Bei den Ereignissen spielt Machtkalkül aber durchaus eine Rolle – einfach nicht mit Blick auf die Bundespolitik, sondern nach innen gerichtet: Der Ständeratssitz wird von der Zürcher SP bewusst aufs Spiel gesetzt zugunsten einer Bereinigung der Partei nach Gesinnung. Es geht um die Deutungshoheit darüber, was sozialdemokratische Politik ist. Und da wird es problematisch.Linke Gesinnung, wie sie am Donnerstagabend bei der SP wiederholt zum Ausdruck kam, ist eine moralische Zwangsjacke. Die Welt wird konsequent in Gut und Böse unterteilt, Politik in menschlich und unmenschlich. Höchstes Prinzip ist es, immer auf der «richtigen Seite» zu stehen, bei den Guten.Dahinter steht die gnadenlosen Logik des «Virtue signalling», jener performativen Tugendhaftigkeit, die die sozialen Netzwerke dominiert – und in der eine ganze Generation von Jungsozialisten verfangen scheint, die damit gross geworden ist und die heute in der SP den Ton angibt.In dieser Welt bleibt wenig Platz für Ambivalenz, Pragmatismus oder realpolitische Kompromisse, für die Jositsch stand. Wenn das Ziel stimmt, ist der Weg dahin nicht zu hinterfragen. Wer nicht spurt, wird diszipliniert. Die Freiheit zum individuellen Denken wird so zum Risiko, jede Zusammenarbeit mit dem politischen Gegner zum potenziellen Karrierekiller. Darunter leidet die kritische Reflexion der eigenen Positionen. Das ist für jede Partei langfristig verheerend und keine Basis für konstruktive Politik.Dass sich eine solche Haltung in der wichtigen Causa Jositsch durchsetzen konnte, zeigt, dass nun auch in der Zürcher SP ein generationeller Bruch vollzogen ist. Es ist der gleiche, der sich auf nationaler Ebene mit der Machtübernahme der ehemaligen Juso-Kader Meyer und Wermuth längst manifestiert hat. Die Experten für Aufmerksamkeitsökonomie in Zeiten schwindender Aufmerksamkeit haben übernommen.Das Muster ist eindeutig, die Ausrede fadenscheinigNatürlich wehrt sich die SP zurecht, es sei nichts Undemokratisches daran, in einer politischen Partei den Kurs und die roten Linien immer wieder neu auszuhandeln. Zumindest, wenn dies im Rahmen eines repräsentativen Prozesses passiert, der Zufallsmehrheiten besonders lauter Gruppen ausschliesst. Aber es ist halt auch eine Tatsache, dass selbst unter Einhaltung demokratischer Prozesse eine kritische Verengung des Meinungsspektrums, des Denk- und Sagbaren stattfinden kann, wenn man nicht aktiv dagegenhält.Eine fadenscheinige Ausrede der SP ist es, dass es diesmal einzig um Jositsch gegangen sei. Natürlich hat dieser bei seinen Solos das Fingerspitzengefühl mehr als einmal vermissen lassen. Ein Teamplayer ist er nicht. Aber Jositsch ist ja bloss das letzte Beispiel in einer ganzen Reihe prominenter sozialliberaler SP-Exponenten, die verprellt worden sind. Da waren schon Mario Fehr, Chantal Galladé, Daniel Frei oder Yvonne Beutler. Dass sich zufällig nur in diesem Segment lauter untragbare Charaktere finden, ist unplausibel. Das Muster ist eindeutig.Es ist eine ironische Pointe, dass ausgerechnet Jacqueline Badran zur Erfüllungsgehilfin der innerparteilichen Bereinigung durch die Social-Media-Generation geworden ist. Indem sie sich als Alternative zu Jositsch für den Ständerat zur Verfügung stellte, machte sie den Triumph seiner Kritiker erst möglich. Dabei ist Badran das personifizierte Gegenteil einer Social-Media-Politikerin, die sich um «Virtue signalling» schert.Die 64-Jährige steht für eine Generation von Linken, die ihren Stolz daraus zog, sich den Mund von niemandem verbieten lassen, mit Lust gegen jede Etikette zu verstossen und dem Establishment den Finger zu zeigen. Sie ist jenseits von Gut und Böse. Wäre sie eine SVP-Politikerin, hätten die Juso schon tausend Gründe gefunden, sie politisch zu canceln.Die entscheidende Frage ist, ob sich die forcierte Linksprofilierung für die SP politisch auszahlt. Dazu müsste sie bei der nachrückenden Generation mehr Boden gut machen, als sie bei älteren Wählern im Zentrum verliert. Zumindest kurzfristig, mit Blick auf die Ständeratswahlen 2027, sind Zweifel angebracht.Es würde keinen überraschen, wenn Jositsch als Parteiloser wieder antritt, im Tandem mit der Bisherigen Tiana Moser von der GLP. Beide werden auch unter Linken ihre Stimmen machen. Badran ist zwar bis in die SVP hinein populär und zweifache Panaschierkönigin, aber in einer Ständeratswahl, wo es nur um zwei Sitze geht, stimmen die Lager geschlossener. Die bürgerlichen Parteien wiederum müssten erkennen, dass sie die Verzettelung der Simmen von Mitte-Links nutzen können, um mindestens einen eigenen Kandidaten durchzubringen.Der SP würde ein - im besten Sinne - ernüchterndes Resultat gut tun.Passend zum Artikel
Der Fall Jositsch zeigt, dass bei der SP die Jungen auf problematische Art den Ton angeben
Dass die gewählte Strategie in den nächsten Zürcher Ständeratswahlen aufgeht, ist alles andere als sicher – trotz SP-Superstar Jacqueline Badran.







