KommentarDie Partei akzeptiert keine abweichenden Meinungen mehr und predigt die reine, linke Lehre. Dies könnte sie teuer zu stehen kommen.27.05.2026, 19.21 Uhr3 LeseminutenDaniel Jositsch im Ständerat: Er hätte auch ohne die SP im Rücken beste Chancen auf eine Wiederwahl.Alessandro della Valle / KeystoneWer wissen will, wie eine Partei einen sicheren Parlamentssitz gefährdet, erhält in diesen Tagen Anschauungsunterricht von den Zürcher Sozialdemokraten. Jahrelang hatte die SP auf einen der beiden Zürcher Sitze im Ständerat hingearbeitet. Mit Daniel Jositsch gelang ihr der Einzug in die kleine Kammer 2015, nach zweiunddreissig Jahren Durststrecke.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch jetzt ist Jositsch, zuletzt der am besten gewählte Politiker der Schweiz, beim linken Parteiflügel in Ungnade gefallen. Am Donnerstag entscheiden die Delegierten der Kantonalpartei in Zürich-Schwamendingen, ob er 2027 erneut für die SP antreten darf. Das Risiko, dass die Partei ihn fallen lässt, ist real – vor allem, seit sich Nationalrätin Jacqueline Badran kurzfristig als mögliche Gegenkandidatin ins Spiel gebracht hat. Die SP ist dabei, sich selbst auszumanövrieren, ganz ohne Einwirken des politischen Gegners.Der Stadt-Land-Konflikt bricht wieder aufDass Jositsch in der SP eine spezielle Rolle hat, ist bekannt. Er politisiert am rechten Flügel, weicht mit bewussten Provokationen immer wieder von der Parteilinie ab und ist deshalb bis ins bürgerliche Lager hinein wählbar.Er ist das einzige linke Mitglied der Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel und hat sich kritisch über das Uno-Palästinenserhilfswerk UNRWA geäussert. Als Strafrechtsprofessor stellte er sich gegen den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, als dieser zugunsten von Klimaseniorinnen urteilte. Und er protestierte als Kandidat gegen ein reines SP-Frauenticket bei der letzten Bundesratsvakanz.Jositsch hat den Widerstand in der Partei gespürt. Deshalb hat er frühzeitig nach einer Klärung verlangt. Im Vorfeld der Delegiertenversammlung vom Donnerstag ist er bei parteiinternen Hearings in Zürich und Winterthur aufgetreten.Vor allem in Zürich stiess er auf Abneigung. Das ist kein Wunder, wird die Stadtzürcher Sektion doch mit Oliver Heimgartner von jenem Ex-Juso geführt, der einst auch schon den Regierungsrat Mario Fehr aus der Partei ekelte, weil dieser für seinen Geschmack zu rechts politisierte.Schon jetzt befindet sich die SP mit der Causa Jositsch wieder mitten in jenem Konflikt, den sie nach dem Parteiaustritt Fehrs 2021 eigentlich hinter sich lassen wollte: zwischen der mächtigen Stadtzürcher SP, die es gewohnt ist, nach Belieben schalten und walten zu können. Und ländlichen Vertretern, die in ihren Gemeinden oft in einem bürgerlichen Umfeld politisieren und Kompromisse schmieden müssen, um etwas zu erreichen.Bis vor kurzem schien es, als würde die Partei Jositsch trotz der Skepsis nominieren – aus Vernunft, um den Ständeratssitz nicht zu gefährden. Doch zwei Tage vor der Entscheidung ist Jacqueline Badran, die in der Zürcher SP wie eine Säulenheilige verehrt wird, auf den Plan getreten. Sie stehe «zur Verfügung», sollte Jositsch nicht nominiert werden, teilte sie via Medien mit. In der Stadt Zürich haben ihre Fans sogar Aufkleber mit ihrem Konterfei angebracht.Badran liebäugelt mit der kleinen Kammer, weil ihr selbst klar geworden sein dürfte, dass sie mit ihrer energischen Art schlecht in eine Kollegialbehörde passt. Da ist ein Ständeratssitz das Höchste, das sie politisch noch erreichen kann.Jositsch hätte auch ohne SP beste ChancenJositsch raus, Badran rein: Diese Aussicht ist womöglich für viele Genossen zu verführerisch, als dass sie darauf verzichten mögen. Ihr Problem ist, dass sie die politischen Realitäten im Kanton Zürich verkennen.Die jetzige Ständeratsvertretung mit Tiana Moser (GLP) und Jositsch ist bereits jetzt linker als die Zürcher Bevölkerung. Mit Badran, die namentlich in der Wohnpolitik Linksaussenpositionen vertritt, würde das Prinzip der angemessenen Kantonsvertretung ad absurdum geführt.Vor allem aber könnte Jositsch auch bei einer Nichtnomination durch die SP an seinem Sitz als Bisheriger festhalten. Und er hätte glänzende Wahlchancen. Das zeigt das Beispiel von Regierungsrat Fehr, der 2023 als Parteiloser das beste Resultat aller Regierungsräte erzielte. Jositsch gegen Badran – für die SP-Parteileitung wäre dies ein Albtraumszenario.Die SP sitzt im Schlamassel. Dies ist in erster Linie Kräften in der erfolgsverwöhnten städtischen Sektion anzukreiden. Ihnen ist der politische Realitätssinn abhandengekommen. Sie verkennen, dass das Wahlvolk ausserhalb der Stadtmauern andere Kandidierende schätzt. Solche, die nicht am äussersten linken Rand politisieren.Passend zum Artikel