«Herr Jositsch, gab es einen Plan, um Sie aus dem Amt zu putschen?» – «Definitiv», sagt der abgesägte SP-PolitikerDie Zürcher SP will Daniel Jositsch nicht mehr als Ständerat. Nun sagt er, warum er glaubt, dass der Entscheid orchestriert war – und was er von seiner Rivalin Jacqueline Badran hält.31.05.2026, 05.30 Uhr6 Leseminuten«Ich bin nicht die Klobürste der SP, die man nur braucht, wenn es dreckig wird», sagt der Noch-SP-Ständerat Daniel Jositsch.Karin Hofer / NZZHerr Jositsch, Sie kommen gerade aus einer Vorlesung. Haben Ihre Studenten mitbekommen, was diese Woche passiert ist?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Keine Ahnung. Es hat niemand etwas gesagt.Das erstaunt. Immerhin haben Sie gerade eine Ihrer grössten politischen Niederlagen erlitten: Die Zürcher SP will Sie nicht mehr als Ständerat nominieren. Ich betrachte das nicht als Niederlage. Mir ging es um eine Klärung der Situation: Ich hatte den Eindruck, dass man es in der Partei ganz gut fand, wenn ich bei Ständeratswahlen bürgerliche Stimmen holte. Aber wenn ich diese moderate Politik im Parlament umsetze, kritisiert man, ich sei zu wenig auf Parteilinie. Deshalb sagte ich: Entweder wollt ihr mich so, wie ich bin, oder wir lassen es sein.Sie sagen, es sei keine Niederlage. Wollten Sie denn nicht SP-Ständerat bleiben? Doch, aber eben nur unter gewissen Bedingungen. Und wenn diese nicht erfüllt sind, dann kann ich zumindest nicht mehr SP-Ständerat bleiben.Das heisst, Sie verlassen die Partei? Schauen Sie, ich weiss es nicht. Aber ich werde es mir in aller Ruhe überlegen und dann kommunizieren.Was würde aus Ihrer Sicht denn dafür sprechen, in der SP zu bleiben?Hm . . .Sie schweigen. Es gibt offenbar nicht mehr viel, was Sie mit dieser Partei verbindet. Ich sage es so: Ich bin der Präsident des sozialliberalen Flügels. Ich war immer der Meinung, dass dieser Flügel Platz haben muss in der SP. Dies ist nach dem Entscheid diese Woche infrage gestellt. Wir werden nun in der Reformplattform, dem Verein der Sozialliberalen, besprechen, wie wir damit umgehen. Übernächste Woche haben wir die nächste Sitzung.Sie wurden von Ihrer Partei öffentlich demontiert. Haben Sie überhaupt noch Lust auf Politik und Machtspiele? Auf die Machtspiele habe ich nicht besonders Lust, aber sie gehören dazu. Aber natürlich ist Sachpolitik angenehmer. Und die finde ich nach wie vor interessant.Sie können sich also vorstellen, bei den Ständeratswahlen im Jahr 2027 nochmals anzutreten? Das ist sicher eine Option, die ich mir überlege.Als Parteiloser? Oder in einer anderen Partei?Auch das werde ich mir überlegen. Es passiert ja ab und zu im Leben, dass es abrupte Brüche gibt. Das hat etwas Erfrischendes, weil es neue Freiheiten im Denken ermöglicht. Als ich heute Morgen aufwachte, dachte ich, eigentlich könnte ich auch ein Buch schreiben. Wenn man mich vor einer Woche gefragt hätte, ob ich ein Buch schreiben möchte, hätte ich gesagt: Dafür habe ich doch keine Zeit!Was war in Ihrem Leben der grössere Bruch? Dass die SP Schweiz Sie nicht als Bundesratskandidaten aufstellte oder dass die Zürcher SP Ihnen das Vertrauen als Ständerat entzog?Ich glaube, das Gefühl war dasselbe, nämlich, dass der politische Flügel, den ich repräsentiere, in der SP nicht mehr akzeptiert wird. Aber dann müsste die Partei fairerweise auch hinstehen und sagen: Die SP ist keine sozialdemokratische Partei mehr, sondern eine sozialistische und teilweise kommunistische. Und ich bin nicht sicher, ob es dann noch für einen Wähleranteil von 20 Prozent reicht.Sind Sie nicht sowieso der Einzige im sozialliberalen Flügel?Ich bin der einzige verbliebene Bundesparlamentarier. Als ich als Bundesrat kandidieren wollte, klärte eine parteiinterne Untersuchungskommission ab, ob die Kandidaten Leichen im Keller haben. Ich dachte, sie würde mir Fragen zu meinem Privatleben stellen. Aber es ging vor allem darum, dass ich in der Reformplattform bin. Das war quasi mein Vergehen.Nicht nur die SP, auch andere Parteien werden ideologisch enger.Ja, die Parteien versuchen immer stärker, die Leute auf eine Linie zu trimmen. Ich weiss gar nicht, warum. Als der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr aus der SP ausgetreten ist, weil ihm die Partei zu links geworden war, waren alle in der SP froh, dass es mich gibt und dass man sagen konnte: Hey, schaut, wir haben Daniel Jositsch mit seiner Reformplattform, wo ist das Problem? Aber ich bin nicht die Klobürste der SP, die man nur braucht, wenn es dreckig wird.Machen Sie es sich damit nicht zu einfach? An der Versammlung diese Woche ging es nicht um den sozialliberalen Flügel, sondern um Sie. Besonders kritisiert wurde, dass Sie das Klimaurteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bekämpft haben. Die Botschaft war: Daniel Jositsch und die SP, das passt nicht mehr.Diese Kritik habe ich immer als vorgeschoben betrachtet. Ich habe ja nie das Ziel der Klimaseniorinnen infrage gestellt. Ich habe lediglich kritisiert, dass der Gerichtshof seine Kompetenzen überschritten hat. Ich finde, als Parlamentarier und Rechtsprofessor ist es meine Aufgabe, zu sagen, wenn sich der Gerichtshof Kompetenzen anmasst, die eigentlich dem Gesetzgeber zustehen.Auch bei der Bundesratswahl haben Sie sich mit der Partei überworfen. Viele Frauen haben Ihnen nicht verziehen, dass Sie Bundesrat werden wollten, obwohl die Partei eine Frau als Nachfolgerin von Simonetta Sommaruga bevorzugte.Auch das halte ich für ein vorgeschobenes Argument. Ich wüsste nicht, wo ich jemals gegen Gleichstellung gekämpft hätte. Und trotzdem kritisieren mich gewisse Feministinnen ständig. Und die Juso hatten sowieso immer das Ziel, dass es keinen sozialliberalen Flügel geben soll.Gab es einen Plan, um Sie aus dem Amt zu putschen? Definitiv. Ich weiss aber nicht, ob er von den Juso kam. Ich weiss einfach, dass jemand ein anonymes Papier verfasst hat, in dem sechzehn angeblich fragwürdige Positionen von mir aufgelistet wurden. Irgendjemand hat dieses Papier geschrieben und gestreut, und irgendjemand hat Jacqueline Badran ins Spiel gebracht.Die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran gab einige Tage vor der Versammlung bekannt, dass sie für eine Ständeratskandidatur zur Verfügung stehen werde. Hatten Sie mit ihr Kontakt? Nein. Aber es steht jedem und jeder frei, für ein Amt zu kandidieren. Das Einzige, was Jacqueline Badran erklären muss, ist, warum sie mich vor zwei Jahren als Bundesratskandidaten unterstützte und jetzt offenbar findet, sie sei als Ständerätin besser geeignet als ich.Sind Sie mit Frau Badran befreundet? Nein, befreundet nicht. Wir kennen uns seit etwa zwanzig Jahren, aber privat haben wir nichts miteinander zu tun. Als sie ein Burnout hatte, habe ich an einem Samstagnachmittag einmal mit ihr einen Kaffee getrunken, um zu schauen, dass sie wieder auf die Beine kommt.Würden Sie Jacqueline Badran die Wahl in den Ständerat zutrauen? Sie ist sicher die beste Option, die die SP hat. Und sie kann jetzt fast nicht mehr Nein sagen.Hat sich eigentlich die Parteileitung um Cédric Wermuth und Mattea Meyer bei Ihnen gemeldet?Ja, sie haben sich mit der Botschaft gemeldet, dass ich mit ihnen sprechen könne, wenn ich möchte.Und nehmen Sie dieses Gesprächsangebot an? Nein, im Moment habe ich keinen Bedarf für ein Gespräch.Fühlen Sie sich überhaupt noch als Linker?Ich fühle mich als Sozialliberaler. Als ich in die SP eingetreten bin, war der frühere deutsche SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Orientierung für mich. So habe ich mir einen Sozialdemokraten vorgestellt. Aber ich glaube, Helmut Schmidt würde nicht in die SP Zürich eintreten.Am Montag fängt im Bundeshaus die Sommersession an. Werden Sie dort wie gewöhnlich an den Sitzungen der Fraktion teilnehmen?Ja. Soweit ich sie bisher auch besucht habe.Und was ist das für ein Buch, das Sie schreiben wollen?Ich habe zwei Ideen. Die eine wäre ein Roman über die globale Unordnung. Also eine Art «Game of Thrones», aber auf weltpolitischer Ebene.Und die zweite Idee?Das wäre eine Biografie. Aber es gibt ein Problem. Ich lese nie Autobiografien, weil ich immer das Gefühl habe, dass sie sehr beschönigend sind. Es schreibt ja niemand über seine dreckige Wäsche. Das finde ich ein bisschen langweilig. Ich würde also gerne eine wahre, schonungslose Biografie schreiben.Daniel JositschDaniel Jositsch, 61, eroberte bei den Wahlen 2015 den Zürcher Ständeratssitz für die SP. Diese Woche hat die Parteibasis entschieden, ihn wegen zu vieler Differenzen nicht mehr für die Wahlen im nächsten Jahr zu nominieren. Jositsch ist Präsident der sozialliberalen Reformplattform und arbeitet als Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel