Daniel Jositsch nach der SP-Abfuhr:«Ich weiss schon lange, dass Jacqueline Badran den Ständeratssitz will. Die Frage ist jetzt, ob ich ihn ihr überlasse.»Der SP-Ständerat wurde von den eigenen Leuten einen Abend lang kritisiert. Dann war klar: Die Partei will nicht mehr mit ihm.29.05.2026, 00.51 Uhr5 LeseminutenSeltsamer Schlusspunkt: Nachdem ihm das Vertrauen entzogen worden war, bekam Daniel Jositsch (links) von der SP eine Standing Ovation.GAETAN BALLY / KEYSTONEDaniel Jositsch hat diese aussergewöhnliche Delegiertenversammlung der Zürcher SP selbst verlangt - und damit einen quälend langen Abend der harten Worte heraufbeschworen. Eineinhalb Jahre vor der angestrebten Wiederwahl als Zürcher Ständerat wollte er Klarheit, ob er die Unterstützung seiner Partei trotz allerlei Differenzen noch hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Antwort bekam er nach über zwei Stunden Diskussion im siedend heissen Kirchgemeindehaus des Zürcher Arbeiterquartiers Schwamendingen. Sie fiel knapper aus, als aufgrund des tosenden Applauses nach jedem der vielen Voten seiner Gegner zu erwarten gewesen war.109 zu 94 Delegierte sprachen sich schliesslich dagegen aus, noch einmal mit Jositsch zu den Wahlen anzutreten. Nicht zuletzt deshalb - das hatten diverse Voten gezeigt - weil sich die in der SP äusserst populäre Nationalrätin Jacqueline Badran kurzfristig als Alternative zur Verfügung gestellt hatte. Viele fanden, das sei die bessere Lösung.Herr Jositsch, wie haben Sie diesen Abend erlebt, an dem Ihnen über zwei Stunden lang immer wieder die Leviten gelesen wurden?Ich fand es angenehm, weil es jetzt einmal zur direkten Konfrontation kam. Sonst erfahre ich jeweils nur auf Umwegen vom Unmut – wenn zum Beispiel der Juso-Präsident in den Medien meinen Parteiausschluss fordert. Und ich dann wiederum über die Medien Stellung dazu nehmen muss.Das Verdikt gegen Sie war knapp, nur acht Delegiertenstimmen haben Ihnen gefehlt. Mehr als einmal hiess es an diesem Abend, Sie seien in den Hearings zu wenig demütig aufgetreten – ein Fehler?Nein. Das war ein bewusster Entscheid. Ich hätte mich bei allen anbiedern können, aber das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass man den Jositsch bloss wählt, um den Sitz auf sicher zu haben, und sich dann wieder vier Jahre über mich aufregt. Ich sagte: Wo Jositsch drauf steht, ist Jositsch drin - take it or leave it. Und wenn ihr ihn nehmt, dann lasst mich nachher in Ruhe.Haben Sie geahnt, dass es nicht reicht?Ja. Die Nomination wäre für mich die grössere Überraschung gewesen. Denn ich weiss, dass die Parteidelegierten linker sind als die Parteimitglieder oder die Wähler der SP. Sie haben es ja selbst mitbekommen: Hier sind ziemlich viele Klimaseniorinnen, Juso und Feministinnen aufgetreten. So gesehen, sind 94 Stimmen für mich fast noch erfreulich.Sie haben gesagt, dass Sie jetzt erst überlegen müssten, was Sie machen - ob Sie etwa im Herbst 2027 als Parteiloser antreten. Aber bleiben Sie überhaupt bis dahin Ständerat?Ja, sicher. Wenn ich als Ständerat zurücktreten würde, müsste der Kanton Zürich extra deswegen eine Wahl ausrichten. Das bedeutet: Ich bleibe sicher bis am Ende - und ich entscheide selbst über meine politische Zukunft.Den wirklichen Elefanten im Raum haben Sie nie erwähnt: Jacqueline Badran, die plötzlich als Ersatzkandidatin bereitstand. In der Debatte hat sich gezeigt, dass dies möglicherweise entscheidenden Einfluss auf die Delegierten hatte. Wie stehen Sie nun zu Badran?Ich finde es legitim, was sie macht. Mir wird ja oft vorgeworfen, ich sei zu ehrgeizig. Ich habe eigentlich nichts gegen Leute, die ehrgeizig sind. Und ich weiss schon lange, dass Jacqueline Badran den Ständeratssitz will. Die Frage ist jetzt, ob ich ihn ihr überlasse. Das werde ich jetzt für mich entscheiden.Was sagen Sie dazu, dass an diesem Abend kein einziges Fraktionsmitglied aus Bern and Rednerpult getreten ist? Laut ihren Kritikern spricht das Bände...Ich nehme es so wahr, dass man in der Parteispitze versucht ist, die Leute auf eine Linie zu trimmen. Darum trauen sich viele nicht, eine Position einzunehmen, die dies infrage stellt. Heute Abend kamen Fraktionsmitglieder zu mir, die unter vier Augen ihr Bedauern äusserten und sagten, sie hätten für mich gestimmt. Andere sagten, sie hätten das eigentlich auch tun wollen, aber ich wisse ja... Als Nationalrat ist man halt sehr abhängig, weil man wieder auf die Wahlliste der Partei kommen muss und einen Sitz in einer Kommission will.Ein Delegierter fühlte sich durch die Debatte an die katholische Kirche erinnert - Abweichler vom rechten Glauben unerwünscht. Was heisst das für die SP?Ich empfand es ähnlich, aber ich kann nicht sagen, was die Folgen sind. Ich stelle einfach fest, dass es früher in der SP viel mehr Sozialliberale gab. Die ganze Ständeratsfraktion bestand aus moderaten Figuren wie Bruderer, Janiak, Fetz oder Zanetti - das hat sich stark geändert. Mein Eindruck ist, dass man in der SP früher mehr Breite zugelassen hat als heute. Man war sogar froh, als wir seinerzeit die sozialliberale Plattform gegründet haben. Der damalige SP-Präsident Christian Levrat gratulierte mir, weil er überzeugt war, dass ich diese Wählergruppe abholen kann.Wird die SP mehr Mühe in Majorzwahlen haben, wenn sie immer linker wird?Ich weiss nicht. Bis jetzt war sie ja trotz dieses Kurses erfolgreich. Mehr oder weniger.Aber ist die SP nach links gerutscht?Ich habe mich immer gewehrt gegen diese Darstellung, weil ich der Ansicht war, mein Flügel habe auch Platz. Aber das Signal ist jetzt ein anderes. Ich bin ja der letzte Vertreter, der noch ein hohes Amt innehat. Mario Fehr, Chantal Galladé, Yvonne Beutler - die sind alle nicht mehr in der Partei. Ich frage mich, wie Wählerinnen und Wähler oder Parteimitglieder, die so denken wie ich, darauf reagieren. Es gab ja heute Abend doch 94 Delegierte, die fanden, ich solle weitermachen. Der sozialliberale Flügel ist nicht tot.Aber er muss sich an solchen Veranstaltungen verstecken?Er ist in der Minderheit. Und, ja: Wenn man merkt, dass man als Minderheit weniger Wahlchancen hat, versteckt man sich tendenziell.Sind Sie nach diesem Abend auch selbstkritisch, weil Sie es besser hätten machen können?Nein. Natürlich hätte ich mir das Leben leichter gemacht, wenn ich nur noch gesagt hätte, was SP-Mainstream ist. Ich hätte zu Kreuze kriechen und versprechen können, dass ich nur noch mache, was man mir sagt. Aber dafür bin ich nicht in Bern und auch nicht in dieser Partei. Da habe ich Gescheiteres zu tun.Passend zum Artikel
Interview mit SP-Ständerat Jositsch nach der Abfuhr durch die eigene Partei
Der SP-Ständerat wurde von den eigenen Leuten einen Abend lang kritisiert. Dann war klar: Die Partei will nicht mehr mit ihm.






