High Noon in Schwamendingen: wie die Zürcher SP ihren Ständerat Daniel Jositsch abservierteBericht von einer heissen Parteiveranstaltung.30.05.2026, 05.07 Uhr4 LeseminutenUnd jetzt? Daniel Jositsch an der Delegiertenversammlung der Zürcher SP.Gaëtan Bally / KeystoneHigh Noon ist an diesem Donnerstag um kurz nach 21 Uhr. Die Redeschlacht im reformierten Kirchgemeindehaus von Schwamendingen ist geschlagen. Kurze Verschnaufpause für die über 200 Delegierten der SP und die wenigen Beobachter im Raum. Das Parteivolk hat den Saal verlassen, um sich am improvisierten Kiosk im Gang zu stärken oder frische Luft zu schnappen. Zurück bleiben verstreute Unterlagen, halbleere und ganz leere Wasserflaschen. Ein drückend heisser Abend schleppt sich dem Höhepunkt entgegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stille liegt in der Luft, unterbrochen nur von der Stimme des Sportreporters von SRF. Auf der Leinwand hinter dem verlassenen Rednerpult läuft Eishockey. Schweiz - Schweden, Viertelfinal an der Heim-WM: Alles oder nichts, der Verlierer scheidet aus. Nach fünf Minuten im zweiten Drittel steht es 1:1. Ein Kampf auf Biegen und Brechen kündigt sich an.Das passt zur Delegiertenversammlung der Zürcher SP an diesem Abend. Im Kirchgemeindehaus in Schwamendingen wurde bis vor wenigen Augenblicken ebenfalls gekämpft: für und gegen Daniel Jositsch, den umstrittenen Ständerat der Sozialdemokraten, der 2027 eine weitere Amtszeit im Bundeshaus anstrebt und seine Partei um eine frühe Klärung dieser Personalie gebeten hatte. Für oder gegen den sozialliberalen Flügel einer Partei, die in den vergangenen Jahren deutlich nach links gerückt ist.Oder besser: vor allem gegen ihn und den verschupften Rest dieses Flügelchens, den Jositsch repräsentiert.Die grosse Abwesende im SaalDie Wahlzettel wurden soeben eingesammelt. Nun werden sie ausgezählt. Jetzt heisst es warten. Etwa so muss man sich Bundesratswahlen vorstellen. Bis auf das wenig repräsentative Ambiente. Schwamendingen kann mit der Wandelhalle des Bundeshauses nicht mithalten.Aber sonst passt der Vergleich zum einzigen – offiziellen – Kandidaten des Abends. Daniel Jositsch wollte bereits zweimal Bundesrat werden, 2022 und 2023. Bei beiden Versuchen hatte er die Rechnung ohne seine eigene Partei gemacht und sich darum foutiert, dass er in der Vereinigten Bundesversammlung nicht auf dem SP-Ticket figurierte.Jetzt, so scheint es nach über zwei Stunden des Hauens und Stechens am Rednerpult, wird sie es ihm heimzahlen. Die «Verfehlungen», die vor allem weibliche Delegierte «ihrem» Ständerat vorhielten, sind schliesslich happig. Zumindest für sozialdemokratische Ohren. Und da ist noch die grosse Abwesende im Saal: Jacqueline Badran, der polternde Liebling der Parteilinken, der offenbar ebenfalls in den Ständerat einziehen will.(K)ein einsamer Mann in der Partei: Das Resultat über Daniel Jositsch fiel knapper aus als erwartet.Gaëtan Bally / KeystoneMit diesem Trumpf in der Hinterhand war es ein Leichtes, Jositsch vor der entscheidenden Abstimmung an die Wand zu spielen. Zumal die Jungsozialisten ebenfalls ihre Finger im Spiel hatten. Eine dubiose Liste mit «fragwürdigen Positionen» von Daniel Jositsch, die vor der Versammlung verschickt wurde, trägt eindeutig die Handschrift der Juso.«Das ist heftig!»Fanny de Weck machte sich besonders stark für «Jacky». Die SP-Gemeinderätin und Rechtsanwältin, im Stadtparlament von Zürich um grosse Worte ebenfalls nicht verlegen, hielt ein flammendes Plädoyer für Badran, die «Heldin» der Zürcher Sozialdemokratie. Die Fraktion der Lautstarken im Saal hatte sie damit auf ihrer Seite. Applaus für de Weck! Jubel für Badran!!Derart gestärkt vom Publikum nehmen es Politiker aus der zweiten Reihe locker auf mit Jositsch. Ein Strafrechtsprofessor, der den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte attackiert, nachdem dieser eine Beschwerde von Schweizer Klimaseniorinnen für zulässig erklärt hat? «Das ist heftig!», sagte de Weck am Rednerpult.Feministinnen und weitere Verfechterinnen totaler Gleichstellung operierten ebenfalls mit erhobenem Zeigefinger: Jositsch, ein Frauenfeind, weil er sich erdreistet hatte, als SP-Mann für den Bundesrat zu kandidieren – und das reine Frauenticket der Partei gar als «diskriminierend» zu bezeichnen? Letzteres ist fast vier Jahre her. Es wurde dem «Querdenker» in den eigenen Reihen dennoch genüsslich vorgehalten. Mehrmals. Immer wieder. Die selbsterklärte Partei der Chancengleichheit liess ihre Muskeln spielen. Und es war offensichtlich: Mit Daniel Jositsch, einem Mann der Ambitionen, einem «Einzelkämpfer», haben viele Delegierte ein Problem.«Ladet ihn zum Grillieren ein!»Pragmatische Sozialdemokraten wie der Stäfner Kantonsrat Rafael Mörgeli versuchten dagegenzuhalten. Er sei auch nicht immer einverstanden mit Jositsch. Aber ihn derart und in aller Öffentlichkeit abzukanzeln, sei nicht in Ordnung. «Redet mit ihm, diskutiert mit ihm, ladet ihn zum Grillieren ein!», rief Mörgeli den Genossinnen und Genossen im Saal zu. Aber dafür war es zu spät. Weitere, etwas ältere Herren wiesen darauf hin, dass man mit Jositsch die Ständeratswahl doch gewinnen wolle – ein Vorhaben, das mit Badran kaum gelingen dürfte. Auch diese Wortmeldungen blieben wirkungslos.Nach einer endlos scheinenden Auszählpause verkündete die Parteileitung das Resultat. Es fiel knapper aus als erwartet: Die Delegierten hatten mit 109 zu 94 Stimmen beschlossen, Daniel Jositsch nicht für eine weitere Amtszeit zu nominieren.Jubel im Saal! Standing Ovations für den Unterlegenen!! Eine seltsame Szene. Jositsch war ausgeschieden aus dem SP-Spiel. Die Eishockeyprofis der Schweizer Nati machten es besser. Sie gewannen den Match gegen Schweden 3:1 und sind nun eine Runde weiter.Ob Daniel Jositsch den Kampf um seinen Ständeratssitz tatsächlich aufgegeben hat, dürfte sich in den kommenden Tagen weisen. Er entscheide selber über seine politische Zukunft, sagte er ganz am Schluss einer heissen Veranstaltung in Schwamendingen.Zuerst die Leviten lesen, dann minutenlang applaudieren: SP-Delegierte beklatschen den unterlegenen Daniel Jositsch.Gaëtan Bally / KeystonePassend zum Artikel