Der Hunger treibt die Schlangen ins Meer. Auf Ibiza finden die Hufeisennattern immer weniger zu fressen. Schwimmend suchen sie auf den kleinen Nachbarinseln nach Nahrung. Auf der Baleareninsel haben die Invasoren bereits mehr als 90 Prozent besiedelt. Zu Tausenden wurden die Nattern schon gefangen, die für Menschen ungiftig sind. Lokale Verwaltungen stellten dafür mehr als ein Dutzend professioneller Schlangenbekämpfer an.Auf den Inseln ist die „Hemorrhois hippocrepis“, wie der wissenschaftliche Name des Reptils lautet, dabei, das Ökosystem zum Kippen zu bringen – wegen ihres Leibgerichts. Laut einer Studie des Umweltforschungsinstituts CREAF in Barcelona haben die Schlangen, die vom Festland stammen, die Ibiza-Mauereidechse schon fast ausgelöscht. Mit ihrem einzigartigen Farbspektrum, mit dem sie sich in Tausenden Jahren an ihre Umgebung anpasste, ist sie nicht nur das kulturelle Symbol der Balearen, sondern auch ein Gradmesser für die Biodiversität der Mittelmeerinseln.„Das Verschwinden der Ibiza-Mauereidechse hat gravierende Folgen für das Funktionieren der balearischen Ökosysteme. Die Eidechse spielt eine Schlüsselrolle. Sie hilft bei der Kontrolle von Insektenschädlingen und Seuchen, der Verbreitung von Samen und der Bestäubung von Blüten, was für die Bauern besonders wichtig ist“, sagte der CREAF-Wissenschaftler Oriol Lapiedra, der das Forschungsprojekt leitet, der F.A.Z.Auf zehn Inseln sind schon alle Echsen aufgefressenDie hungrigen Schlangen haben angefangen, von Ibiza und Formentera zu den rund 40 kleinen Inseln zu schwimmen, wo ebenfalls große Populationen der Mauereidechsen leben. Auf zehn von ihnen haben sie buchstäblich alle schon aufgefressen. Der Verlust sei irreversibel, denn diese Echsen gebe es sonst nirgendwo auf der Welt, warnen die Forscher. Sie können live beobachten, wie wenige Schlangen eine gesamte Population in ein paar Monaten auslöschen können. Ihr Forschungsprojekt ist auf den kleinen Inseln ein Wettlauf gegen die Zeit.Droht ausgelöscht zu werden: Die Ibiza-MauereidechseRoberto García-Roa/CREAFFür die beiden größten Baleareninseln gibt Oriol Lapiedra dagegen Entwarnung. „Die Hufeisennatter ist auch auf Mallorca angekommen, aber Menorca nicht, soweit wir das wissen. Auf Mallorca und Menorca ist die endemische Eidechse allerdings schon vor mehr als tausend Jahren ausgestorben und kommt derzeit nur noch auf den kleinen Inseln vor.“Die ersten Nattern gelangten schon vor gut zwanzig Jahren vom Festland in Olivenbäumen auf die Inseln, die zu Zierzwecken dorthin gebracht wurden. Sie waren in deren Stämmen und Wurzeln versteckt oder kamen als darin abgelegte Eier dort an. Auf der Iberischen Halbinsel zeigten die Schlangen vorher kein derart räuberisches Verhalten.Auf den Balearen lernten die Schlangen zu schwimmenAber die balearischen Eidechsen machten es ihnen leicht. Sie kannten die Reptilien nicht und nahmen sie nicht als Feind wahr. Den Schlangen ging es prächtig. Sie wurden bis zu zwei Meter lang – 200 Prozent größer als auf dem Festland, wo sie unter Schutz stehen und Greifvögel oder Wildkatzen fürchten müssen.Auch auf Mallorca angekommen: Die HufeisennatterRubén Casas/CREAFAuf den Balearen überraschten sie die Forscher damit, wie gut sie schwimmen können. Als auch auf den kleinen Inseln die ersten Schlangen auftauchten, glaubten die Wissenschaftler zunächst, Menschen hätten sie mit Booten eingeschleppt. „Als wir Videos, Fotos und Zeugenaussagen über Schlangen sammelten, die im offenen Meer schwammen, wurde uns jedoch klar, dass sie die Inseln aus eigener Kraft erreichen konnten“, sagt Oriol Lapiedra. Das sei weltweit nahezu beispiellos: Kaum eine andere Schlangenart besiedle aktiv schwimmend neue Gebiete.Ibiza-Mauereidechsen haben ein einzigartiges Farbspektrum,Guillem Casbas/CREAFAuf Ibiza und Formentera wird offenbar die Nahrung knapp, deshalb suchen die Schlangen nach neuen Revieren, auch wenn sie schon anfingen, Mäuse, Fledermäuse und Vögel zu jagen. Auf dem Inselchen Santa Eulària des Riu wurden zum Beispiel in zwölf Fallen zwischen 2023 und 2025 58 Schlangen gefangen. Gleichzeitig verschwanden die Eidechsen. Während dort laut der Studie 2016 noch 72 Eidechsen erfasst worden, 2023 nur noch drei, 2025 gar keine mehr.Auf dem sicheren Festland versuchen die Wissenschaftler nun, einige von ihnen zu retten. Mit Unterstützung der balearischen Regionalregierung richtet man dort für sie eine moderne Arche Noah ein. Ein Zuchtprogramm soll helfen, das Überleben der uralten Art zu sichern.