InterviewWas ist aus dem herrlichen Mythos der US-Schule geworden?Ein Gespräch mit Derek W. Black, der auch uns Schweizer warnt. Er sagt: «Wenn die Schule kaputtgeht, gehen die USA kaputt».20.05.2026, 05.20 Uhr6 LeseminutenAktualisiertParamount via The Hollywood Archive / ImagoCapital Pictures / ImagoTouchstone via Mary Evans / ImagoDisney Channel via Mary Evans / ImagoBilder, die sich auch in Schweizer Köpfen eingeprägt haben: Szenen aus den Filmen «Grease», «Breakfast Club», «Dead Poets Society» und «High School Musical».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ob in der Technologie, der Musik oder der Politik: Oft sind uns die USA ein paar Jahre voraus. In der Bildung ist das allerdings ein Schreckensszenario. Ihre öffentliche Schule scheint gerade zwischen Kulturkämpfen und Sparzwängen zerrieben zu werden. In der letzte Woche veröffentlichten Unicef-Studie zur schulischen Grundausbildung schnitt das Land schlecht ab. Es steigt der Anteil jener Kinder, die von ihren Eltern an Privatschulen geschickt oder zu Hause unterrichtet werden. Derek W. Black verfolgt diese Entwicklung genau. Der Professor gehört zu den bekanntesten Bildungsexperten der USA und wird entsprechend häufig zitiert, von der «New York Times» bis zum «Wall Street Journal».Professor Black, wie attackiert Donald Trump die Schulen Ihres Landes?Derek W. Black: Trump ist der erste Präsident der USA, der die Bildung zur Feindin erklärt hat. Andere Republikaner wie Reagan oder die Bushs hatten ihre Ideen, wie die öffentliche Schule zu reformieren sei. Trump unterscheidet sich fundamental von ihnen. Er will die öffentliche Schule untergraben.Wie das?Indem er die Konkurrenz anheizt zwischen öffentlichen und privaten Schulen. Dies geschieht mit «School Choice»-Programmen: Eltern können ihre Kinder an eine Privatschule schicken und dafür öffentliches Geld beantragen. Es geht Trump darum, möglichst viel Geld von öffentlichen an private Schulen umzuleiten.Und was ist schlimm daran?Trump will die Gesellschaft früh spalten. Die Gutscheine allein reichen nämlich nicht aus, um eine private Schule besuchen zu können. Also gehen nur Kinder reicher Eltern hin, für die die Gutscheine ein willkommener Zustupf sind. Die öffentlichen Schulen geraten derweil in Schwierigkeiten, weil sie Geld verlieren und zugleich dieselben Fixkosten wie bisher bezahlen müssen. Aber wenn nur noch die Armen die öffentlichen Schulen besuchen, ist eine der ganz grossen Ideen der USA am Ende.Der BildungsexpertePDDerek W. BlackDer Rechtsprofessor lehrt an der University of South Carolina und schrieb mehrere Bücher über die Krise der amerikanischen Schullandschaft, etwa «Schoolhouse Burning».Wieso?Dann ist die öffentliche Schule keine öffentliche Schule mehr, sondern eine Sozialfall-Schule. Das wäre eine Tragödie. Denn die Schule ist die einzige Institution, die versucht, alle Amerikaner zusammenzubringen. Die Schule ist seit 250 Jahren der einzige Ort bei uns, der dem ausgeprägten Egoismus, der Ideologie des Selfmademans, die Teil unserer nationalen DNA ist, etwas entgegenhalten kann.Wie machten sich Trumps Angriffe noch bemerkbar?Trump macht die öffentliche Schule zu einem Schauplatz für den Kulturkampf. Lange erwiesen sich Schulen dagegen als widerstandsfähiger als andere Institutionen. Doch jetzt werden auch sie zusehends politisiert: Gewöhnliche Klassenzimmer werden als Brutstätten des Sozialismus attackiert, gewöhnliche Lehrer als Wokeness-Agitatoren verleumdet. Pete Hegseth, der Verteidigungsminister, hat ein Buch geschrieben: «Battle for the American Mind. Uprooting a Century of Miseducation». Da erklärt er in martialischen Tönen, wie verrottet das Bildungswesen sei, wie man es zerstören müsse. Als zöge er in einen Krieg.Und Trumps Wählern gefällt das?Überhaupt nicht. Dem gewöhnlichen Amerikaner ist die öffentliche Schule nach wie vor ein Herzensanliegen, auch jenen, die republikanisch sind. Sicher, die Schulen haben ihre Probleme, der Ärger ist gross und oft berechtigt. Trotzdem geht kaum jemand an die Wahlurne, um die öffentliche Schule zu zerstören. Daran hat sich auch mit Trump grundsätzlich nichts geändert, obwohl sich sein Schulhass allmählich auf die Bürger überträgt.Warum sollten die Republikaner gegen die Wünsche ihrer Wähler politisieren?Wegen ihrer Sponsoren. Wer sich als Republikaner für die Demontage der öffentlichen Schulen einsetzt, darf auf die Unterstützung von Milliardären zählen. Es waren Leute wie die Koch-Brüder, die Geld dafür ausgegeben haben, Kampagnen für Privatschul-Gutscheine zu unterstützen. Und dafür, dass Republikaner, die sich für öffentliche Schulen engagieren, aus ihren Ämtern gedrängt wurden.Woher kommt dieses Interesse der Superreichen an den öffentlichen Schulen?Zum einen geht es ums Geld. Die öffentliche Schule macht einen beträchtlichen Teil der Steuerlast aus. In Amerika ist es ja so: Je mehr Reiche in einer Gegend leben, desto besser sind dort die öffentlichen Schulen. Aber da Superreiche ihre Kinder sowieso an Privatschulen schicken, möchten manche von ihnen diese Steuer liebend gerne loswerden. Dazu kommt die libertäre Überzeugung, dass der Staat so klein wie möglich gehalten werden soll.Dabei mussten Ihre Schulen schon während der Rezession von 2008 kräftig bluten.Damals kam es zu Budgetkürzungen, die die Schulen bis heute spüren. Hunderttausende Lehrerinnen und Lehrer wurden entlassen, der grösste Verlust an Lehrer-Know-how in der Geschichte unseres Landes. Der Beruf ist seither noch unattraktiver geworden. Die Lehrer fallen beim Lohnvergleich weiter zurück, ihre Job-Sicherheit sinkt, die Gewerkschaften sind zerschlagen. In ihrer Verzweiflung holen die öffentlichen Schulen längst Pensionierte zurück. Noch nie sahen wir so viele 70-Jährige in den amerikanischen Klassenzimmern. Von den guten, jungen Lehrern gibt es heute anderseits viel zu wenige. Sie können ihren Arbeitgeber wählen – und nehmen oft mit den Privatschulen vorlieb, die besser bezahlen.Aber 2008 war doch auch das Jahr, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Konnte er nichts tun?(Seufzt.) Obama ist leider mitschuldig an der Misere. Seine Administration zeichnete sich durch eine gewisse Überheblichkeit und – wichtiger noch – durch einen geradezu absurden Vermessungswahn aus. Statt das Arbeitsumfeld der Lehrer zu verbessern, steckte man viel Geld und Energie in unnütze Statistiken. So wurde ein Lehrer an den Noten seiner Schüler gemessen, aus den Noten wurde abgeleitet, ob er gute Arbeit geleistet hatte oder nicht. Oder es wurde errechnet, dass ein Jahr Unterricht bei einem schlechten Lehrer den Schüler später, wenn er erwachsen war und einen Beruf hatte, umgerechnet eine Tasse Kaffee pro Tag kostete. Das war natürlich alles Humbug, reine Zeitverschwendung.«Leider mitschuldig an der Misere»: Barack Obama in einem Schulzimmer mit Erstklässlern in Florida, September 2014.Pablo Martinez Monsivais / APUnd was tun die Demokraten heute?Leider haben auch sie die Schule für ihre Kulturkämpfe entdeckt, wollen sie als Mittel für ihre politischen Zwecke benutzen. Früher war die Schule ein Projekt, das die zwei Parteien gemeinsam trugen. Jetzt zerren beide an ihr herum. Und Republikaner wie Demokraten übersehen dabei das Offensichtliche: dass sie die Lehrer und ihre Bindung zu den Schülern stärken sollten.Der gute Lehrer, der seine Klasse herausfordert und dadurch fördert, gehört zum Mythos des High-School- und des College-Lebens, das man ja auch als Schweizer lebendig vor Augen hat, von vielen Filmen und Serien her. Football-Stars, Cheerleader, Nerds, die Schulband, das ganze fröhliche Pubertieren auf dem Bildungsweg . . . hat das etwas mit der Realität zu tun?Gewiss weniger als früher. Die amerikanischen Eltern sind heute viel ängstlicher als zu meiner Zeit und kontrollieren ihre Kinder weit stärker. Ihre Fürsorge reicht mitunter bis in die Uni-Zeit hinein. Insofern ist das Partyleben doch etwas abgeflacht. Aber lassen Sie mich kurz überlegen . . . in Louisiana hat die Uni für 85 Millionen Dollar einen sogenannten «Lazy River» bauen lassen. Einen künstlichen Fluss, auf dem man sich den lieben langen Tag treiben lassen kann. Nicht schlecht, oder? Es gibt also noch Gründe für euch Schweizer, neidisch auf das amerikanische Bildungswesen zu blicken!Mal ein bisschen treiben lassen: Der «Lazy River» der Universität Louisiana.Screenshot LSU / XSie klingen ironisch. Was wäre zu tun, um die amerikanische Bildungsmisere zu beheben?Wir sollten endlich aufhören, Schulen wie Unternehmen zu betrachten. Es geht um Menschen, nicht um Zahlen. Wir sollten die Lehrer besser bezahlen, ihnen vor allem aber auch mehr Freiheiten geben. Wir brauchen nicht noch mehr Regeln für unsere Lehrer, sondern weniger. Ziel muss es sein, wieder mehr motivierte Lehrer zu haben, die ihr ganzes Leben dem Unterrichten verschreiben und nicht nach drei Jahren wieder aussteigen. Auch brauchen wir mehr Männer in den Klassenräumen. Unterrichten ist in den USA mittlerweile Frauensache geworden, was sich auch auf die Wertschätzung auswirkt. Der tiefe Lohn wird implizit auch damit gerechtfertigt, dass die Frau ja gewiss noch einen Gatten habe, der anständig verdiene.Zum Abschluss: Haben Sie Tipps für uns in der Schweiz?Passen Sie auf, wenn Ihre Politiker die Lehrer plötzlich als «Marxisten» oder dergleichen zu beschimpfen beginnen. Und unterschätzen Sie nie die Bedeutung der Schule. Sie ist der wichtigste Kitt einer Gesellschaft. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie wir als Demokratie ohne diesen Kitt überleben können. Wenn die amerikanische Schule kaputtgeht, gehen auch die USA kaputt. Also, liebe Schweizer: Beobachten Sie weiter die Entwicklung Ihres, aber auch unseres Schulsystems. Wenn es kollabiert, werden Sie es zu spüren bekommen. Wenn ich es mir richtig überlege, wäre es eigentlich gar kein schlecht investiertes Entwicklungsgeld, wenn Schweizer und Europäer die amerikanischen Schulen unterstützen würden. Das wäre eine kluge Krisenprävention.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel