In Bern brach Ben Ganz die Schule ab, in New York entwirft er Kampagnen für PradaWer nach Amerika auswandert, entdeckt neue Talente in sich. Viele Schweizer Grafiker würde man hier mit Handkuss nehmen, sagt der Designer Ben Ganz, der den Schritt selbst gewagt hat.01.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBen Ganz in seinem Büro in Soho im Herzen von Manhattan.Lucas CreightonWandern Schweizer in die USA aus, wollen sie jemand anderes werden. Das galt für die armen Kleinbauern um 1880, die von den weiten Feldern des Mittleren Westens träumten, und für ambitionierte Jungbanker wie Rainer E. Gut, der 1963 nach New York zog und nach prägenden Jahren an der Wall Street den heimischen Bankenplatz an der Spitze der Credit Suisse umpflügte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ging den Auswanderern nie bloss ums Geld, sondern auch um den Ausbruch aus der Schweizer Gleichförmigkeit. Das Abenteuer in der Ferne formt den Charakter. Wer heute in Eggersriet in der «Tagesschau» vom Chaos in Trumplandia erfährt, könnte meinen, diese Auswanderer gebe es nicht mehr. Aber noch immer überqueren hungrige Schweizer den grossen Teich.«Ein mühsamer Teenager»Ben Ganz war einer von ihnen. In Bern hatte der Mittdreissiger einst mehrmals das Gymnasium abgebrochen, in New York schaffte er den Durchbruch als Designer: Er hat Kampagnen für Prada und Nike entwickelt, mit dem Grammy-Gewinner Frank Ocean zusammengearbeitet und die Möbel von USM Haller ins Schaufenster des Kaufhauses Bergdorf Goodman an der Fifth Avenue gebracht – eine Top-Adresse an der bekanntesten Einkaufsmeile der Welt.«Ich war einfach ein mühsamer Teenager und hatte keine Lust auf den Gymmer», sagt Ganz in breitem Berndeutsch und rückt ein graues Lehni-Regal zurecht. Das Möbelstück ist der Star einer vom Generalkonsulat organisierten und von Christian Herren kuratierten Ausstellung im New Yorker Finanzviertel, die den Amerikanern eine ihnen unbekannte Seite des Schweizer Designs nahebringen soll. Also nicht nur formstrenge Möbel und die Schriftart Helvetica, die den New Yorkern in der Subway den Weg weist. Sondern auch Pionierarbeit mit digitalen Mitteln und psychedelisch anmutende Experimentalfilme.Ganz hat die Installation mit einer Klasse der Zürcher Hochschule der Künste entwickelt. In Endlosschlaufe werden Kurzfilme auf die unverwüstlichen Aluminiumregale projiziert. Die soliden Schweizer Möbel, die in der Heimat in Büros und Büchereien unsichtbar ihre Arbeit verrichten, verwandeln sich mit einem kleinen Kniff im Big Apple zur Hauptfigur.Die Regale von Lehni ziehen in Schweizer Büros und Büchereien nicht viel Aufmerksamkeit auf sich. Mit einem kleinen Kniff – der Projektion von Kurzfilmen in Endlosschlaufe – werden die unverwüstlichen Aluminiumregale im Big Apple in Szene gesetzt.PD/NZZ-BildredaktionNicht nur DienstleisterEine ähnliche Entwicklung wie diese Regale hat auch Ben Ganz selbst durchgemacht. Er ist einer der wenigen Schweizer Designer, die in den USA den Durchbruch geschafft haben, und führt ein vierköpfiges Team in seinem Studio im angesagten Bezirk Soho.Als Jugendlicher hatte er noch Graffiti in Bern gesprayt und auf Ermunterung eines früheren Lehrers den gestalterischen Vorkurs in Langenthal absolviert, dann den Fachkurs in Luzern. Fürs Studium ging Ganz später nach Yale zur Grafikdesign-Altmeisterin Sheila de Bretteville. «Sie hat mir gezeigt, dass Design ein Werkzeug ist, um eigene Ideen umzusetzen. Das hat meinen Horizont erweitert und mir Selbstvertrauen gegeben.» Design werde in der Schweiz immer noch als Dienstleistung gesehen: «Jemand sagt dir, was er will, und du machst, dass es schön aussieht.»Nach dem Studium begann er für die Agentur 2x4 zu arbeiten, die Professoren von ihm gegründet hatten. Der Job ermöglichte es Ganz, dessen Visum an die Ausbildung geknüpft war, in den USA zu bleiben. Er erinnert sich an Freunde, die nur für zwei Wochen ins Ausland gehen und sich anschliessend das Visum holen wollten. «Ich habe sie hier nicht mehr gesehen.»Es braucht BissOhne Beharrlichkeit gehe es nicht, sagt Ganz. Wer in New York eine gute Idee habe, müsse sein Präsentationsdeck auch einmal ungefragt einschicken. Oft erhalte man keine Antwort und müsse nachfassen. Das sei der «American Way», den hier auch die Gegenseite erwarte. «Wenn man wie in Zürich zu Hause wartet, bis jemand anruft, funktioniert es nicht.»Ferdinando Verderi, den Kreativdirektor von Prada, hat Ganz 2019 an einer Party kennengelernt, kurz nachdem dieser seine Arbeit beim italienischen Modelabel aufgenommen hatte. «Er hat mich gefragt, ob ich übermorgen für seine erste Kampagne nach Mailand kommen könne. Ich sagte mir: ‹Sure, also los!›»Ganz hat, als die Covid-Pandemie anrollte, drei Monate in einem Hotel in Mailand geschuftet. «Jobs in der Modebranche kannst du nicht zu 40 Prozent machen. Die Kadenz ist enorm hoch, sie machen ja acht Kampagnen pro Jahr.» Er habe viel gelernt und weitere Kontakte geknüpft – zu Fotografen, Produzenten.Schliesslich entwarf Ganz komplette Modekampagnen. «Das ist hyperkommerzielle, aber auch sehr phantasievolle Arbeit. Man entwirft nie nur einen Katalog, sondern ein übergreifendes Konzept: Es gibt Events, Kataloge, Runway-Shows, Plakate.»Ben Ganz führt nebenbei das Design-Magazin «Pin-up», was ihm hilft, dieses Netzwerk zu pflegen. New York bleibe der Ort, wo sich alle träfen. «Nach der Pandemie haben sie gesagt, dass es bald keine Fashion-Shows und Salons mehr geben werde, dass jetzt alles dezentralisiert werde», sagt Ganz. «Und jetzt? Ist alles noch schlimmer als vorher.»Ben Ganz sagt, New York sei «ungemütlich», was ihn aber auch ansporne.Lucas CreightonAus der Komfortzone herausGinge es nach Ganz, könnten viel mehr Schweizer Kreative in den USA Erfolg haben. Die amerikanischen Studenten seien konzeptuell stark, es fehle ihnen aber oft an den handwerklichen Grundlagen. Viele Schweizer Designer seien typografisch so gut ausgebildet, «die würde man hier mit Handkuss nehmen». Aber ihnen fehle oft der Mut, und sie hätten zu viel Respekt vor den New Yorker Agenturen.«Ich könnte meine Projekte nicht von Bern aus machen, weil die Zufallsbegegnungen fehlen», sagt er. New York sei «ungemütlich», aber das treibe ihn auch an. «In Bern ist das Leben in vielen Aspekten besser und angenehmer. Aber ich lasse mich stark von meiner Umgebung beeinflussen und wäre dort sehr faul.»In der Schweiz bestehe zudem noch immer eine mühsame Trennlinie zwischen Kultur und Kommerz. Er habe mit Letzterem kein Problem, sagt er: «Ich bin Designer und nicht Künstler.» Viele seiner Freunde in den USA kämen mit 250 000 Dollar Schulden aus dem Studium. «Das schafft eine andere Realität. Da hast du keine Zeit, wunderschöne Kunstbücher mit kleiner Auflage zu gestalten, sondern musst erst einmal die Miete in New York zahlen können.»Mit seinem eigenen Studio hat sich Ganz’ Perspektive nochmals verändert. Er ist Arbeitgeber und muss Projekte hereinbringen, um sein Team auszulasten. «Wir haben eine gute Grösse», sagt er, auch die Mischung bei den Projekten stimme. Er habe regelmässige Aufträge, die Stabilität brächten, so dass man daneben auch experimentellere Sachen wagen könne. «Die bringen weniger Geld ein, generieren aber langfristig viele neue Projekte» – weil die Leute neugierig werden.Wer Ideen und Produkte in die grossen Schaufenster bringen will, muss eben zuerst sich selbst ins Schaufenster stellen. Viele Schweizer hassen diese Erkenntnis. Aber für all jene, die sich überwinden und jemand anderes werden wollen, sind ein paar Jahre in Amerika noch immer zu empfehlen.Passend zum Artikel