KommentarWer nicht studiert hat, gilt als zweitklassig. Das ist nicht nur ein Hohn für die wahren Leistungsträger. Die Überakademisierung gefährdet den Wohlstand der SchweizEine realitätsferne Elite schwächt das duale Bildungssystem, das weltweit bewundert wird. Wer stoppt sie?04.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWer in der Schweiz etwas auf sich hält, der schickt seine Kinder heute selbstbewusst aufs Gymnasium. Sogar wenn Eltern wissen, dass das für ihre Töchter und Söhne eher nicht der richtige Weg ist, da die Leistungen kaum genügen, der Charakter (noch) nicht reif ist für die Matura. In einer Zeit, da ein Kind gerne wie ein kleines Weltwunder zur Schau gestellt, es zum Statussymbol verklärt wird, ist eine gemeine Berufslehre zu wenig satisfaktionsfähig, im Umfeld vielleicht sogar eine kleine Peinlichkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die logische Folge dieser elitären Überzeugung – oder sogar: Überheblichkeit – ist ein Land, das sich in hohem Tempo akademisiert. Ende des vergangenen Jahrtausends absolvierten rund 75 Prozent nach der obligatorischen Schule eine Berufslehre, heute sind es gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik nur noch knapp 60 Prozent.Das klingt immer noch nach einem hohen Wert – vor allem im Vergleich mit dem Ausland –, aber es ist schon seltsam, dass sich die Schweiz ausgerechnet in diesem Bereich den europäischen Standards angleichen will. In Frankreich, Südeuropa, aber auch Skandinavien ist das System auf die akademische Laufbahn ausgelegt. Erfolgreicher sind diese Länder nicht. Je höher die Maturitätsquoten in einem Land, desto höher die Jugendarbeitslosigkeit. 20 bis sogar 25 Prozent der jungen Erwachsenen sind in diesen Ländern ohne Job.Der SP-Doyen Rudolf Strahm hat das schon im Jahr 2014 in seinem Buch «Die Akademisierungsfalle» empirisch dargelegt. Darauf hören wollte die Bildungselite, die vom Elfenbeinturm herab doziert, natürlich nicht.Zwischen 2000 und 2020 hat sich die Zahl der Studenten verdoppelt. Das ist auch die Folge davon, dass bereits in der Volksschule das Gymnasium als Königsweg propagiert wird.Die Schweiz schadet sich ohne NotSelbst gutgemeinte Versuche, die Gymnasialquote zu drücken – beispielsweise mit Fachmittelschulen –, haben der Berufslehre geschadet. Im neusten Bildungsbericht zeigt sich, dass in jenen Kantonen mehr Jugendliche eine Fachmittelschule absolvieren, in denen bereits die Maturitätsquote hoch ist.Auch die Fachhochschulen sollten die Berufslehre stärken, da sie das System durchlässiger machen. Doch sie verkommt, wie es der Ökonom Mathias Binswanger (selbst an einer Fachhochschule tätig) nennt, zu einer «Ausbildung zweiter Klasse», die eine «teilweise groteske Akademisierung» fördere.Was er meint: Eine angehende Kindergärtnerin braucht heute einen Bachelor of Arts in Pre-Primary und Primary Education. Ein künftiger Hauswart studiert Facility-Management.Bisher ist der Tertiärisierungsturbo oberflächlich ohne grosse Auswirkungen geblieben. Die Jugendarbeitslosigkeit ist tief, die meisten Akademiker finden einen Job. Bei grossflächigen Verschiebungen dauert es jedoch immer eine Zeit, bis die Konsequenzen offensichtlich werden.Verfehlungen gibt es zahlreiche – mit einschneidenden Konsequenzen. Binswanger sagt über den Akademisierungswahn: «Wir fördern nicht Exzellenz, sondern Mittelmass.» So viele tertiäre Abschlüsse seien nur möglich, wenn die Anforderungen sänken.Das bleibt folgenlos, weil es kaum Interessengruppen gibt, die Einhalt gebieten. Es ist ein Teufelskreis, den man ohne Not selbst kreiert hat.Das Bildungssystem bietet zu viele falsche Anreize. Universitäten und Fachhochschulen werden nach der Zahl der Studenten (und deren Abschlüssen) bezahlt. Mehr ist also besser. Und es lohnt sich für eine Institution nicht, streng zu sein – sonst gehen die Studenten an eine andere Hochschule. So nivelliert sich das Niveau nach unten.Titel zählen mehr als FähigkeitenDarauf reagiert – leider etwas gar vorschnell – die Wirtschaft. Sie erhöht in den Stellenausschreibungen die Qualifikationen, weil man glaubt, nur so erhalte man die besten Arbeitskräfte. Titel zählen mehr als praktische Fähigkeiten. Ein Meisterdiplom ist oft weniger wert als ein (ausländischer) Bachelor.Das liegt nicht nur an einem vorherrschenden Dünkel, sondern ist oft auch der Unwissenheit geschuldet. Personalverantwortliche und Führungskräfte kennen die Vorzüge der Berufsbildung oft nicht – sei es, weil sie selbst Akademiker sind; sei es, weil sie aus dem Ausland stammen und ihnen das schweizerische System fremd ist. Nicht selten trifft beides zu.Jugendliche, die handwerkliche oder technische Begabungen haben, wissen: Obschon sie gerne eine Lehre machen würden, müssen sie den akademischen Weg einschlagen, wollen sie beruflich vorwärtskommen. Unternehmen bieten weniger Ausbildungsplätze an, da sie stark auf Akademiker setzen. Das verschlechtert auch die Qualität der Lehrlinge, die übrig bleiben, und somit auch ihre Chancen auf einen Job.In einem Land, das zu Recht stolz ist auf das duale Bildungssystem – und dafür weltweit bewundert wird –, ist das ein paradoxer Zustand.Praktiker sind WohlstandsgarantenDabei ist der Fachkräftemangel gerade in jenen Berufen real, in denen man Praktiker braucht, die sich ihre Fähigkeiten am besten in einer Lehre aneignen. Pflegefachpersonal, Elektroinstallateure, Sanitärinstallateure, Gleisbauer, Gärtner, Schreiner. Wer stellt sonst die Infrastruktur zur Verfügung, die die Work-Life-Balance-Akademiker als gottgegeben erachten? Wer baut den Home-Office-Profis die Wärmepumpe ein, die im Sommer auch als Klimaanlage dienen kann?Diese Berufsleute sind Wohlstandsgaranten. Sie sind eidgenössisch diplomierte Experten, die dem Soziologiestudenten das Studium finanzieren. Menschen, die die Schweiz am Laufen halten. Eine Entlastung dieser Leistungsträger wäre nur fair. Höhere Semesterbeiträge, nachgelagerte Studiengebühren. Doch der Widerstand ist gross. Das sei ein Angriff auf die Wissenschaft, auf die Bildungsfreiheit, heisst es empört aus akademischen Kreisen. Deutlicher kann man nicht machen, dass man sich für etwas Besseres hält. Dabei ist die Ungleichbehandlung offensichtlich. Stefan Wolter, der bekannte Bildungsforscher, sagt es so: «Es kann nicht sein, dass das Studium des Teilzeitarztes von der Kassiererin bezahlt wird.»Diese Lastenverteilung hat gravierende Folgen. Es gibt mittlerweile einen Überschuss an Maturanden, die in einer Lehre wohl besser aufgehoben gewesen wären. Wolter kann das mit Zahlen untermauern. Von zehn Schülern, die ins Gymnasium eingeteilt werden, haben eine Dekade später nur knapp drei einen Master an einer Universität gemacht, der sie in einen Job bringt, für den ein Studium nötig gewesen ist.Wie kontraproduktiv eine hohe Gymnasialquote sein kann, legt auch ein anderes Forschungsergebnis von Wolter offen. Am Beispiel des Kantons Genf hat er belegt, wie eine «Kaskade nach unten» gefördert wird: Wenn viele Kinder ins Gymnasium geschickt werden, obschon sie dort nicht hingehören, fliegen auch viele wieder raus. Das demotiviert, wodurch man unter Umständen auch eine andere Ausbildung nicht schafft. Die Jugendlichen geben irgendwann auf. Und landen in der Arbeitslosigkeit.Die Schweiz verpasst auch darum ihr wohl wichtigstes Bildungsziel, das sie vernünftigerweise vor zwei Jahrzehnten festgelegt hat: dass 95 Prozent im Alter von 25 Jahren einen Sekundarstufe-II-Abschluss erreichen. Schlimmer noch: Vor zehn Jahren lag die Quote noch bei 91,5 Prozent, zuletzt nur noch leicht über 90. Dabei ist diese Schwelle nur die «minimale Voraussetzung für einen erfolgreichen Eintritt in das Erwerbsleben», wie es der Bund selbst umschreibt.Die Friktionen treffen jedoch nicht mehr nur jene, die keine Ausbildung haben. Selbst für tertiär Ausgebildete fällt nun die – früher immanente – Sicherheit weg, gegen Arbeitslosigkeit geschützt zu sein. Die Quote der erwerbslosen Akademiker ist auf über 2 Prozent gestiegen – und hat sich bereits jener der Nichtakademiker angepasst.Fachmenschen ohne GeistDie Gefahr ist real, dass sich die Situation noch verschärft. Es wird erwartet, dass – auch wegen der KI – viele Stellen künftig wegfallen könnten, hauptsächlich sogenannte Bullshit-Jobs, die reine administrative Selbstbeschäftigung darstellen. Binswanger nennt diese Arbeiter in Anlehnung an Max Weber «Fachmenschen ohne Geist».Dabei handelt es sich vor allem um einheimische Akademiker, die sich in solche Jobs flüchten. Oder zum Staat, der unaufhörlich wächst. Zählt man nicht nur Beamtenstellen, sondern auch Jobs bei staatsabhängigen Betrieben dazu, ist fast ein Viertel der Erwerbstätigen (in Vollzeitäquivalenten) beim Staat beschäftigt, wie die Denkfabrik Avenir Suisse berechnet hat. Der Wohlstand wird nur noch verwaltet. Akademiker sind massgeblich dafür verantwortlich, dass die Leistungsgesellschaft nur noch vorgetäuscht wird. Diversity-Manager oder Velobeauftragte werden das Schweizer Erfolgsmodell nicht sichern.Es braucht eine Rückbesinnung auf eine alte Tugend. In der Schweiz wird nicht der Tellerwäscher zum Millionär, sondern der Lehrling kann es zum CEO bringen. Der Universitätsabschluss ist nicht der Königsweg. Wer im Beruf etwas leistet, ist mindestens so viel wert wie einer, der akademisch ausgebildet ist. In städtischen Gebieten sollte man sich daran zumindest erinnern, wenn man sein Kind durch Aufnahmeprüfungsvorbereitungskurse fürs Gymnasium quält, als ginge es um Leben und Tod.Wahr ist das Gegenteil. Forscherinnen der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung in Zollikofen und der Universität Zürich haben vor einigen Jahren herausgefunden, dass eine Berufslehre etwas mit Jugendlichen macht, was das Gymnasium nicht schafft: Sie löst einen Motivationsschub aus.Passend zum Artikel
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