KommentarHochmut kommt vor dem Fall: Der Alleingang in Europa hat KonsequenzenDie Schweiz befindet sich auf Kollisionskurs mit Europa. Sie sollte sich gut überlegen, welche Signale sie aussendet. Klar: Die Zuwanderung schmerzt. Doch auch Abschottung ist kein Garant für Souveränität – ganz im Gegenteil.23.05.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenDie Schweiz als unversehrte Insel im Ersten Weltkrieg: Die Erinnerung an eine ferne Heimat der Vergangenheit vermittelt eine trügerische Vertrautheit in einer unberechenbaren Zeit.Photopress / KeystoneEuropa, der Kontinent, der die Schweiz umgibt, rutscht an den Rand der multipolaren Welt. China sieht sich als neues Zentrum, Russland schürt die Zwietracht, und die USA unter Präsident Donald Trump drohen, die Verbündeten zu verraten. Das Zeitfenster, in dem Europa am verwundbarsten ist, steht weit offen. Der Kontinent ringt um Zusammenhalt, während die Spannungen an der Ostflanke steigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Schweiz dagegen zieht sich mental ins Landesinnere zurück, wie so oft, wenn es ringsherum stürmt. Die Erinnerung an eine ferne Heimat der Vergangenheit vermittelt eine trügerische Vertrautheit in einer unberechenbaren Zeit. Im Gegensatz zu den Nachbarn leidet die Schweiz aber nicht an einer Krise des Wohlstands, sondern am Erfolg, am Wachstum und an der Attraktivität ihres Arbeitsmarkts.Die Volksinitiative der SVP gegen eine «10-Millionen-Schweiz» hält die Hälfte der Stimmberechtigten laut Umfragen für einen möglichen Ausweg. Das ungute Gefühl gegenüber der ungebremsten Zuwanderung ist nachvollziehbar. Doch das Signal, das die Schweiz mit einem Ja zu einem willkürlichen Bevölkerungsdeckel, der per se keine Probleme löst, an Europa und die ausländische Bevölkerung aussenden würde, blendet der Abstimmungskampf geflissentlich aus.Die EU unter Druck schützt die eigenen NormenDabei geht es längst nicht mehr einfach nur um den guten Ruf des Landes. Die Schweiz scheint auf eine Selbsttäuschung hereinzufallen. Ein Protest an der Urne bringt nicht mehr, sondern weniger Souveränität. Ein stark vernetztes Land, das vom Export lebt und die Knochenarbeit an Zuwanderer delegiert, ist auf einen respektvollen Umgang mit den Nachbarn angewiesen.Was Europa bedroht, bedroht auch die Schweiz. In Afrika wächst die Bevölkerung genau dort überproportional, wo der Klimawandel bereits heute die Lebensgrundlagen zerstört. Der Norden wirkt noch anziehender als bisher. Die Gegner eines freien Europa forcieren diese Fluchtbewegung zusätzlich. Südlich der Sahara gewinnen Jihadisten an Einfluss. Die Terrorgefahr in Europa steigt.Doch weder die irreguläre Migration noch den Schutz der Lieferketten oder die Korrektur einer naiven Energie- und Klimapolitik kann ein europäisches Land heutzutage noch alleine bewältigen. Island, Norwegen und auch Grossbritannien debattieren über eine Annäherung an die EU: nicht weil sie perfekt wäre, ganz sicher nicht, sondern weil die Sicherheit der Bevölkerung eine Gemeinschaftsaufgabe ist. In Europa dämmert die Einsicht, dass nicht die Moral und das gute Gefühl im Vordergrund stehen, sondern die Resilienz der liberalen Ordnung.Ausgerechnet jetzt, wo stabile Beziehungen zu den Nachbarn an Bedeutung zunehmen, verfällt die Schweiz dem Eigensinn. Eine Annahme der jüngsten SVP-Zuwanderungsinitiative würde in Brüssel und allen anderen europäischen Hauptstädten als Vorentscheidung für die neuen EU-Verträge gelesen – die wohl letzte Möglichkeit, gleichberechtigt am Binnenmarkt zu partizipieren, ohne gleich beitreten zu müssen.Die Mitgliedstaaten, die gegen die Marginalisierung Europas und für mehr Autonomie kämpfen, werden die Normen der Integration in Zukunft eher strenger auslegen, als ausgerechnet einem der reichsten Länder Ausnahmen zu gewähren. Einfach das bestehende Freihandelsabkommen zu modifizieren, funktioniert kaum. Die Europäer schliessen die Reihen – wie jüngst mit den Stahlzöllen.Dass diese a priori auch für die Schweiz gelten sollen, ist kein feindlicher Akt, sondern Ausdruck der geoökonomischen Verschiebung. Gegenüber den wilden Tieren im Dschungel der Geopolitik konsolidiert Brüssel das eigene Regelwerk. Beim Aufbau einer europäischen Souveränität und beim Schutz des Binnenmarktes will die EU nur beschränkt Rücksicht auf Drittländer nehmen. Der Alleingang hat Konsequenzen. Jetzt beim Stahl, später vielleicht bei der Energie oder bei der Sicherheit.Beitrag zu einer Werte- und SchicksalsgemeinschaftUnter dem Applaus seiner eigenen Partei, der SVP, schimpft Bundespräsident Guy Parmelin öffentlich darüber, dass die EU zu wenig Rücksicht auf die Schweiz nehme. Der Sonderfall braucht eine Sonderbehandlung, damit er sich nicht abwendet – dies vermittelt der Bundesrat nervös. Parmelin folgt mit seiner Kritik für den Heimmarkt einem Muster, das sich durchzieht – und das aus der Zeit gefallen ist.Die Schweiz erlaubte keine Wiederausfuhren von Munition für die Drohnenabwehr an die Ukraine – und wundert sich nun, dass sie am Ende der Nahrungskette bei der Beschaffung von Rüstungsgütern landet: sei es bei den Europäern oder den Amerikanern. Während die Nachbarn aufrüsten, um einen Krieg mit Russland zu verhindern, spaltet der Bundesrat bei der Armeefinanzierung jeden Rappen und belehrt die Partner über die Finessen der Neutralität. Soll ein solches Land wirklich von einem europäischen Luftschirm profitieren, falls sich die Amerikaner weiter zurückziehen?Die Liste der Irritationen ist lang: Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana war das schweizerische Gesundheitswesen auf europäische Spitalbetten angewiesen. Doch insbesondere Italien vermisste die Sensibilität und auch die Selbstkritik der perfezionisti, der perfekten Schweizer, die beim Brandschutz weggeschaut hatten.Bei aller Kritik an Brüssel: Die Art und Weise, wie die Schweiz über die EU und auch die Nato spricht, zeugt von einem satten Hochmut. Die europäische Integration hat die Nachbarländer weitgehend geeint. Auf eine Erosion Europas zu spekulieren, so der Unterton in national-chauvinistischen Blogs, auf den Wahlsieg extremer Parteien in Deutschland, Österreich und Frankreich, nur damit die EU und auch die Nato geschwächt werden, ist fahrlässig.Die Schweiz ist Teil einer Werte- und Schicksalsgemeinschaft. Zusammenarbeit bedeutet nicht Unterwerfung, sondern ist ein Beitrag zu einem robusten Europa und damit eine Investition in die Freiheit, die Sicherheit und den Wohlstand. Das Regelwerk der europäischen Integration und der kollektiven Verteidigung im Rahmen des Nordatlantikvertrags schützt die kleineren Staaten vor dem Diktat der Grossmächte.Ehrlichkeit und Überzeugung statt «Storys»Wer am 14. Juni mit einem Ja die Zuwanderung bremsen will, riskiert, die Personenfreizügigkeit und damit das Regelwerk der bilateralen Verträge zu treffen. Ein solches Resultat wäre ein Widerspruch zu den republikanischen Tugenden der Schweiz, die einen zurückhaltenden Umgang mit dem Stimmzettel voraussetzen.Überhaupt vermittelt die politische Kommunikation der Parteien eine fatale Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen von Volksentscheiden. Das Parlament müsse ja den Willen der Verfassung nicht stur umsetzen, lautet ein verbreitetes Argument, wenn es darum geht, ein Protest-Ja einzulegen. Das Vertrauen in die Institutionen und die Behörden nimmt ab.Der Bundesrat ist nicht in der Lage, geeint hinzustehen und die Bevölkerung ernst zu nehmen: weder bei der Bedrohungslage und der Armeefinanzierung noch bei der Zuwanderung und den Europa-Verträgen. Natürlich handelt es sich bei diesem Paket nicht einfach um eine Fortsetzung des bilateralen Wegs, sondern um eine institutionelle Vertiefung der Beziehungen.Damit das Volk mit dem Kopf statt dem Bauch abstimmt, braucht es das Vertrauen, dass der Bundesrat und die Verwaltung nichts verwedeln und offen über Chancen und Risiken einer Vorlage informieren. Eine ehrliche Überzeugung, für die Einheit Europas gegen die autoritäre Versuchung einzustehen, könnte die Debatte beleben – und neue Mehrheiten schaffen. Mit «Storys» und «Narrativen» wecken Behörden und Parteien bloss das gesunde Misstrauen – etwa mit dem Slogan des «Brexit-Moments», den Bundesrat Beat Jans in einem Interview lancierte.Ein Nein stärkt die Demokratie und die Position der SchweizIn der Pflicht stünden nun die liberalen Kräfte. Wie kann es sein, dass ausgerechnet die Gewerkschaften die Bedeutung des Wachstums für den Wohlstand erklären müssen, die Bürgerlichen aber ängstlich schweigen? Eine freie Wirtschaft und die republikanische Stabilität gehören zu den Standortvorteilen der Schweiz – auch bei den Aussenwirkungen. Elektorale Gefühlsausbrüche dagegen weniger. Es geht auch darum, die Strahlkraft des liberalen Pionierprojekts Schweiz zu schützen.Die EU als Tyrannis darzustellen, widerspricht sowohl den Fakten als auch auch Geschichte und Geist des schweizerischen Bundesstaats. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Nachbarn mit ihren Verfassungen der Schweiz angepasst, nicht umgekehrt. Die Hybris, diesen zivilisatorischen Fortschritt schlechtzureden, kann sich nur ein Land leisten, das sich zu sehr an die Freiheit, die Sicherheit und den Wohlstand gewöhnt hat.Zu viel Überheblichkeit kann selbst das solideste Staatswesen zu Fall bringen. Wird Europa weiter marginalisiert, rutscht die Schweiz als Herzkammer des Kontinents mit an den Rand. Die Schweiz hat die Chance, ihren Nachbarn zu zeigen, dass sogar in Fragen der Zuwanderung mehr Demokratie möglich ist, als es sich die anderen europäischen Länder zutrauen. Ein Nein zu Scheinlösungen zeugt von echtem Selbstvertrauen – und stärkt die Position der Schweiz in Europa.5 KommentareWalt Blues vor 8 MinutenGuter Kommentar von Herr Häsler. Alle (und es sind viele) die den Fünfer und das Weggli wollen und glauben unsere kleine Schweiz kann ewig « weiter wursteln » wie bisher, sollten in der heutigen Zeit sich diesen Kommentar zu Herzen führen. Überall nein sagen (oder ja bei der 10 Mii Initiative) und glauben es geht immer so weiter wie bisher….Ein schmerzvolles Erwachen für die nächste Generation dürfte vorprogrammiert sein.Tobias Suter vor 9 Minuten1 EmpfehlungEs sei an dieser Stelle auch daran erinnert, dass unsere Neutralität vollumfänglich vom Ausland abhängig ist. Sie ist nur so lange etwas wert, als sie von den Anderen respektiert wird. Und dieser „Respekt“ ist unmittelbar davon abhängig, wieviel eine neutrale Schweiz Anderen nutzen kann. Das hat man während des 2. Weltkrieg gut sehen können.
Hochmut oder republikanische Tugend? Schweiz vor der 10-Millionen-Frage
Die Schweiz befindet sich auf Kollisionskurs mit Europa. Sie sollte sich gut überlegen, welche Signale sie aussendet. Klar: Die Zuwanderung schmerzt. Doch auch Abschottung ist kein Garant für Souveränität – ganz im Gegenteil.









