Der andere BlickDer Schweizer Nationalismus mit freundlichem Antlitz funktioniert nicht mehr. Heute denken alle egoistischLange maximierte die Schweiz sehr erfolgreich ihren Nutzen auf Kosten anderer. Das ist vorbei. Inzwischen verhalten sich auch die USA und die EU nationalistisch – zulasten der Schweiz.19.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Schweiz obenauf: Kletterer befestigen die grösste Schweizerfahne der Welt am Berg Säntis.Arnd Wiegmann / ReutersChristoph Blocher ist ein Visionär. Früh kritisierte er den Multilateralismus: die EU, die Uno, die internationalen Gerichte, die Verträge und Pakte, die längst ein Eigenleben führen und die Nationalstaaten immer fester einschnüren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was ist das für eine perverse Welt, in der ein Uno-Gremium glaubt, sich ins Schweizer Schulwesen einmischen zu dürfen?Wie Blocher dachten zwar auch andere: die Europaskeptiker unter den britischen Tories oder der konservative Flügel der amerikanischen Republikaner. Aber Blocher setzte sich früher als alle anderen mit seiner Vision durch. Die Schweiz lehnte 1992 den Beitritt zum EWR ab.Die britischen EU-Gegner erreichten erst 2016 den Brexit. Im selben Jahr kam Donald Trump das erste Mal an die Macht. Er begann umzusetzen, wovon seine konservativen Vorläufer nur geträumt hatten. Er höhlt die Nato aus und streicht der Uno die Mittel.Anfang der neunziger Jahre war Blocher noch der einzige erfolgreiche Neonationalist in Europa. Er stellte die Schweiz an die erste Stelle und betrachtete den Rest als Beigemüse. Aber niemand nahm ihn richtig ernst, weder die Bürokraten in Brüssel noch jene in Bern.Heute gibt es viele Blochers: Sie heissen Trump, Farage oder BardellaIm Überschwang nach dem Fall der Berliner Mauer hielt man das EWR-Nein für einen blossen Betriebsunfall, für eine vorübergehende Störung im Räderwerk der europäischen Einigung. Im Schicksalsjahr 1992 verabschiedete die Europäische Gemeinschaft den Vertrag von Maastricht und verwandelte sich von einer Föderation in eine Union mit zentralstaatlichen Zügen.Blochers Nationalismus schwamm wie das Fettauge auf der Suppe des westlichen Multilateralismus und Internationalismus.Weil niemand dem helvetischen Sonderweg sonderliche Bedeutung zumass, erreichte die Schweiz den vollen Zugang zum Binnenmarkt zu günstigen Konditionen. Nur die Kröte der Personenfreizügigkeit musste man schlucken.Doch die internationale Lage hat sich fundamental gewandelt. Unter den neuen Bedingungen ist das, was einmal visionär war, nur noch doktrinäres Scheuklappen-Denken. Die SVP und mit ihr ein Teil der Schweiz klammert sich an die Vergangenheit und will die Veränderungen nicht wahrhaben.Heute ist Blocher nicht mehr allein; heute gibt es viele Blochers. Nicht nur Trump, nicht nur Nigel Farage oder Jordan Bardella, den aufgehenden Stern des Rassemblement national.Heute ist Nationalismus überall ein Erfolgsrezept an den Wahlurnen. Selbst Brüssel betrachtet die Welt durch die Brille eines Euronationalismus.Die EU schottet sich ab und hat schon lange keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen. Sollten noch Staaten hinzukommen, etwa aus dem Balkan, dann könnten sie nach einem in Paris und Berlin ausgeheckten Plan vorläufig ihr Vetorecht verlieren.Es wäre eine Mitgliedschaft zweiter Klasse. Auch die geschundene Ukraine kann auf nichts Besseres hoffen, wenn man ihr eines fernen Tages gnädig den Zutritt zu dem erlauchten Klub gewährt.Die EU ist kein optimistischer und weltoffener Verein mehr wie vor drei Jahrzehnten. Sie ist eine Wagenburg, die sich von Gegnern umstellt wähnt.Niemand mehr räumt der Schweiz Sonderkonditionen ein. Trump triezt die Schweiz wegen angeblicher Zwangsarbeit mit Zöllen. Die EU beginnt die Schweiz aus allem auszuschliessen, was nicht vertraglich festgelegt ist.Das jüngste Beispiel dafür ist die Benachteiligung der helvetischen Stahlproduzenten. Auch der Brüsseler Plan, die Sozialausgaben für arbeitslose Grenzgänger umzuverteilen, trifft die Schweiz hart.Der Erfindungsreichtum der EU wird noch viele solcher ingeniösen Ideen hervorbringen. Es ist finsterstes Rosinenpicken, nur diesmal andersherum.Die Schweiz aber glaubt immer noch, sie schwimme als Fettauge obenauf.Zwar hat sie gerade die 10-Millionen-Initiative abgelehnt, die das Aus für die Personenfreizügigkeit und damit das Ende des bilateralen Wegs in Zuckerwatte verpackte: alles nicht so schlimm, weil noch ein paar Jahre entfernt. Die SVP warb mit dem Motto aller Kredithaie: Buy now, pay later.Eine knappe Mehrheit durchschaute die Mogelpackung. Die grosse Minderheit wird keine Ruhe geben.Als Nächstes lauert die Abstimmung über die neuen EU-Verträge. Diese sind so komplex, dass sich nur schwer abschätzen lässt, wie gross die negativen Begleiterscheinungen neben den unbestrittenen positiven Effekten ausfallen werden.So hält sich die Begeisterung selbst bei den Befürwortern der Bilateralen III in Grenzen. Mehr als ein lustloses Ja ist von ihnen nicht zu erwarten. Die Gegner hingegen können den Spiess umdrehen und die Verträge als die eigentliche Mogelpackung hinstellen.Die EU benötigt jeden Euro und holt ihn sich notfalls mit Erpressung – auch von der SchweizVor allem kreist die Debatte ausschliesslich um den helvetischen Bauchnabel.Mit Inbrunst wird darüber gestritten, ob der Bundesrat grobfahrlässig die Auswirkungen der neuen Verträge auf die Sozialwerke unterschätzt. (Vermutlich, denn er hat schon bei der Personenfreizügigkeit mit falschen Zahlen operiert.)Vor lauter innenpolitischem Geplänkel ignoriert die Öffentlichkeit den geopolitischen Sturm, der um die Schweiz herum tobt. Die USA stehen im Begriff, sich aus Europa zurückzuziehen. Die angekündigten Truppenreduktionen sind nur ein Vorgeschmack.Nicht nur Trump lehnt es ab, die Kosten für die europäische Sicherheit den amerikanischen Steuerzahlern aufzubürden. Die Demokraten sehen das kein Jota anders.Die USA werden zwar ihren Atomschirm nicht zuklappen. Sie wollen Europa nicht verlieren, nur weil der russische Imperialismus nicht mehr nuklear abgeschreckt wird. Aber die konventionelle Verteidigung des Kontinents überlassen sie erstmals seit 1945 den Europäern.Die Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten kennen nur eine Richtung: steil nach oben.Der deutsche Kanzler Friedrich Merz opferte die Schuldenbremse und seine Glaubwürdigkeit, um Milliarden für die Rüstung zu mobilisieren. Paris und London müssen nachziehen, damit sie militärisch gegenüber Berlin nicht ins Hintertreffen geraten.Angesichts dieser Belastungen wird die EU keine Zugeständnisse mehr machen. Sie benötigt jeden Euro und wird ihn sich notfalls mit Erpressung holen – auch von der Schweiz.Doch damit nicht genug. Hinzu kommt die strategische Konkurrenz gegenüber den USA und China. Um Europa als ernstzunehmenden Mitspieler im neuen «Great Game» mit Chips und AI zu positionieren, will die EU-Kommission ihren Haushalt markant ausweiten. Green Deal ist out, Industriepolitik ist in.Der simple Plan: Gespart wird fast nichts, obendrauf sollen schuldenfinanzierte Ausgaben kommen. Die halbwegs soliden Länder wie Deutschland lehnen das vehement ab. Brüssel lebt über seine Verhältnisse und macht es wie Amerika: Die anderen sollen dafür zahlen.Bedrängt von aussen und im Innern uneins, ist die EU ein unsicherer Kantonist. Die Schweiz hat allen Grund, die Partnerschaft mit Brüssel festzuzurren, damit der Sturm sie nicht davonträgt. In der heutigen Weltunordnung gibt es keinen zuverlässigeren Partner als die EU – trotz ihren vielen Defiziten.Washington und Peking sind jedenfalls erheblich unberechenbarer. Die Idee eines flinken «Global Switzerland», das sich zwischen allen Machtblöcken durchschlängelt, bleibt vermutlich eine Chimäre.Im schlimmsten Fall steht die Schweiz unter Beschuss von allen Seiten. Warum sollte sie dieses Risiko eingehen?Christoph Blocher hatte eine kühne Vision. Die Schweiz sollte ihren Nutzen einseitig maximieren – in der korrekten Annahme, dass die Grossen sie gewähren lassen würden. In den «trente années glorieuses» zwischen Mauerfall und Ukraine-Krieg funktionierte das.Es war die Hochzeit einer von Amerika garantierten regelbasierten Ordnung. Sie bot den Schlauen und den Skrupellosen unendliche Chancen.Die Chinesen führten den Freihandel mit ihrem Merkantilismus ad absurdum.Die Deutschen perfektionierten ihre profitable Dreifaltigkeit: russische Energie, amerikanische Sicherheit und chinesische Konsumenten.Und die Schweizer bedienten sich nach Gutdünken am europäischen Buffet.Jetzt sind die Zeiten härter. Peking stösst auf Widerstand, Berlin steckt in der Wirtschaftskrise, und selbst den netten Schweizern bläst der Wind ins Gesicht.Inzwischen betreiben alle eine auf Nutzenmaximierung ausgerichtete Interessenpolitik. Die Grossen kopieren schamlos die Schweiz. Die SVP hat auf ganzer Linie gesiegt. Genau das bringt den Kleinstaat nun in die Bredouille.Passend zum Artikel