KommentarDie Eidgenossen fühlen sich Deutschland gerne überlegen, sehen sich als solider und schlanker regiert, als wirtschaftlich liberaler und deutlich fleissiger. Doch der Vorsprung schrumpfte noch nie so schnell wie heute, das zeigt nicht nur die jüngste AHV-Debatte.24.05.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDas Schweizer Selbstverständnis als wirtschaftsfreundliche Wohlstandsoase, wirkt zunehmend wie ein märchenhaftes Narrativ.Annick Ramp / NZZSie würden es nie zugeben, aber dementieren auch nicht. Die meisten Schweizer halten sich heimlich für höflicher, reicher, genauer, schlauer und angenehm leiser – kurz, sie halten sich für irgendwie besser als ihre Nachbarn, vor allem als die nördlichen. Da verstehen die Nationalstolzen keinen Spass. Die Front verläuft exakt entlang des Tresens in der Bäckerei. Der Deutsche «kriegt» sechs Brötchen, und schon sieht der Eidgenosse vor dem inneren Auge die Truppen marschieren, wähnt sich im Schützengraben einer Mutschli-Schlacht. Dominanz trifft Diminutiv.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verständlich ist die Eigenbrötlerei allemal, denn alles im Leben dreht sich am Ende um Identität, der Unterschied zum Nächsten definiert die Existenz des Einzelnen. Dumm nur, wenn diese Abgrenzung so löchrig erscheint wie der Emmentaler. Das Selbstverständnis als wirtschaftsfreundliche Wohlstandsoase, in der ein schlanker Staat von eigenverantwortlichen Bürgern mit tiefen Steuern finanziert wird, wirkt zunehmend wie ein märchenhaftes Narrativ. Vieles, worum manche Deutsche die Schweizer beneiden, werfen die gerade über Bord. Nicht alles auf einmal, aber stückweise – was auf das Land wirkt wie ein mikrodosiertes Gift.Ja, es gibt ihn noch, den grossen Vorsprung auf den grossen Kanton. Doch «the trend is not our friend», würden Börsenhändler sagen. Während Bundeskanzler Friedrich Merz seinen Bürgern unter Buhrufen zu kurze Arbeits- und zu viele Fehlzeiten vorwirft, blühen in der Schweiz Teilzeitpensen und Krankenstand. Während der deutsche Staat vor sich hin wuchert und selbst die CDU über Steuererhöhungen nachdenkt, wächst hierzulande nicht der Sparwille, sondern nur der Personalbestand des Staates schneller als die Bevölkerung. Während die deutsche Bildungspolitik Breiten- statt Spitzensport feiert, beklagen hiesige Gymnasiallehrer die Vernachlässigung der Hochbegabten.Die Liste liesse sich unschwer mit Stichworten wie Bürokratie, Subventionswildwuchs, Wachstumskritik oder Investitionsstau bei Armee, Bahn, Stromnetz und Co. verlängern. Nirgendwo fällt die Schweizer Vernunftsabstinenz aber so deutlich auf wie diese Woche in der Rentenpolitik. Nachdem die im Ausland tief bewunderte direkte Demokratie im Falle der 13. AHV-Rente als finanzpolitisches Korrektiv bereits versagte, zieht nun der Bundesrat mit einem Sonnenschirm in den demografischen Sturm. Trotz ungeklärter Finanzierung der Zusatzrente will Sozialministerin Elisabeth Baume-Schneider in der laufenden Reform das Pensionsalter von 65 Jahren nicht antasten – fahrlässig mitgetragen vom mehrheitlich bürgerlichen Bundesrat. Sollte die Annahme der SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz künftig junge Beitragszahler aussperren, verwandelt sich die SP-gemachte Wählerbeschenkung endgültig in ein Staatsversagen, wie es sich der Berliner Politikbetrieb nicht besser hätte ausdenken können.Ja, die Schweizer liegen noch vorne, bekommen feini Mutschli, aber wenn sie so weitermachen, «kriegen» sie es irgendwann mit der Abstiegsangst zu tun – so wie die Deutschen heute schon.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»115 KommentareMartin Wienand Gestern2 EmpfehlungenWie deutsch wollen die Schweizer noch werden?
Wie deutsch wollen die Schweizer noch werden?
Die Eidgenossen fühlen sich Deutschland gerne überlegen, sehen sich als solider und schlanker regiert, als wirtschaftlich liberaler und deutlich fleissiger. Doch der Vorsprung schrumpfte noch nie so schnell wie heute, das zeigt nicht nur die jüngste AHV-Debatte.






