Die Hälfte der tatsächlich Abstimmenden ist bereits 60 Jahre alt und älter, wie eine Studie von Avenir Suisse zeigt. Das benachteiligt potenziell die Jungen und die Erwerbstätigen. Was sich dagegen tun liesse.25.06.2026, 08.46 Uhr4 LeseminutenDie Schweizer Stimmbürger altern, und damit dürften sich auch ihre Präferenzen verändern: Ein älteres Paar betrachtet eine Installation im Kunstmuseum Luzern.Christof Schürpf / KeystoneDie Bevölkerung in der Schweiz altert, und die Stimmbürger, die über Sachfragen abstimmen, altern überdurchschnittlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neue Berechnungen der Denkfabrik Avenir Suisse zeigen: Das Medianalter – also die Altersschwelle, bei der genau die eine Hälfte älter und die andere jünger ist – hat sich in der Gesamtbevölkerung seit der Jahrtausendwende um vier Jahre auf 43 Jahre erhöht. Das Medianalter der sich an Abstimmungen beteiligenden Wählerinnen und Wähler hingegen ist in dem Vierteljahrhundert um gut sieben Jahre auf ganze 60 Jahre gestiegen. Grundlage dieser Berechnungen sind kantonale Erhebungen.Diese Entwicklung hat zwei Ursachen: Erstens machen die Ausländer 27 Prozent der Bevölkerung aus. Sie sind im Durchschnitt deutlich jünger als die Schweizer, da viele von ihnen erst für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit eingewandert sind und recht viele das Land auch wieder verlassen haben, bevor sie Rentner wurden.Zweitens ist die Stimmbeteiligung bei den Älteren deutlich höher als bei den Jüngeren. Von den 65- bis 80-Jährigen nutzen jeweils über 60 Prozent ihr Stimmrecht. Bei den 18- bis 30-Jährigen sind es hingegen nur rund ein Drittel. Deshalb beträgt das Medianalter der Abstimmenden 60 Jahre, unter allen Stimmberechtigten jedoch 54 Jahre.Umverteilung statt Investitionen in die ZukunftDie Folgen dieser alternden Wählerstruktur zeigen sich deutlich in den Bevölkerungspyramiden. 2000 waren die Jahrgänge der Abstimmenden noch ähnlich verteilt, und die Erwerbstätigen machten eine deutliche Mehrheit der Stimmbürger aus. Das hat sich nun geändert. Inzwischen steht die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger kurz vor der Pensionierung oder ist bereits in Rente. Die Jüngeren sind eindeutig in der Minderzahl: Unter den Abstimmenden machen die unter 40-Jährigen nur noch 22 Prozent der Stimmbürger aus.Die Entwicklung dürfte sich auch in den anderen alternden europäischen Demokratien ähnlich zeigen. Wie aber funktioniert eine Gesellschaft, deren politische Präferenzen stark von Rentnern bestimmt werden? Was passiert, wenn eine Mehrheit einen relativ kurzen Zeithorizont hat?Einen Hinweis darauf gab in der Schweiz 2024 die Abstimmung über die Einführung einer nicht finanzierten 13. AHV-Rente. Die über 60-Jährigen nahmen sie deutlich an, während die unter 40-Jährigen dagegen stimmten. Die Vorlage wurde von 58 Prozent der Wähler angenommen.Natürlich verlaufen die Interessengegensätze bei Abstimmungen nicht nur zwischen Jung und Alt. Aber es besteht die Gefahr, dass Besitzstandswahrung und Umverteilung auf Kosten der Jüngeren eher Mehrheiten finden und Reformen, welche der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts dienen und in die Zukunft investieren, höhere Hürden zu überwinden haben.Kinderstimmrecht für die ElternUm dem etwas entgegenzuwirken, müsste der durchschnittliche Wähler erwerbs- und reformfreudiger werden.Ein erster Ansatz dazu bestünde in der Senkung des Medianalters derjenigen, die tatsächlich abstimmen gehen. Weil ein Abstimmungszwang nicht zu einer freiheitlichen Demokratie passt, ginge es also primär darum, die Stimmbeteiligung der jüngeren Generationen zu erhöhen durch Sensibilisierung und Politisierung in der Ausbildung und durch Parteien und Verbände. Avenir Suisse rechnet allerdings vor, dass eine Erhöhung der Stimmbeteiligung der unter 35-Jährigen von 33 auf 43 Prozent das Medianalter der Wählenden bloss um 1,25 Jahre erhöhen würde.Eine grössere Wirkung hätte es, wenn man den Eltern, die Kinder haben, ein Stimmrecht zugestehen würde, das sie explizit für ihre Kinder ausüben könnten. Neben dem pädagogischen Effekt eines solchen Kinderstimmrechts für die Eltern würde dies das Medianalter um knapp 5 Jahre senken. Avenir Suisse ortet allerdings «erhebliche demokratiepolitische und praktische Fragen». Anfügen liesse sich, dass man wohl auch die Grosseltern verstärkt dafür sensibilisieren sollte, dass sie mit ihrem Stimmverhalten über die Interessen ihrer Enkel mitbestimmen.Der ständigen Umverteilung von Erwerbstätigen zu Rentnern entgegenwirken würde am effektivsten wohl eine Erhöhung des Rentenalters beziehungsweise der Erwerbstätigkeit älterer Jahrgänge. Tatsächlich könnte bald möglich werden, was bisher als politisch aussichtslos galt. Verantwortlich dafür ist ausgerechnet die demografische Alterung der Wählerbasis: Die Pensionäre haben nichts zu verlieren, wenn die Erwerbstätigen länger arbeiten – das sichert ihre Renten.Umstrittener dürfte ein Wahlrecht für Ausländer etwa auf kommunaler oder kantonaler Basis sein. Weil viel mehr Ausländer erwerbstätig sind (und ja auch kräftig Steuern zahlen), würde ein solches das Medianalter bei Abstimmungen senken – wie sehr, würde davon abhängen, wie gross das Interesse in diesen Kreisen an politischer Partizipation wäre.Avenir Suisse verzichtet auf Reformempfehlungen und argumentiert, vielleicht sei das einfach der Lauf der Dinge, dass alternde Gesellschaften eine alte Wählerbasis hätten. Doch die Reformmüdigkeit der vergangenen Jahre weist darauf hin, dass es sich wohl lohnen würde, über systemische Korrekturen vertieft nachzudenken.Damit die Schweizer direkte Demokratie nicht zu einem Instrument der Rentner wird, braucht es mehr Junge und Erwerbstätige an den Urnen.Passend zum Artikel
Die Schweizer Wähler - bald ein Volk von Rentnern?
Die Hälfte der tatsächlich Abstimmenden ist bereits 60 Jahre alt und älter, wie eine Studie von Avenir Suisse zeigt. Das benachteiligt potenziell die Jungen und die Erwerbstätigen. Was sich dagegen tun liesse.







