GastkommentarAdriel JostZuwanderung ist nicht alternativlos – es stellt sich letztlich die Frage: Welche Schweiz wollen wir?Der individuelle Wohlstand hängt nicht zwingend davon ab, ob in der Schweiz 5 oder 20 Millionen Menschen leben.18.05.2026, 14.33 Uhr3 LeseminutenZuwanderung führt zu einem andauernd grösseren Kuchen an Arbeit, den es zu verteilen gibt.Annick Ramp / NZZDie Alterung der Schweizer Bevölkerung schreitet voran. Gehen der Schweiz bald die Arbeitskräfte aus? Häufig wird reflexartig argumentiert, dass Zuwanderung die einzige Lösung sei, mit dieser Herausforderung umzugehen. Doch stimmt dies wirklich?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So einfach ist es nicht. Zuerst gilt: Aus Sicht der Unternehmen gibt es immer einen «Mangel» an günstigen Arbeitskräften: Alle Betriebe würden gerne fähige, motivierte und erfahrene ETH-Ingenieure für einen Jahreslohn von 80 000 Franken einstellen. Umgekehrt gibt es ein «Überangebot» an Arbeitskräften für sehr gut bezahlte Stellen: Auf eine Kita-Stelle mit moderaten Qualifikationsanforderungen und 200 000 Franken Jahreslohn würden sich viele bewerben. Am Arbeitsmarkt finden sich die unterschiedlichen Vorstellungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern: Arbeitnehmer müssen ihre Lohnvorstellungen gegen unten anpassen, Arbeitgeber potenziell mehr bieten.Es gibt keine fixe Menge an ArbeitWenn aufgrund der demografischen Entwicklung das Verhältnis zwischen der Arbeitsbevölkerung und der Gesamtbevölkerung nun abnimmt, gehen somit nicht einfach die Arbeitskräfte aus, sondern es passen sich die Preise an. Wenn die gleiche Nachfrage auf ein geringeres Angebot trifft, steigen die Löhne.Zuwanderung beeinflusst diesen Mechanismus. Sie erhöht das Angebot an Arbeitskräften und sorgt damit dafür, dass Arbeit nicht teurer werden muss. Zuwanderung führt aber nicht wie erhofft dazu, dass der Fachkräftemangel zurückgeht und die Zahl der offenen Stellen abnimmt. Die Zuwanderung führt im Gegenteil dazu, dass es in der Schweiz insgesamt mehr Arbeit zu tun gibt. Denn jede durch Zuwanderung besetzte Arbeitsstelle führt zu Einkommen, das wieder ausgegeben wird – und generiert so neue Nachfrage nach Arbeitskräften.Es gibt in einer Volkswirtschaft keine fixe Menge an Arbeit. Zuwanderung führt zu einem andauernd grösseren Kuchen an Arbeit, den es zu verteilen gibt. Das zeigen auch die Schweizer Erfahrungen: Trotz hoher Nettozuwanderung der letzten Jahre bleibt die Nachfrage nach Fachkräften hoch.Den «Arbeitskräftemangel» statt mit Zuwanderung mit mehr Arbeitsstunden, höherer Erwerbsbeteiligung oder einem höheren AHV-Alter zu kompensieren, ist genauso unrealistisch. Denn das erhöhte Einkommen der Schweizer Bevölkerung wird ebenfalls zu einer erhöhten Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen führen, was zusätzliche Arbeitskräfte erfordert – gleich, wie wenn das zusätzliche Einkommen durch Zuwanderer generiert wird.Die einzige Alternative zu einer Erhöhung des Arbeitsangebots durch Zuwanderung oder Mehrarbeit der einheimischen Bevölkerung ist, den Preis steigen zu lassen, also Arbeit teurer werden zu lassen. Dies wiederum hätte zur Folge, dass der Alltag weiter technologisiert und automatisiert wird. Produkte würden noch häufiger neu im Ausland gekauft statt im Inland repariert. Breite Bevölkerungsschichten müssten gewisse Tätigkeiten wieder selber übernehmen, z. B. die Betreuung von Kindern und betagten Eltern.Bestimmte Berufe würden verschwinden, weil niemand mehr bereit ist, dafür zu bezahlen, beispielsweise die Lieferdienste für Produkte mit geringer Wertschöpfung wie Essen. Auch Tourismusdienstleistungen würden teurer, die Zahl der Touristen kleiner.Chancen und GefahrenDie Frage des Umgangs mit der demografischen Entwicklung ist damit nicht allein eine ökonomische, sondern auch eine Frage des Lebensstils und der Werte: Welche Schweiz wollen wir? Die Wahl besteht zwischen einer Schweiz als Melting-Pot, also einer andauernden Urbanisierung und Kulturveränderung durch Zuwanderung, und einer Alternativwelt der Technologisierung und des «Do-it-yourself».Beide Visionen können mit finanziellem Wohlstand verbunden sein: Der durchschnittliche Wohlstand pro Kopf hängt per se nicht davon ab, ob in der Schweiz 5 oder 20 Millionen Personen leben. «Letztlich geht ein erhöhtes Bevölkerungswachstum mit einem ebenso erhöhten BIP-Wachstum einher, während in einer Pro-Kopf-Betrachtung mehr oder weniger alles beim Alten bleibt», schrieb der Ökonom Peter Stalder schon 2016.Beide Visionen weisen aber auch Gefahren auf. Der Melting-Pot birgt die Gefahr, dass die kulturellen und institutionellen Stärken der Schweiz verlorengehen und dies den Wohlstand senkt. Führt eine Hightech-Welt zu mentalen Abschottungs-, Rückzugs- und Selbstgefälligkeitstendenzen, gefährdet dies Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand der Bevölkerung ebenfalls.Der Wohlstand hängt letztlich davon ab, wie die Schweiz tickt, wie sie sich organisiert und wie innovativ darum das Land ist. Institutionen und – noch wichtiger – die darunterliegende Kultur und Mentalität sind dafür entscheidend. Diese trotz der demografischen Entwicklung zu erhalten, wird die grosse Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein, egal welchen Weg die Schweiz in der Zuwanderungspolitik wählt.Adriel Jost ist Ökonom, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern und Präsident des Think-Tanks Liberethica.1 KommentarMarc Anderson vor 6 MinutenSchön argumentiert. Mein Einwand wäre höchstens, das die Flut der hohen Löhne nicht auch die kleinsten Boote heben müsste, es könnte 8000er Jobs und 800er in der gleichen Stadt geben, nur das letztere dann eben pendeln oder sogar im Auto nächtigen. Alles ist vorstellbar, wo es insgesamt aufwärts geht.Passend zum Artikel