Schwach in Deutsch und trotzdem eine Berufsmatura? Die Abschaffung der Aufnahmeprüfung sorgt für KritikDie Kantone haben die Hürden für die Berufsmatura gesenkt. Nun sinkt das Niveau der Schüler – und die Ausbildungsabbrüche nehmen zu. Lehrer fordern Massnahmen.30.05.2026, 21.45 Uhr3 LeseminutenViele Lernende streben nach Abschluss der Lehre noch die Berufsmaturität an. Mittlerweile sind es rund 13 000 pro Jahr.Andrea Zahler / CH MediaSie macht sich Sorgen. Anja Nützi ist Berufsschullehrerin in St. Gallen und Vorstandsmitglied des Verbands Berufsbildung Schweiz (BCH-FPS). Seit der Kanton vor zwei Jahren den prüfungsfreien Zugang zur Berufsmaturitätsschule nach der Lehre eingeführt hat, beobachtet sie eine Veränderung in den Klassen. «Neu drängen auch Leute mit sehr schwachen Deutsch- und Englischkenntnissen an die Berufsmatura», sagte sie im Verbandsmagazin. Auch die Mathematik bereite zunehmend Probleme. «Vielen fehlt eine gute Vorbereitung, weil keine Prüfung mehr nötig ist», sagt Nützi auf Anfrage.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie steht mit ihrer Kritik nicht allein da. Auch im Kanton Zürich dürfen seit ein paar Jahren alle, die ihre Lehre mit mindestens der Note 5,0 abgeschlossen haben, ohne Aufnahmeprüfung an die Berufsmaturitätsschule. In St. Gallen liegt die Hürde bei 4,75. Der Trend ist klar. Eine Umfrage dieser Zeitung zeigt: Mittlerweile verzichten beinahe alle Kantone auf die Prüfung, sofern ein gewisser Notenschnitt vorliegt.Steigende BeliebtheitDie Berufsmaturität (BM) gewinnt an Bedeutung. Sie eröffnet den Zugang zu Fachhochschulen und über eine Ergänzungsprüfung auch zu Universitäten. Schweizweit werden jährlich rund 13 000 Abschlüsse gemacht – im Vergleich zu rund 20 000 gymnasialen Maturitäten. Die BM kann auf zwei Wegen absolviert werden: entweder während der Lehre (BM 1) oder im Anschluss daran (BM 2).Die prüfungsfreie Aufnahme in die BM 2 stösst auf Widerstand, weil sie das Niveau zu senken droht. Kürzlich wurde dazu etwa im Rahmen der Delegiertenversammlung der Lehrpersonenkonferenz der Berufsschulen des Kantons Zürich (LKB) ein Diskussionspapier entworfen, das dieser Zeitung vorliegt. Es kritisiert, der Zugang zur BM sei «weder gerecht noch einheitlich». Die Lehrabschlussnote sage «wenig darüber aus, ob jemand für die schulisch-akademischen Anforderungen der BM geeignet ist». Konkret: Die Note bewertet die Eignung für den Beruf, nicht aber fürs Studium. Die Diskussion sei noch nicht abgeschlossen, das Thema solle an der nächsten Delegiertenversammlung wieder aufgenommen werden, sagt der LKB-Präsident Sebastien Pabst.Auch der nationale Verband will sich weiter mit dem Thema beschäftigen, wie Anja Nützi aus St. Gallen erklärt. Sie hat eine Umfrage in den Kantonen zu den Auswirkungen der Reform gestartet. Sorgen bereitet ihr die hohe Zahl der Abbrüche. Zwar fehlen nationale Zahlen, doch verzeichnet etwa der Kanton Zürich einen Anstieg von rund 16 Prozent im Jahr 2019 auf bis zu 28 Prozent (2024). In gewissen Ausrichtungen der BM 2 gab es gar beinahe eine Verdoppelung. In Lehrerkreisen ist von einer «Verschwendung von Ressourcen» die Rede.Gerechteres System?Befürworter der Reform argumentieren dagegen, der prüfungsfreie Zugang sei gerechter, da sich nicht alle Lehrabgänger gleich gut auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiten könnten. Es gehe um mehr Chancengerechtigkeit – ähnlich wie in der Debatte um Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium. Solche Hürden würden insbesondere Jugendliche aus bildungsfernen und einkommensschwächeren Familien benachteiligen.Das Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamt betont, die prüfungsfreie Zulassung sei eingeführt worden, um den Zugang zu erweitern. Eine Wiedereinführung der Aufnahmeprüfung sei derzeit kein Thema. Im Gegenteil: National werden die Hürden weiter gesenkt. Bisher wurden Schüler in der einjährigen BM 2 bei ungenügenden Leistungen nach dem ersten Semester ausgeschieden; neu erhalten sie einen provisorischen Status und können auch das zweite Semester der einjährigen BM 2 absolvieren.Anja Nützi rechnet kaum mit einer Rückkehr zu Aufnahmeprüfungen und hofft auf mehr Unterstützung für Lernende in der BM 2. Auch in Zürich fordern Lehrer wenigstens regelmässige Vorbereitungskurse und systematische Eignungsabklärungen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Schwaches Deutsch und trotzdem Berufsmatura? Kritik an neuen Zulassungsregeln
Die Kantone haben die Hürden für die Berufsmatura gesenkt. Nun sinkt das Niveau der Schüler – und die Ausbildungsabbrüche nehmen zu. Lehrer fordern Massnahmen.








