«Praktische Fähigkeiten sind wichtiger als Allgemeinbildung», sagt der Bildungsforscher Stefan Wolter. Wer nur in der Theorie stark ist, bekommt ProblemeEine neue Studie beweist erstmals, wie wichtig die Praxis für die Karriere ist. Das muss vor allem die Hochschulen interessieren.11.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDas duale Bildungssystem ist der Königsweg der Schweiz.Gaetan Bally / KeystoneAkademiker lebten in der Schweiz lange Zeit ein glückliches Leben. Ihr Ansehen war hoch, der Lohn ebenfalls – und, wohl am wichtigsten, ein Job garantiert. Ein Leben im Schlaraffenland.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die paradiesischen Zustände scheinen nun aber vorbei, die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich eingetrübt. Die Zahl der erwerbslosen Akademiker ist auf über 2 Prozent gestiegen und hat sich damit jener der Nichtakademiker angepasst.Stefan WolterDas dürfte gerade (zukünftigen) Studenten zu denken geben. Hochschulabgänger müssen Dutzende Bewerbungen schreiben, um überhaupt ein Praktikum zu erhalten. Selbst an Eliteuniversitäten wie der HSG gibt es nun Programme, die den Studenten einschärfen, dass man sich um einen Job redlich bemühen muss, eine «Extrameile» vonnöten sein werde.In der Bildungspolitik sind diese Entwicklungen jedoch noch nicht angekommen. Das Gymnasium gilt heute als Königsweg. Dabei wird oft vergessen: Es gibt auch Könige ohne Reich. Was ist ein Doktor in einem Orchideenfach wert, wenn man keinen Job findet, der einigermassen gut bezahlt und sicher ist?Die Lage für Studenten ist also volatil. Und die Gemengelage wird nicht besser, wenn man die Resultate einer neuen Studie von dem renommierten Bildungsforscher Stefan Wolter und Co-Autoren analysiert. Die Forscher haben untersucht, wie sich die Leistungen von Lehrlingen in der Berufsschule und im Lehrbetrieb auf ihre Karriere auswirken.Die Stärke des dualen SystemsDie Erkenntnis ist «eine Weltpremiere», wie Wolter sagt. Denn praktische Kenntnisse sind viel schwieriger messbar als Allgemeinwissen, weshalb dazu bis anhin noch gar nie Daten erhoben wurden.Die grossangelegte Auswertung der Noten der Auszubildenden wurde in vier Profile eingeteilt:Überflieger, die sowohl in der Theorie wie in der Praxis stark sind, haben keine Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Unterperformer haben natürlich Schwierigkeiten. So weit, so logisch.Bei den Soliden, Mittelguten zeigt sich der Unterschied zwischen jenen, die schulisch gut sind, im Job jedoch Mühe haben – und jenen, die in der Praxis überzeugen, im Unterricht aber nicht. Letztere sind bei den Arbeitgebern deutlich beliebter.Wolter sagt: «Praktische Fähigkeiten sind wichtiger als Allgemeinbildung.»Damit die Vergleiche auch standhalten, hat Wolter nur Personen innerhalb desselben Lehrberufs verglichen. Der Befund, dass Praktiker den Theoretikern überlegen sind, hat sich jedoch über alle 170 untersuchten Berufe durchgehend bestätigt. «Bei Praktikern denken alle an Handwerker. Doch die Bedeutung von praktischem Wissen zeigt sich genauso in den Lehrberufen, in denen eher Geistesarbeit gefordert ist, beispielsweise in der Informatik», sagt Wolter.«Learning by doing» macht das duale System zum entscheidenden Vorteil für das Schweizer Bildungswesen. Wolter sagt: «Es lässt sich nicht alles theoretisch, also fiktiv, im Klassenzimmer lernen.» Der Erhalt eines «starken dualen Weges» sei deshalb nicht nur für die jungen Menschen, sondern auch für die Unternehmen «matchentscheidend». Denn aufschlussreich sei, dass die Arbeitgeber den praktischen Fähigkeiten enormes Gewicht gäben und den Mitarbeitern grosses Vertrauen schenkten. Das gelte vom kleinen KMU bis zum Grosskonzern.Diese Priorisierung wirkt sich auch bei den Löhnen aus. Wenn zwei Lehrlinge im selben Beruf mit identischem Notendurchschnitt abgeschlossen haben – und auch sonst vergleichbar sind –, verdient der Praktiker bereits im ersten Jahr eine vierstellige Summe mehr als der Theoretiker. «Dieser Unterschied dürfte sich mit der Zeit noch aufsummieren», sagt Wolter. Zudem habe der Praktiker ein deutlich tieferes Risiko, dass er arbeitslos werde.Wolter sagt: «Wir müssen unser duales System bewahren. Nur so können praktisch Begabte ihre Stärken auch ausspielen.»25 Prozent brechen das Bachelorstudium abHandlungsbedarf sieht Wolter vor allem beim Zugang zum Gymnasium. «Ich mache kein Gymnasium-Bashing, wenn ich sage: In manchen Kantonen ist die Maturitätsquote deutlich zu hoch.» Die Studierfähigkeit vieler Maturanden sei nicht gegeben. «Was bringt es, wenn wir Junge an die Unis locken, wenn sie dort danach versagen?»Bereits im Bachelorstudium brechen fast 25 Prozent ab. Nicht ihren Studiengang. Sondern das ganze Universitätsabenteuer. Wolter warnt daher davor, zu viele Jugendliche ans Gymnasium zu drängen. Es schade am Ende jenen, die über eine Lehre später am Arbeitsmarkt, aber auch in der tertiären Bildung erfolgreicher gewesen wären.Die Entwicklung an den Fachhochschulen (FH) sieht Wolter hingegen weniger kritisch als etwa der Ökonom Mathias Binswanger: «Das sind Hochschulen, die für Berufsleute gemacht wurden. Ohne die FH hätten viele Talentierte keine Lehre gemacht, sondern sich im Gymnasium oder in einer Fachmittelschule versucht.»Es könne aber nicht das Ziel sein, dass FH zu Miniuniversitäten würden (wie in Deutschland zu oft der Fall): «FH dürfen nicht ein Auffangbecken für gymnasiale Maturanden werden, die an der Uni gescheitert sind.» Auch bei den Dozenten sieht er Verbesserungspotenzial: «Von der Idee, dass die Dozenten sowohl akademisch als auch im Beruf erfolgreich sind, wird zu oft zulasten der beruflichen Qualifikation abgewichen. Das macht die FH nicht besser.»Kurz: Die Lehre ist, gemäss Wolter, eine perfekte Alternative zum Gymnasium, in dem «ein enger Bildungskanon gelebt» werde. Viele begabte Jugendliche, die vielleicht ein, zwei Schwächen in Geografie oder in einer Fremdsprache hätten, wären im Gymnasium gescheitert, aber seien in einer Lehre exzellent – weil sie dort in anderen Kompetenzfeldern ihre praktischen Fähigkeiten voll ausspielen könnten.KI sorgt für DisruptionIn Zukunft werden praktische Kompetenzen noch um einiges gewinnbringender. KI sorgt für ordentlich Disruption auf dem Arbeitsmarkt. Doch die Unternehmen wissen derzeit noch gar nicht genau, wie damit umzugehen ist – deswegen stellen sie, als Vorsichtsmassnahme, zurückhaltender ein.Das betrifft zunächst Berufseinsteiger, die von einer Hochschule kommen. «Es kann sein, dass in ein paar Monaten alles gut ist – wenn die KI aber durchdrückt, und ich tendiere zu dieser Annahme, kommt es zu fundamentalen Änderungen.»Das geht dann mehr zulasten der Theoretiker. Denn Theorie kann KI besonders gut. Wolter sagt: «Wenn praktische Kompetenzen schon heute – ohne KI – am wichtigsten sind für Arbeitgeber, dann wird das nach der KI-Revolution erst recht so sein.» Auch die Hochschulen müssten sich schnell überlegen, wie sie sich veränderten. Denn klar sei, sagt Wolter, dass sich die Jobprofile überall modifizieren würden – «und zwar zum Nachteil jener, die Mühe haben, theoretisches Wissen auch in die Praxis umsetzen zu können».Das trifft nicht selten angehende Akademiker, die sich wohl langsam mit dem Abschied aus dem Schlaraffenland beschäftigen müssen.Daniel Goller, Samuel Lüthi, Stefan C. Wolter (2026): The Value of Practical Skills. RFBerlin Discussion Paper No. 206/26.Passend zum Artikel