Yale University: Ein Drittel der Studierenden getraut sich nicht, politische Ansichten offen zu äussernTrump hat seine Angriffe auf die Universitäten gebremst. Aber die Krise der Elite-Unis ist nicht ausgestanden. Die Yale University hat eine kritische Selbstbefragung angestellt. Mit bedenklichem Ergebnis.Simon M. Ingold20.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas Vertrauen der Amerikaner in die Unis erodiert: der Campus der Yale University in New Haven, Connecticut.Hartford Courant / Tribune News Service / GettyDas aggressive Vorgehen der Trump-Administration gegen amerikanische Elite-Universitäten mag abgeflacht sein. Aber die Krise der akademischen Institutionen hat sich deswegen nicht in Luft aufgelöst. Sie hat sich sogar verschärft – und das nicht etwa wegen Trump. Die Yale University, vom präsidentiellen Zorn weitgehend verschont, nahm den Frontalangriff auf ihre Konkurrenten zum Anlass für eine kritische Selbstbetrachtung. Die Ergebnisse liegen in einem soeben veröffentlichten Bericht vor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie beschäftigen sich mit dem Status des öffentlichen Vertrauens in die höhere Bildung. Und, um es gleich vorwegzunehmen: Der Zerfall des akademischen Kapitals ist dramatisch. 2015 hatten noch 57 Prozent der amerikanischen Bevölkerung Vertrauen in die höhere Bildung. 2024 waren es gerade noch 36 Prozent. 70 Prozent der Befragten stimmen überein, dass sich Universitäten «in die falsche Richtung bewegen».Die Autoren des Berichts, eine Gruppe von zehn Fakultätsmitgliedern, identifizieren verschiedene Ursachen für die Vertrauenserosion. Die wichtigsten drei seien hier genannt, beginnend mit den Studiengebühren: Für das akademische Jahr 2025/26 werden dafür 94 425 Dollar fällig. Dank Stipendien bezahlen 20 Prozent der Studierenden gar nichts, und 55 Prozent erhalten finanzielle Unterstützung. Trotzdem: Wie sind solche Kosten zu erklären, wenn das Medianeinkommen einer vierköpfigen amerikanischen Familie 84 000 Dollar beträgt?Eine zweite Ursache sehen die Autoren in der Selektion. Von den Studienbewerbern für das Abschlussjahr 2030 wurden 4,2 Prozent zum Studium zugelassen. Fraglich dabei ist nicht die tiefe Quote an sich, sondern die Intransparenz des Prozesses. Denn nach wie vor werden Bewerber aus dem obersten Prozent der Einkommensverteilung bevorzugt behandelt.Wo sind die Republikaner?Unter anderem ist dies möglich, weil bei standardisierten Zugangstests keine Mindestpunktzahlen gefordert werden. In Verbindung mit der grassierenden Noteninflation bei der Bewertung von Prüfungen und Hausarbeiten entsteht daraus der Eindruck blinder Willkür. 1963 lag der Anteil der verteilten Bestnoten A und A– bei 10 Prozent. Im Jahr 2022/23 erreichte er 79 Prozent. Der Medianstudent darf heute in einer beliebigen Prüfung mit der Note A rechnen.Die dritte Ursache des Vertrauensverlusts ist die aus gesellschaftlicher Sicht fatalste: der prekäre Zustand der Meinungsäusserungsfreiheit. Im Rahmen einer Campus-Umfrage von 2025 antwortete ein Drittel der befragten Studierenden, dass sie sich nicht frei fühlten, ihre politischen Ansichten offen auszudrücken. Die Konservativen unter ihnen sehen sich am meisten bedrängt, der Trend zur Selbstzensur erfasst aber auch Anhänger anderer politischer Couleur.Warum dem so ist, beantwortet der Bericht gleich selbst: Das Verhältnis von registrierten Demokraten zu Republikanern unter den Yale-Professoren beträgt sechsunddreissig zu eins. Von Pluralismus, wie er von Diversitätsverfechtern in den Universitätsverwaltungen seit Jahren gefordert wird, kann in den eigenen Reihen keine Rede sein.Was die drei Faktoren verbindet, sind die Verwässerung und die Verklärung des institutionellen Zwecks, die Yale und andere führende amerikanische Universitäten in den letzten Jahren und Jahrzehnten schleichend zugelassen haben: Sie wollen «selektiv, aber auch inklusiv, erschwinglich, aber auch luxuriös, meritokratisch, aber auch gleichberechtigend» sein. Kurzum: Sie wollen es allen recht machen.Ein Abschluss, aber keine ArbeitDer Bericht hat in den USA grosses Echo ausgelöst und wurde als eine der selbstkritischsten Auseinandersetzungen gelobt, die eine Elite-Universität öffentlich unternommen hat. Dass sich Yale Asche aufs Haupt streut, ist sachlich richtig und taktisch klug – andere Ivy-League-Universitäten geraten dadurch unter Zugzwang.Trotzdem: Die Diagnosen des Berichts sind hypothetisch. Zwar erscheinen die behaupteten Zusammenhänge plausibel, sie lassen sich aber nicht beweisen. Die grösste Schwäche des Berichts ist, dass er den eigentlichen Kern des Problems unerwähnt lässt: Universitäre Bildung garantiert in den USA keine soziale Mobilität mehr und bricht damit ihr grösstes Versprechen. Und das nicht erst seit dem KI-induzierten «Chat-GPT-Schock» von 2022, sondern schon länger.Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. 42 Prozent der kürzlich diplomierten College-Abgänger sind unterbeschäftigt. 50 Prozent aller Absolventen arbeiten in Berufen, die gar keinen Universitätsabschluss erfordern. Und fast 10 Prozent sind arbeitslos, was deutlich über dem nationalen Durchschnitt liegt. Die Erklärung dafür ist einfach: Viel zu viele junge Amerikaner studieren an einem College. Nicht etwa weil sie intelligenter sind als ihre Altersgenossen in anderen OECD-Ländern, sondern weil die Mehrheit der amerikanischen Colleges ihnen den Zutritt zu leicht macht.Das Resultat: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Anteil der amerikanischen Arbeitnehmer, die über einen Bachelorabschluss verfügen, von 31 auf 45 Prozent erhöht. Universitäre Bildung in den USA ist ein Massenphänomen und führt zu einem Überangebot an Absolventen, die den Arbeitsmarkt überfluten. Grund dafür ist nicht zuletzt ein Mangel an Alternativen. Berufsausbildungen haben einen notorisch schlechten Ruf und waren lange mit einem sozialen Stigma behaftet.Das Risiko KIDas macht die amerikanische Bildungslandschaft im internationalen Vergleich zu einer krassen Randerscheinung. Der höchst erfolgreiche duale Schweizer Weg praktiziert das exakte Gegenteil. Die Hochschulquote liegt mit 22 Prozent um fast die Hälfte tiefer als in den USA, während der weitaus verbreitetere Bildungsweg über die Lehre hervorragende Berufsaussichten eröffnet. Der Wert einer schweizerischen Universitätsausbildung ist gerade darum so stabil, weil die Alternativen so gut sind.Aber auch in den USA findet ein Umdenken statt. Eine Umfrage unter Vertretern der Gen Z zeigt, dass 77 Prozent von ihnen das Automatisierungsrisiko durch KI bei ihrer Berufswahl aktiv berücksichtigen. In dieser Abwägung schneiden Studiengänge schlecht ab, die typische Berufsbilder im Dienstleistungssektor, von der Marketingspezialistin bis zum Rechnungsprüfer, mit Nachschub versorgen.Die sinkende Begehrlichkeit einer Universitätsausbildung, gekoppelt mit der Verunsicherung durch KI, stellt die amerikanischen Hochschulen vor enorme Herausforderungen. Viele kleinere Colleges werden daran zugrunde gehen. Elite-Institutionen wie Yale haben vorerst die Mittel und die Reputation, um sich angesichts der fundamentalen Umwälzungen zu behaupten. Aber sie müssen alarmiert sein. Der Bericht ist der verhaltene Anfang eines Selbsterkundungsprozesses, der noch viele existenzielle Fragen aufwerfen wird.Passend zum Artikel