Das Bild vom deutschen Sehnsuchtsland USA bekommt unter Trump Risse. Selbst der Kanzler würde seinen Kindern abraten, dorthin zu gehen. Schulaustausch-Organisationen registrieren ein abnehmendes Interesse.Eigentlich wäre das schon ihr Traum gewesen, sagt Hannah. Einmal ein Highschool-Jahr in den USA, mit Homecoming und Prom und allem Drum und Dran, wie in den amerikanischen Filmen. Das wäre es gewesen. Jetzt aber hat die 15-Jährige sich umorientiert. Auf der Austauschmesse „Auf in die Welt“ auf dem Berliner Phorms-Campus, die sie gemeinsam mit ihren Eltern besucht, informiert sie sich vor allem über Programme in Australien oder Neuseeland. „Was unter Donald Trump in den USA passiert, schreckt mich einfach ab“, sagt Hannah. „Ich hätte Sorge, dass man als Ausländer nicht ins Land kommt oder alle mit Waffen herumlaufen.“ Ihr Vater ergänzt: „Das Vertrauen, dass schon nichts passieren wird, ist nicht mehr da.“Auch die 14-jährige Letizia will ihre geplanten drei Austauschmonate lieber in England oder Irland verbringen als in den USA. „Die Schwester meiner Freundin hatte eine sehr Trump-nahe Gastfamilie, das wäre nichts für mich“, sagt die Berliner Gymnastin. „Die politische Situation schreckt mich ab.“Nach Willkommenskultur klang es tatsächlich nicht, was nach Trumps Amtsantritt an Nachrichten aus den USA kam: Verschärfte Einreiseformalitäten, Einreiseverbote für Menschen aus 19 Ländern, die vorübergehende Aussetzung der Terminvergabe für Studenten-Visa, die Überprüfung von Social-Media-Profilen, dazu das robuste Vorgehen der Regierung gegen Einwanderer – all das sorgt für Verunsicherung. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verstieg sich jüngst gar zu der Aussage, er würde seinen Kindern wegen des veränderten gesellschaftlichen Klimas derzeit von einem USA-Aufenthalt abraten.„Um 40 Prozent“ sei die Nachfrage nach den USA bei ihm zurückgegangen, die Ängste seien groß, vor allem bei den Eltern, sagt Jan Helten, Eigentümer der Organisation Xplore, die Schulaustausch-Programme organisiert. „Kanada wird hingegen positiv diskriminiert, da wird es an den Schulen gerade deutlich voller.“ Michael Eckstein ist Vorsitzender der Deutschen Stiftung Völkerverständigung, die die „Auf in die Welt“-Messen organisiert. Er beobachtet, dass es vor allem die Eltern seien, die Vorbehalte hätten. „Die jungen Leute wollen nach wie vor gern in die USA reisen. Meist sind es die Eltern, die zögerlich sind und im Zweifel lieber das Doppelte oder Dreifache für Programme in Kanada und Neuseeland zahlen, als ihre Kinder ins Trump-Amerika zu schicken.“ Dabei habe sich im Alltag der amerikanischen Gastschüler nichts verändert. „Wer in Washington sitzt und Politik macht, spielt vor Ort in Familie und Schule kaum eine Rolle. Die Einreisekontrollen wurden zwar verschärft, für Schüler gab es hier – anders als für Studenten – aber nie Probleme“, sagt Eckstein. Dennoch machten sich viele Familien Sorgen um das politische Klima. Lesen Sie auchDas bestätigt auch Stefanie Zillessen. Die Deutschland-Chefin der Austauschorganisationen STS Education, Southern Cross und DFSR ist gerade zurück von einem Treffen mit Kollegen sowie Gastfamilien in den USA und zeigt sich „begeistert“ von der Atmosphäre dort. „Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit – wie die meisten Amerikaner“, sagt Zillessen. Dennoch sei die Nachfrage nach Gastschülerprogrammen in den USA in diesem Jahr branchenweit um bis zu 50 Prozent gesunken, besonders in Deutschland. In den anderen europäischen Ländern habe man keinen so großen Rückgang beobachtet, sagt Zillessen.Lesen Sie auchSie hat ebenfalls beobachtet, dass es oft die Eltern seien, die bremsten. „Auch die Berichte über erschwerte Einreisebedingungen spielen dabei eine Rolle“, sagt die Expertin. Viele Familien seien in diesem Jahr daher lieber auf Kanada, Australien oder Neuseeland ausgewichen. Für das kommende Jahr bewegten sich die bisherigen Anmeldungen aber wieder auf der Höhe der Vorjahre. Auch bei der Organisation International Experience registriert man eine langsame Beruhigung der Lage: „Anfang der Saison gab es eine Krise, aber das Interesse zieht wieder an“, stellt Beraterin Heike Kempken fest. „2027/28 wird sich alles wieder komplett normalisieren.“ Ist der „Trump-Schock“ also nur vorübergehend? Großes Interesse an transatlantischen BeziehungenBei der Atlantik-Brücke, einem Verein, der sich seit Jahrzehnten für die transatlantische Freundschaft einsetzt, kann man den Rückgang bei Austauschprogrammen mit den USA jedenfalls nicht nachvollziehen. Die Organisation verzeichnet nach wie vor ein großes Interesse an den transatlantischen Beziehungen. Das 1973 gegründete „Young Leaders Program“ für junge Führungskräfte verzeichnet derzeit sogar besonderen Zulauf. Auf die 50 Plätze, die zur Hälfte an Deutsche und Amerikaner vergeben werden, gab es in diesem Jahr 355 Bewerbungen. „In den vergangenen drei Jahren sind die Bewerberzahlen für unser ‚Young Leaders Program‘ um 30 Prozent gestiegen“, sagt Geschäftsführerin Julia Friedlander. „Das Programm vereint junge Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern von beiden Seiten des Atlantiks. Diesen jüngeren Führungskräften ist klar, dass sich die globalen Machtverhältnisse und unsere Lebensbedingungen rasch verändern.“ Sie seien daher auch bereit, die transatlantische Politik an neue Realitäten anzupassen, sagt Friedlander. „Wir können nicht ohne einander leben, aber die Beziehung wird zwangsläufig anders aussehen als in der Generation unserer Eltern – und bloß keine Panik“, zitiert Friedlander aus Gesprächen mit den jungen Leuten. „Die hohen Bewerberzahlen belegen den Mut, vergangene Politik nicht zu betrauern, sondern konstruktiv den Weg nach vorne zu gestalten.“ Lesen Sie auchBeim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ist man hingegen noch etwas skeptisch. Christian Strowa, DAAD-Direktor in New York, hat jüngst die NAFSA-Jahreskonferenz in Orlando besucht, die weltgrößte Fachkonferenz für internationale Bildung und Hochschul-Internationalisierung. „Insgesamt kann man sagen, dass bei ausländischen Studierenden und Hochschulvertreterinnen und -vertretern eine deutlichere Zurückhaltung als noch im letzten Jahr zu spüren ist, was Reisen in die USA betrifft“, sagt Strowa. „Und tatsächlich deuten die Anzeichen auch darauf hin, dass die Gesamtzahl der Neueinschreibungen aus dem Ausland rückläufig ist.“ Die Gründe seien zwar wahrscheinlich nicht nur auf das aktuelle politische Klima zurückzuführen, sondern etwa auch auf gestiegene Reise- und Lebenshaltungskosten. Einschränkungen und Verunsicherungen durch Travel Bans oder das Screening von Online-Auftritten seien aber „sicher nicht zuträglich“. Noch sei es für verlässliche Zahlen etwas zu früh, sagt Strowa. „Jenseits der blanken Zahlen berichten uns die US-Hochschulen jedoch schon, dass sie eine grundsätzliche Verunsicherung ausländischer Studierender spüren.“ Die großen, forschungsstarken Unis hätten zwar nach wie vor kein Problem, alle Studienplätze zu füllen. Andere Hochschulen, deren Finanzierung stark von internationalen Einkünften abhänge, berichteten hingegen von einem starken finanziellen Druck und verstärkten Rekrutierungsmaßnahmen, sagt Strowa. „Wieder andere berichten von nachfragebedingten fachbezogenen Schließungen und Kürzungen von Studienprogrammen und PhD-Angeboten, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften.“Lesen Sie auchAuch beim DAAD in Deutschland registriert man diesen Trend. „Für das Master-Stipendienprogramm USA haben sich im vergangenen Jahr 267 Studierende deutscher Hochschulen beworben. Im Vorjahr waren es 305 Bewerbungen. Das entspricht einem Rückgang um rund zwölf Prozent“, sagt Pressesprecher Michael Flacke. In der Gegenrichtung gebe es hingegen deutliche Zuwächse, sagt Flacke. „Bei den Bewerbungen auf DAAD-Stipendien aus den USA nach Deutschland gab es beispielsweise im Masterprogramm für Deutschland 427 Bewerbungen aus den USA – nach 204 Bewerbungen im Vorjahr. Das entspricht einem Zuwachs von rund 110 Prozent.“ Andererseits habe es nur sehr wenige deutsche DAAD‑Stipendiaten gegeben, die ihr Stipendium aufgrund der politischen Entwicklungen nicht angetreten hätten. „Wir hatten hier lediglich eine Handvoll Rücktritte; die Betroffenen sind zumeist ins Vereinigte Königreich oder nach Kanada gegangen.“ Kanada sei auch deshalb beliebt, weil das Bildungssystem dort als „deutlich besser“ gelte als das US-amerikanische, sagt Michael Eckstein von der Stiftung Völkerverständigung. Allerdings sei das Highschool-Jahr in Kanada auch deutlich teurer. Während die Angebote für ein volles Schuljahr im „Classic-Programm“ in den USA bei 12.000 Euro beginnen, zahle man in Kanada mindestens 20.000 und in Neuseeland mindestens 30.000 Euro. „Das liegt vor allem daran, dass Bildung für Ausländer dort ein Wirtschaftsfaktor ist. Es wird Schulgeld erhoben, und auch die Familien bekommen Geld“, sagt Eckstein. In den USA sei das anders. „Hier nehmen die Familien Gastschüler auf, weil sie sich die Welt nach Hause holen wollen. Das hat etwas mit Weltoffenheit zu tun – aber auch mit der Idee, sich Freunde in der ganzen Welt zu schaffen“, sagt Eckstein. „Fast alle Schüler, die die Programme durchlaufen, sind anschließend begeistert.“ Viele hielten den Kontakt zu ihrer Familie ein Leben lang, sagt auch Beraterin Heike Kempken. „Hierzulande haben wir große Probleme, überhaupt Gastfamilien zu finden. Von der Gastfreundschaft der Amerikaner können die Deutschen jedenfalls noch viel lernen.“ Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
Schüleraustausch: „Junge Leute wollen nach wie vor gern in die USA. Meist sind es Eltern, die zögerlich sind“ - WELT
Das Bild vom deutschen Sehnsuchtsland USA bekommt unter Trump Risse. Selbst der Kanzler würde seinen Kindern abraten, dorthin zu gehen. Schulaustausch-Organisationen registrieren ein abnehmendes Interesse.






