„Früher“, sagt Johannes Müller, „zählten die Austauschplätze in den USA mit zu den meistbegehrten. Wir hatten immer dreimal so viele Bewerberinnen und Bewerber wie Plätze.“ Rund 15 bis 20 Studenten der Frankfurter Universität können jedes Jahr für ein Semester an US-Partneruniversitäten etwa in Wisconsin, Massachusetts, New Jersey oder Kalifornien wechseln. Für den Austausch in diesem Jahr jedoch hatte die Goethe-Uni Schwierigkeiten, überhaupt alle Plätze zu besetzen. Es gab nicht nur weniger Interessenten, sondern auch Bewerber, die auf ihren schon zugesagten Austauschplatz verzichteten. Die Zahl der Interessenten habe sich fast halbiert, bilanziert Müller, Leiter des Global Office der Goethe-Universität.Für diese Entwicklung gibt es eine Reihe von Gründen, doch alle hängen mit der Wiederwahl von Donald Trump Ende 2024 zusammen. Abschreckend wirken etwa die Unruhen, die die US-amerikanische Einwanderungs- und Zollbehörde ICE mit einer Welle an brutalen Verhaftungen und Abschiebungen von Migranten im Land ausgelöst hat. Hinzu kommt die Diskussion über verschärfte Einreisebestimmungen. Schon jetzt müssen USA-Reisende Einblick in ihre Social-Media-Aktivitäten geben. Zuletzt geisterten auch die Einführung eines DNA-Nachweises und die Offenlegung aller E-Mail-Accounts der vergangenen fünf Jahre durch die Medien.Furcht vor Übergriffen ist nicht der Hauptgrund2025 führten unklare Visaprozesse zu Unsicherheit – so gab es einen zeitweisen Stopp für Interviews, die Studenten verpflichtend in Konsulaten oder der US-Botschaft führen müssen, bevor ihnen eine Aufenthaltserlaubnis ausgestellt wird. Aktuell werden Visa nicht mehr an alle Studenten vergeben. Hochschüler etwa aus Iran, Afghanistan, Syrien, Burma, Laos oder Kongo werden nicht mehr ins Land gelassen.Nach Gesprächen mit jungen Austauschwilligen nimmt Global-Office-Leiter Müller jedoch nicht primär verschärfte Einreiseregeln als Grund für das sinkende Interesse an den USA wahr. „Es ist auch nicht unbedingt die diffuse Angst vor Übergriffen der Behörden, sondern eher das Gefühl, da will ich nicht mehr hin.“Der studentische Austausch mit Universitäten in den USA läuft bisher auf mehreren Ebenen. Die meisten Hochschulen in Hessen und Rhein-Main haben für einen Direktaustausch bilaterale Verträge mit einzelnen Partnerunis in den Vereinigten Staaten abgeschlossen. Es gibt aber auch Länderpartnerschaften. So unterhält Hessen seit 1998 mit dem US-Bundesstaat Wisconsin und seit 2004 auch mit Massachusetts wissenschaftliche Kooperationen. Kurz- oder Langzeitstudienaufenthalte in den USA werden überdies durch spezielle Angebote wie das Promos-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder das prestigeträchtige Fulbright-Stipendium gefördert.Statt 115 Plätzen nur noch 63 vergebenTrotz dieser Möglichkeiten sind in ganz Hessen die Bewerberzahlen eingebrochen. Über das Kooperationsprogramm Hessens konnten seit Bestehen mehr als 1000 hessische Studenten für ein Semester an US-Hochschulen wechseln und waren von den ansonsten sehr hohen Studiengebühren befreit. Das Interesse hat jedoch deutlich nachgelassen: Wurden für 2024/2025 noch 115 Plätze vergeben, so sind es für 2026/2027 nur noch 63.Von einem Rückgang der Bewerberzahlen um rund 20 Prozent berichtet auch Julia Fitzthum, die an der Technischen Universität Darmstadt im Dezernat Internationales zuständig ist für Partnerschaften in Nordamerika und Studierendenmobilität. Rund 30 TU-Studenten entscheiden sich jedes Jahr, für ein oder zwei Semester in die USA zu gehen. Die Vereinigten Staaten seien normalerweise ein sehr beliebtes Ziel, sagt sie, wobei die Zahl der Plätze wegen der Studiengebühren begrenzt ist und immer auch im Austausch eine ähnliche Anzahl US-Studenten an die deutsche Partneruni geholt werden muss.Dass das Interesse abnehme, berichtet Fitzthum, habe sich gleich nach der Wiederwahl Trumps gezeigt. Sie fiel zusammen mit dem Ablaufen der Antragsfrist für den USA-Austausch, die jeweils im November für das nächste Jahr endet. „Bewerber und Bewerberinnen waren zurückhaltender, weil sie nicht wussten, was sie erwartet.“ Einige wechselten lieber an Hochschulen in Kanada oder innerhalb Europas. „Das war eine sicherere Bank“, so die TU-Mitarbeiterin.Deutlich gestiegener BeratungsbedarfFür 2026 sei die Zahl der Interessenten an der Darmstädter Uni wieder gestiegen, „aber wir sind noch nicht wieder auf dem Niveau früherer Jahre“. Erst zum Ende der aktuellen Bewerbungsfrist für 2027 wird sich zeigen, ob es wieder erreicht wird. Fitzthum ist aufgefallen, dass es mehr konkrete Nachfragen gab bei Austauschwilligen, einen deutlich höheren Beratungsbedarf unter anderem wegen geänderter Einreiseregeln, und dass mehr Plätze als sonst nach bestandenem Auswahlverfahren für die USA nicht angenommen wurden. Dass Social-Media-Konten und private Fotos oder Posts öffentlich gestellt werden müssten, sei bei den Studierenden ein Thema, sagt sie. Von Problemen mit der Visabehörde oder bei der Einreise kann sie bisher aber nicht berichten.Jenseits der Landesgrenze in Mainz sieht die Situation ähnlich aus. Keinen drastischen, aber einen schleichenden Rückgang des Interesses hat Markus Häfner, Leiter der Abteilung Internationales der Johannes-Gutenberg-Universität, ausgemacht. Eine Tendenz, die auch seiner Ansicht nach nicht direkt mit verschärften Einreisebedingungen zu tun hat, sondern vielmehr seit der Wiederwahl des US-Präsidenten zu beobachten sei. Im Winter- und Sommersemester 2024/2025 gingen rund 43 Mainzer Studenten zum Austausch in die USA. „Früher waren wir hoffnungslos überbucht“, sagt Häfner. Zwar blieben auch heute keine Plätze frei, aber den Rückgang der Bewerberzahlen beziffert er auf rund ein Viertel.Eine kontinuierliche Abnahme vermeldet ebenso der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der die Mobilität deutscher Studenten unterstützt. „Bei den Bewerbungen auf DAAD-Stipendien in Richtung USA zeigen sich leichte Rückgänge“, sagt der Sprecher der Organisation. Das Interesse in den USA an Studien- und Forschungsaufenthalten in Deutschland sei dagegen stark gestiegen. Wie viele Stipendienplätze der Austauschdienst finanzieren kann, hängt immer auch von der Finanzierung durch den Bund ab. 2025 wurden 2216 junge Menschen gefördert, die in die USA wollten, ein Jahr zuvor waren es noch 2646.„Lediglich eine Handvoll Rücktritte“Über das Promos-Programm an Mitgliedshochschulen unterstützte der DAAD 2024 insgesamt 1163 junge Menschen bei kürzeren Amerika-Aufenthalten, 2025 waren es noch 888 Studierende. Nur sehr wenige deutsche Stipendiaten hätten ihren Aufenthalt in den USA wegen der politischen Entwicklungen nicht angetreten, so der Sprecher. „Wir hatten lediglich eine Handvoll Rücktritte“ – nicht mehr als im Durchschnitt früherer Jahre.Viele Studenten organisieren ihren Aufenthalt selbst und bezahlen auch das Studium allein. Laut den neuesten Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl deutscher Studierender, die ein Vollstudium in den USA absolvieren, von rund 10.000 im Jahr 2016 auf rund 6850 im Jahr 2023 gesunken. Der DAAD-Sprecher erinnert daran, dass die USA nach wie vor über einige der besten Universitäten der Welt verfügten, und viele davon „setzen sich nachdrücklich für den akademischen Austausch ein“. Auch TU-Mitarbeiterin Fitzthum berichtet von Nachfragen der US-Partner, die „unsere Studierenden weiterhin aufnehmen wollen“.Laut Johannes Müller von der Goethe-Uni finanzieren sich US-Hochschulen zu einem großen Teil über die Gebühren internationaler Studenten. Entsprechend bestürzt reagierten sie auf den Rückgang bei den Austauschzahlen. Müller hat 2025 an der Konferenz der „Association of International Educators“ in den USA teilgenommen und mit Vertretern vieler Partneruniversitäten gesprochen. „Sie sind sehr betrübt über die Entwicklung und benennen das auch sehr deutlich – direkt oder hinter vorgehaltener Hand.“