PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungDeutsche Schulen„Es war nicht alles schlecht“? Das ist der falsche Weg, die Geschichte der DDR zu lehrenVon Christine BrinckStand: 11:13 UhrLesedauer: 5 MinutenQuelle: Getty Images/Andreas RentzWas wissen die Jungen noch über die DDR? Sie steht zwar in allen Bundesländern im Lehrplan, doch der deutsche Geschichtsunterricht hat ein entscheidendes Problem.Der Checkpoint Charlie in Berlin hat Weltgeschichte geschrieben. Wer heute den einstigen Grenzübergang zwischen West und Ost besucht, merkt davon nicht viel. Hütchenspieler und Buden bestimmen das Bild, von Geschichte keine Spur. Oder doch? Eine neue Attraktion wirbt mit dem Spruch „Mach Dein Spaßfoto mit Geschichte!“ In einer Box kann man sich für fünf Euro mit Sonnenbrille im fingierten Stasibüro oder hinter der Mauer, auf der „Let me out“ geschrieben steht, mit Pelzmütze ablichten lassen. Bei den Kids kommt richtig gut an, was als „gelebte Geschichte“ plakatiert wird. Sie finden es lustig.Geschichte ist selten lustig, und die Geschichte der DDR mit Stasi und Mauer ist es schon gar nicht. Doch was wissen die Jungen schon über die DDR? Sie steht zwar in allen Bundesländern im Lehrplan, doch dank des chronologischen Geschichtsunterrichts fällt die Nachkriegszeit am Ende des Schuljahrs gern mal hinten runter. Das erinnert an die Zeiten, da wundersamerweise die Nazizeit immer zum Schluss drankam und deshalb nur gestreift oder ganz verschoben wurde. In beiden Fällen hatten die Lehrer oft ein Problem mit der Geschichtsvermittlung, weil es eben auch ihre eigene Geschichte betrifft. Im Fall der DDR haben die einen sie selbst erlebt, andere kennen sie allenfalls aus der Familie. Oder sie weichen aus auf dürre Wegmarken wie Mauerfall und Wendezeit.Die Kinder, die die Fotobox lustig finden, haben kein Problem damit, dass ihr Spaß am alten alliierten Kontrollpunkt in der Nachbarschaft der todbringenden Mauer stattfindet. Sie wissen es nicht besser. Schon 2017 fand eine Studie der Körber-Stiftung heraus: Vier von zehn Schülern wussten nicht, wofür Auschwitz steht. Woher sollen sie dann heute wissen, wofür die DDR stand? Mit ein paar Stichwörtern ist die Geschichte der DDR nicht zu vermitteln. Sie bestand aus weit mehr als 17. Juni, Mauerbau, Reiseverboten, Überwachung, Stasi und Montagsdemos.Lesen Sie auchDie Jahre von 1945 bis 1989 sind ein Auf und Ab von Reformversuchen, Stalinismus, Tauwetter und Eiszeiten. Und ewig regierten der „Klassenstandpunkt“ und die Feindschaft gegen die Bundesrepublik. Geschichtslehrer sind häufig auf die DDR-Geschichte schlecht vorbereitet, oft sind sie Quereinsteiger und haben von Didaktik keine Ahnung. Im Osten sehen sich die Lehrer heute selbst als Zeitzeugen. Sie erzählen, „wie es wirklich war“. Das ist ein fataler Rollenkonflikt, denn Geschichte ist nicht Selbstporträt. Sie muss zwar auf Fakten basieren, sollte aber unterschiedliche Deutungen zulassen. Die Schule der DDR hatte den Auftrag, die Kinder zu „jungen Erbauern des Sozialismus“ zu erziehen. Die Schlagworte hießen „Ausbeutung“, „Unterdrückung“, „Klassenkampf“, „Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung“. Wenn Geschichtslehrer in den wenigen Stunden, die ihnen zur Verfügung stehen, das Wesen der DDR sowie deren Strömungen lehren sollen, brauchen sie gute Unterrichtsanleitungen. Die Verklärung der DDR als solidarische Wärmestube erklärt nicht, warum drei Millionen Menschen aus diesem Arbeiterparadies geflohen sind, warum nach dem Mauerbau viele Menschen ihr Leben riskierten, um in die Freiheit zu gelangen. Viele verloren ihr Leben, viele mehr landeten bei gescheiterter Flucht im Gefängnis. Einfach mal die Serie „Weissensee“ anschauenWenn vier von fünf Schülern ihr Geschichtswissen allein aus dem Unterricht beziehen, sollte die Folge mehr Geschichtsunterricht sein – und nicht weniger. Deshalb gab es massive Kritik, als jüngst ausgerechnet das Land Berlin einen neuen Rahmenlehrplan für die gymnasiale Oberstufe beschließen wollte, der vorsah, die vertiefte Behandlung der DDR-Geschichte und der deutschen Teilung als Pflichtthema zu streichen. Durch den beherzten Widerspruch der Geschichtslehrer konnte das verhindert werden. Jetzt muss es darum gehen, lebendige Geschichte zu lehren. Mit Ideen zeigen viele Geschichtslehrer im ganzen Land, dass sie die Heranwachsenden für historische Stoffe begeistern können. Das ist besonders in Zeiten von Fake News ein wichtiges Gegengift. Wenn es um die NS-Zeit geht, können persönliche Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden den Schülern mehr Einsichten vermitteln als viele dröge Unterrichtsstunden. Lebendige Geschichte der DDR kann genauso unterrichtet werden. Wer mit den Schülern die Serie „Weissensee“ anschaut und diskutiert, hat den ganzen Kosmos der DDR vor Augen. Man kann Erich Loest lesen oder Wolf Biermann. Zeitzeugen und Opfer der DDR-Justiz gibt es genug.Dietrich von Maltzahns Buch „Mein erstes Leben“ ist ein solches Zeugnis. Als junger Arzt plante er seine Flucht mit Frau und Kindern. Er wurde verraten und landete in dem berüchtigten Gefängnis in Bautzen. Dort verbrachte er zwei Jahre unter schlimmsten Bedingungen. Später gelang ihm die Ausreise nach Lübeck. Seine Geschichte erzählt mehr über das System DDR als die Wie-es-wirklich-war-Erzählungen mancher Lehrer. Lesen Sie auchHeranwachsende sind empfänglich für Geschichte, wenn sie gut erklärt und von Quellenstudium begleitet wird. Was machte die DDR zu einer Diktatur? Was ist ein Einparteienstaat? Warum wurden die Mitglieder der evangelischen Jungen Gemeinde verfolgt? Wie kam es zum 17. Juni? Was bedeutete die Kollektivierung der Landwirtschaft? Wieso gab es steten Mangel in der Versorgung? Was hatte die Volkskammer zu sagen, wie unterscheidet sie sich vom Bundestag? Warum flohen so viele Menschen nach Prag? Das alles ist ein ebenso spannendes wie lehrreiches Drama. Man lernt auch, dass Menschen durchaus kommod in einer Diktatur zurechtkommen können, wenn sie sich anpassen, mit ihren Meinungen nicht auffallen oder einfach Denunziant werden.Die Geschichte der DDR ist ein Teil der deutschen Geschichte, aber nicht nur das. Sie dient dem Verständnis dessen, was heute in den östlichen Bundesländern passiert. Diese Geschichte hört eben nicht 1989 auf, sondern lebt fort in ihren Bewohnern. Es ist eine Geschichte, die mit Mauerbau, Mauerfall und Wendeproblemen nicht ausreichend erzählt wird. Wenn nach einer Untersuchung aus dem Jahre 2012 die Hälfte der befragten Jugendlichen keinen Unterschied zwischen NS-Diktatur, der DDR und der Bundesrepublik sah, ist im Geschichtsunterricht einiges schiefgelaufen. Wer die Geschichte der DDR nicht kennt, ist den täuschenden Narrativen der Gegenwart kritiklos ausgeliefert. „Es war nicht alles schlecht“ – das ist der falsche Weg, die Geschichte der DDR zu lehren. Christine Brinck ist freie Publizistin und Autorin des Buches „Eine Kindheit in vormaurischer Zeit“ (Berlin Verlag).
Deutsche Schulen: „Es war nicht alles schlecht“? Das ist der falsche Weg, die Geschichte der DDR zu lehren - WELT
Was wissen die Jungen noch über die DDR? Sie steht zwar in allen Bundesländern im Lehrplan, doch der deutsche Geschichtsunterricht hat ein entscheidendes Problem.






