Nach mehreren Jahren ist der schwelende Konflikt zwischen der Regierung in Rom und privaten Seenotrettern am Wochenende abermals eskaliert. Wie die deutsche Nichtregierungsorganisation Sea-Watch mitteilte, haben Beamte der italienischen Küstenwache und der Polizei in der Nacht zum Samstag das Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ im Hafen von Brindisi stundenlang durchsucht.Dabei wurden den Angaben zufolge Dokumente und Ausrüstungsgegenstände beschlagnahmt. Der Kapitän wurde am Samstag zum Verhör vorgeladen. Dabei sei ihm mitgeteilt worden, dass gegen ihn Ermittlungen wegen des Verdachts der „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ eingeleitet worden seien. Nach Angaben der Hilfsorganisation ist es das erste Mal seit sechs Jahren, dass die italienischen Behörden ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ein privates Rettungsschiff eingeleitet haben.2019 hatte die italienische Justiz Ermittlungen gegen die damalige Kapitänin der „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, eingeleitet – wegen der Begünstigung illegaler Einwanderung. Das Verfahren wurde 2021 eingestellt. Auch gegen Crewmitglieder des Schiffs „Iuventa“ der Berliner Organisation Jugend Rettet war dieser Vorwurf erhoben worden. Das Verfahren wurde 2024 nach sieben Jahren Dauer eingestellt.Angriff in internationalen GewässernDie „Sea-Watch 5“ legte am Freitagvormittag mit 166 Bootsmigranten an Bord im Hafen von Brindisi in der süditalienischen Region Apulien an. Nach Angaben der Hilfsorganisation war das Schiff am vergangenen Montag bei einem Rettungseinsatz in internationalen Gewässern von Patrouillenbooten der libyschen Küstenwache mehrfach beschossen worden, nachdem die Besatzung 90 Menschen aus seeuntauglichen Booten an Bord genommen hatte.Zudem hätten die Libyer gedroht, das Rettungsschiff zur libyschen Küste zu schleppen. Nach einem weiteren Rettungseinsatz nahm die „Sea-Watch 5“ dann Kurs auf Brindisi, den von der Regierung in Rom zugewiesenen Hafen. Die drei Frauen, 138 Männer und 25 unbegleiteten Minderjährigen an Bord des Rettungsschiffes stammen nach Angaben der Organisation hauptsächlich aus Bangladesch.Sea-Watch bezeichnete die Durchsuchung des Schiffs sowie die Ermittlungen gegen den Kapitän als „absurde Eskalation“. Anstatt die Verantwortlichen für den Angriff mit Feuerwaffen auf Zivilisten auf dem Rettungsschiff zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen, unterstütze die Regierung in Rom das Regime in Tripolis mit der Lieferung und Instandhaltung von Patrouillenbooten, von welchen aus dann Straftaten gegen Seenotretter begangen würden, sagt Sea-Watch-Sprecherin Giorgia Linardi.1.200 Menschen bei Überfahrt gestrobenDie Kriminalisierung der Seenotrettung durch Organisationen der Zivilgesellschaft sei „mittlerweile gängige Praxis“, aber bei Sea-Watch werde man sich ungeachtet der jüngsten Eskalation nicht einschüchtern lassen, sagte Linardi.Auf einem Flüchtlingsboot mit 55 Migranten aus westafrikanischen Ländern an Bord, das in der Nacht zum Samstag die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa erreicht hatte, starb unterdessen ein wenige Wochen altes Baby wegen Unterkühlung. Das Kleinkind konnte bei der Ankunft nicht gerettet werden.Das Mittelmeer zählt zu den gefährlichsten Fluchtrouten weltweit. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Jahresbeginn mehr als 1.200 Menschen auf der Route nach Europa ertrunken oder gelten als vermisst.Papst Leo XIV. will am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, den südlichsten Außenposten Italiens im Mittelmeer besuchen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche erinnert immer wieder an das Schicksal von Migranten. Im Hafen der Insel will Leo eine Gedenktafel an der nach seinem Amtsvorgänger Franziskus benannten Mole segnen. Franziskus hatte am 8. Juli 2013, kaum vier Monate nach seiner Papstwahl, die Insel bei seiner ersten offiziellen Reise außerhalb Roms besucht.