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Standort: „Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist kein Selbstläufer mehr“ Das Schweizer Wirtschaftsmodell hat sich bewährt. Doch Studien zeigen: Die Erfolgsfaktoren verlieren an Stärke. Und selbst die neutrale Schweiz spürt geopolitische Konflikte stärker.
Die Flagge der Schweiz: Das Land gehört wirtschaftlich zur Weltspitze – steht jedoch vor strukturellen Herausforderungen. Foto: REUTERSDüsseldorf. Jahrzehntelang hat sich die Schweiz auf ihre Erfolgsformel verlassen können: Spitzten sich geopolitische Krisen zu, hat das Land seinen Status als politisch neutraler und fiskalisch stabiler Hafen bei Anlegern und Unternehmen ausspielen können. Hohe Wachstumsraten und ein starker Franken waren die Folge.Eine Studie, die der Berater McKinsey und die Swiss-American Chamber of Commerce gemeinsam vorgestellt haben, scheint den Status zu bestätigen: Die Schweiz hält ihren Anteil an den weltweiten Konzernansiedlungen bei etwa 20 Prozent, Platz drei hinter Irland und den Niederlanden.Bis zu 1,8 Millionen Menschen arbeiten in dem Land für multinationale Unternehmen, sie stehen für mehr als 40 Prozent der Wirtschaftsleistung und zahlen mehr als die Hälfte der Bundessteuern auf Unternehmensgewinne.Doch bei genauerem Blick zeigt sich: Die Erfolgsformel verliert an Wirkung. „Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist kein Selbstläufer mehr“, sagt der Schweiz-Chef von McKinsey, Michael Steinmann.Ansiedlungen in der Schweiz: Der Trend geht zurückJan Mischke, Partner beim McKinsey Global Institute und Leiter der Forschungsabteilung Produktivität und Wohlstand, sagt dem Handelsblatt: „Im europäischen Vergleich brilliert die Schweiz weiterhin, doch der globale Wettbewerb spitzt sich zu.“ Denn der Anteil neuer Konzernzentralen, die in der Schweiz angesiedelt werden, sank von 27 auf 19 Prozent. Bei Finanzzentralen fiel er ähnlich stark.Gleichzeitig stieg der Anteil von Forschungs- und Entwicklungszentren – Tech-Konzerne wie Anthropic, OpenAI und Baidu eröffneten Niederlassungen im Land. „Die Schweiz ist mit ihrem klaren Fokus auf den Bereich der Computer Vision führend“, sagt Mischke.Die Technologie ist ein Teilgebiet der KI und sei von hoher Relevanz für die Bereiche autonomes Fahren, die Konfiguration von Drohnen oder Digitalprodukte wie Google Maps oder Youtube.Doch insgesamt ging die Zahl der Neuansiedlungen zurück: von 179 im Zeitraum 2014 bis 2019 auf nur noch 142 von 2020 bis 2025.Die Pharmabranche, traditionell das Rückgrat der nationalen Standortpolitik, verlor besonders: Ihr Anteil an den Ansiedlungen fiel von etwa 50 auf 33 Prozent. Laut Mischke haben Großbritannien und Irland bei Verlagerungen beziehungsweise Neuansiedlungen im Pharmasektor aufgeholt. Zudem würden in diesem Sektor die hohen Kostennachteile verglichen mit Regionen wie Nordamerika und Asien die Schweiz herausfordern.Die drei Probleme für Schweizer UnternehmenLaut der Studie setzen besonders drei Faktoren der Schweizer Wirtschaft zu: Regulatorik, Steuern und Energie.So beklagen 70 Prozent der befragten Konzernchefs eine wachsende regulatorische Belastung. Alexander Keberle vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sagt: „Wir sind zunehmend besorgt und sehen, die Bürokratie- und Regulierungslast einzudämmen, als eine politische Priorität.“Urs Schellenberg, Geschäftsführer der Textildruck AG, bestätigt dem Handelsblatt die steigenden regulatorischen Belastungen in der Schweizer Textilbranche und zählt auf: komplexere Audits, kostspielige Nachrüstungen zur Messung von Dampf und Abluft und gestiegene Abwassergebühren.„Mittlerweile müssen wir externe Ingenieurbüros anstellen, um den Berichtspflichten nachkommen zu können“, sagt er. „Früher hat ein Berater der Energie-Agentur der Wirtschaft gereicht.“Die Schweiz hat zudem die OECD-Mindeststeuer von 15 Prozent auf Jahresumsätze internationaler Unternehmen von mehr als 750 Millionen Euro zum Januar 2024 eingeführt – als eines der ersten Länder weltweit. Länder wie die USA und China haben sie bis heute nicht umgesetzt.Zum Nachteil der Schweiz, wie es vom Dachverband heißt: „Die hohen Standortkosten schlagen stärker zu Buche, und die Schweiz verliert relativ an Attraktivität.“Auch die Energiestrategie aus Wasserkraft und Atomstrom weist Defizite auf. „Der Mix aus zuverlässiger, nachhaltiger und preislich erschwinglicher Energie war lange ein Standortvorteil“, sagt McKinsey-Forscher Mischke. Atommeiler seien in die Jahre gekommen, Wasserkraft werde kaum noch ausgebaut.Jan Mischke: Der Wirtschaftsforscher sieht die Schweiz im Bereich der Computer Vision führend. Foto: McKinseyEine Befragung des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY beleuchtet zudem ein Problem, das in den vergangenen Monaten an Bedeutung gewonnen hat: die Geopolitik. Selbst die für ihre Neutralität bekannte Schweiz bekommt die Folgen von Konflikten zu spüren. „Geopolitische Risiken sind für Schweizer Unternehmen zu einem konkreten Geschäftsfaktor geworden“, sagt Famke Krumbmüller, Geostrategy Europe Leader und Partnerin bei EY.Die Befragung von 244 Schweizer Führungskräften zeigt: 48 Prozent der Unternehmen haben ihr Risikomanagement in den vergangenen 24 Monaten verändert, 41 Prozent die Zahl ihrer Investitionsmärkte reduziert. Mehr als jedes zweite Unternehmen spürt die Folgen geopolitischer Verwerfungen – und verzeichnet negative Auswirkungen auf Umsatz und Absatz. „Stabilität ist einer der größten Standortvorteile der Schweiz. Aber Stabilität bedeutet nicht Immunität“, sagt Krumbmüller.Laut Krumbmüller fehle den meisten Unternehmen das Feld „Geostrategie“ in den Entscheidungsstrukturen. Solange Verantwortung und Prozesse nicht verankert seien, bleibe der Umgang mit geopolitischen Risiken zwangsläufig reaktiv.Pharmabranche Erneuter Rückschlag für Novartis – Aktie gibt nach Verwandte Themen SchweizUSAAsienChinaAnthropicOECDFür die Schweiz bedeutet das: Großkonzerne treffen Standortentscheidungen heute anders als noch vor fünf Jahren. „Rund 80 Prozent vergleichen die Schweiz nicht mehr nur mit europäischen Standorten, sondern mehr mit globalen Hubs wie den USA, Singapur und den Emiraten“, heißt es von den Autoren der McKinsey-Studie.Das Umfeld sei dabei für ein kleines exportorientiertes Land wie die Schweiz, die auf Integration in globale Märkte angewiesen ist, komplizierter geworden. Handelshemmnisse wie Zölle und bewaffnete Konflikte wie im Nahen Osten haben direkte Auswirkungen. Zudem hat sich China vom Absatzmarkt zu einem der wichtigsten Wettbewerber entwickelt, gemäß McKinsey Global Institute mit Kostenvorteilen gegenüber Europa von 30 bis 70 Prozent.„Geopolitische Spannungen, staatliche Interventionen und Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit führen zur massiven Rekonfiguration der Lieferketten“, sagt Mischke. Gleichzeitig habe die Schweiz aufgrund des starken Frankens und anderer Faktoren enormen Kostendruck. „CEOs werfen den Blick Richtung USA und Asien“, sagt Mischke, aber auch: „Die Schweiz kann in Spitzenposition bleiben, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnt.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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