Die Angst vor dem Druck der Grossmächte wächst – und kaum jemand glaubt, dass die Schweizer Politik darauf vorbereitet istNur ein knappes Drittel der Stimmbevölkerung findet, dass die Schweiz rasch auf globale Krisen reagieren kann. Und: Diese Skepsis überträgt sich auch auf die Problembewältigung im Inland.10.09.2026, 14.41 Uhr3 LeseminutenDas Bundeshaus vor dem Alpenpanorama: Schweizer halten die Politik für schlecht aufgestellt, um auf globale Krisen zu reagieren.Peter Müller / KeystoneWie schnell westliche Demokratien unter dem Einfluss der globalen Neuordnung unter Druck geraten, zeigt sich derzeit in Deutschland: Im Bundesland Sachsen-Anhalt kommt unter anderem als Folge von Deutschlands Russland-Politik möglicherweise eine Partei an die Macht, die in ihren Programmen teilweise demokratie- und verfassungsfeindliche Inhalte propagiert. Europa ist als Folge des machtpolitischen Powerplays durch Russland, China und die USA fast überall unter Druck geraten. Kaum jemand sorgte sich hier bis vor wenigen Jahren um die Funktionsfähigkeit der Demokratie – nun wird die Angst überall spürbar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das gilt auch für die Schweiz. Zwar erscheint das Parteiengefüge hier stabil. Doch der Glaube an die Kraft der Politik bröckelt auch hier. Das zeigt eine repräsentative Umfrage, die die Uni Bern im Auftrag der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) sowie zweier weiterer Organisationen bei 2414 Personen der Schweizer Stimmbevölkerung durchgeführt hat. Gemäss dieser Umfrage glauben viele, dass die Schweizer Politik für die gegenwärtige Weltlage nicht gut aufgestellt ist.• Angst vor den Grossmächten: Weniger als ein Drittel der Stimmbevölkerung (31,6 Prozent) glaubt, dass die Schweizer Politik in der Lage ist, in angemessenem Tempo auf globale Krisen zu reagieren. Und fast gleich viele Befragte sind sich sogar sicher, dass die Politik mit dieser Aufgabe überfordert ist. Nach Aussagen der Studienautoren der Universität Bern stimmen diese Resultate mit Erkenntnissen aus anderen Erhebungen überein, wonach ein grosser Teil der Bevölkerung die weltpolitische Lage pessimistisch beurteile.Fast die Hälfte der Stimmbevölkerung (49,4 Prozent) sieht die Politik zudem schlecht gewappnet, um dem politischen Druck von Grossmächten standzuhalten. Nur gerade 19,4 Prozent glauben, dass die Schweiz darauf gut vorbereitet ist. Auch für den Fall von zunehmenden militärischen Konflikten sei die Schweiz in schlechter Verfassung. Die Stimmbevölkerung sorge sich um die Fähigkeit der Schweizer Demokratie, Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden, bilanzieren die Studienautoren.• Politik bei Wohnen, Gesundheit und Zuwanderung überfordert: Dieser Pessimismus betrifft nicht nur die Stellung der Schweiz in der Welt, sondern er überträgt sich auch auf die Problembewältigung im Inland. Als grösste Herausforderungen sehen die Befragten hier die Gesundheitskosten, die Wohnkosten und die Zuwanderung. In allen drei Gebieten ist mehr als die Hälfte der Befragten der Ansicht, die Politik sei nicht in der Lage, befriedigende Antworten zu finden.Ebenso dramatisch: Der Anteil der Personen, die sich zuversichtlich geben, beträgt in diesen drei Bereichen nur jeweils 15 bis 20 Prozent. Die übrigen sind unentschlossen. Skeptisch, wenn auch in etwas geringerem Ausmass, ist die Bevölkerung auch bei anderen Themen wie dem Klimawandel oder der Altersvorsorge. Einzig bei der Energieversorgung ist der Anteil jener, die zuversichtlich sind, grösser als jener, die nicht an die Politik glauben.• Glaube an Demokratie und Menschenrechte bleibt gross: Trotz dieser eher pessimistischen Einstellung steht die Schweizer Bevölkerung jedoch nach wie vor zu zentralen westlichen Werten und Prinzipien. 59 Prozent sind der Ansicht, die Schweiz solle sich international stärker für Demokratie, Menschenrechte und die Erhaltung des Völkerrechts einsetzen – und dies selbst, wenn es wirtschaftliche Nachteile mit sich bringt. Nur gut 35 Prozent lehnen dies ab.Fast drei Viertel der Stimmbevölkerung wünscht sich zudem eine engere Zusammenarbeit mit kleineren und mittleren Demokratien, um die Handlungsfähigkeit gegenüber den Grossmächten zu stärken.• Militärische Kooperationen sind kein Tabu: Interessanterweise sind die Schweizerinnen und Schweizer mehrheitlich auch für eine engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit ausgewählten Partnern. Die Frage, ob solche Kooperationen für die Sicherheit wichtiger sind, als sich so stark wie möglich auf die eigene Landesverteidigung zu verlassen, bejahten gut 60 Prozent der Befragten.Bemerkenswert ist diese Einschätzung auch mit Blick auf die Abstimmung über die Neutralitätsinitiative von Ende September, die den Handlungsspielraum in diesem Bereich einschränken will. Weniger eindeutig äusserten sich die Befragten zur weiteren Integration in den EU-Binnenmarkt: 47,7 Prozent sprechen sich gegen eine stärkere Integration aus, wenn die Schweiz dafür zusätzliche Vorgaben der EU übernehmen muss. Nur 43,9 Prozent sind dafür.Passend zum Artikel