GastkommentarManfred BrennwaldSicherheitspolitik: Entscheidungsstrukturen prüfen statt Technikdebatten führenIn Krisen und Zeiten erhöhter Risiken zeigt sich besonders: Der Schweiz fehlt eine Entscheidungsarchitektur, die unter Druck funktioniert. Statt klarer Zuständigkeiten besteht ein System, das Verantwortung verteilt und Entscheidungen verzögert.20.05.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenGeteilte Verantwortung: Blick in das Bundesratssitzungszimmer.Peter Schneider / KeystoneDie Schweiz geht davon aus, gut geschützt zu sein. Diese Annahme verdient eine nüchterne Überprüfung. Nicht, weil es an finanziellen Mitteln fehlt. Nicht, weil geeignete Technologien nicht verfügbar wären. Sondern weil die bestehenden Entscheidungsstrukturen dazu führen, dass sicherheitsrelevante Fähigkeiten verspätet und in reduzierter Form realisiert werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Interoperabilität als VoraussetzungLuftraumschutz ist keine abstrakte politische Fragestellung. Er ist eine operative Aufgabe in Echtzeit: Erkennen. Entscheiden. Handeln. Unter Zeitdruck. Ohne iterative Abstimmungsschleifen. In operativen Lagen zählt nicht die Vollständigkeit der Information, sondern die Klarheit der Zuständigkeit.Mehrfache Rückkopplungen erhöhen nicht die Qualität, sondern den Zeitverlust. In der Luftverteidigung verändert Zeit den Ausgang. Die Schweiz stellt mit ihrem Luftpolizeidienst täglich sicher, dass ihr Luftraum überwacht und dass bei Bedarf innerhalb kürzester Zeit reagiert wird. Gerade diese Daueraufgabe macht deutlich, dass Verfügbarkeit, Reaktionszeit und Integration entscheidend sind.Dem gegenüber steht ein Beschaffungsprozess, der durch lange Entscheidungszyklen, verteilte Verantwortung und politische Aushandlung geprägt ist. Lokale Einwände entfalten dabei eine Wirkung, die über ihren ursprünglichen Kontext hinausreicht. Das Resultat ist absehbar: Zum Zeitpunkt der Entscheidung stehen weniger Mittel zur Verfügung – und die angestrebte Fähigkeit wird reduziert.Die Diskussion rund um den F-35 Lightning II greift deshalb zu kurz. Nicht das System steht zur Debatte. Sondern die Struktur, in der darüber entschieden wird. In hochzuverlässigen Systemen ist Zeit kein neutraler Faktor. Verzögerung führt zu steigenden Kosten, geringeren Stückzahlen und zu einer schleichenden Schwächung der Einsatzfähigkeit. Diese Entwicklung erfolgt leise – und sie ist nicht reversibel.Moderne Luftverteidigung ist keine isolierte nationale Fähigkeit mehr. Sie ist Teil eines vernetzten europäischen Systems, die Stichworte lauten: grenzüberschreitende Luftraumüberwachung, gemeinsame Lagebilder, technische und operationelle Interoperabilität. Die Schweiz liegt geografisch im Zentrum Europas. Ihr Luftraum ist funktional mit dem ihrer Nachbarn verbunden.Effektiver Schutz entsteht daher nicht allein durch nationale Mittel, sondern durch deren Einbettung in ein funktionierendes Umfeld. Interoperabilität ist dabei keine politische Option, sondern eine operative Voraussetzung.Neutralität und AnschlussfähigkeitDie Schweiz hält an ihrer Neutralität fest. Das ist politisch legitim. Doch Neutralität bedeutet heute nicht Isolation. Sie erfordert die Fähigkeit, eigenständig zu entscheiden und gleichzeitig anschlussfähig zu bleiben. Ein Verständnis von Sicherheit, das auf vollständige Eigenständigkeit ohne funktionale Einbindung setzt, steht zunehmend im Widerspruch zu den Anforderungen moderner Systeme.Die Schweiz hat kein Erkenntnisproblem. Sie weiss, was erforderlich ist – und verfügt über die Mittel. Was fehlt, ist eine Entscheidungsarchitektur, die unter Druck funktioniert: Gefragt sind klare Zuständigkeiten, Entscheidungen mit Zeitbindung und konsequente Umsetzung. Stattdessen entsteht ein System, das Verantwortung verteilt, Entscheidungen verzögert und Ergebnisse abschwächt.Die zukünftige Luftverteidigung ist nicht primär eine Frage der Plattformwahl. Sie ist eine Frage der Fähigkeit, unter realen Bedingungen zu entscheiden. Solange diese Fähigkeit nicht gestärkt wird, bleibt jede Beschaffung strukturell gefährdet – zu spät, zu klein, zu wenig wirksam.Die eigentliche Verwundbarkeit liegt damit nicht im Luftraum. Sondern im System, das über ihn entscheidet.Manfred Brennwald ist Strategieberater.Passend zum Artikel
Sicherheitspolitik: Warum die Schweiz klare Entscheidungswege braucht
In Krisen und Zeiten erhöhter Risiken zeigt sich besonders: Der Schweiz fehlt eine Entscheidungsarchitektur, die unter Druck funktioniert. Statt klarer Zuständigkeiten besteht ein System, das Verantwortung verteilt und Entscheidungen verzögert.








