KommentarWeshalb so verzagt? Die nächsten Jahre werden ruppig – trotzdem hat die Schweiz Grund zur FreudeDie Schweiz ist ein Land entgegen aller Wahrscheinlichkeit. Wie es mit ihr weitergeht, entscheiden wir selbst. Das ist die gute Nachricht zum 1. August: Die direkte Demokratie ist stärker, als ihre eifrigsten Verteidiger meinen.31.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFreude herrscht für einmal wirklich: Ehrendamen am Ob- und Nidwaldner Schwingfest 2019.Alexandra Wey / KeystoneStatistisch gesehen, müsste die Schweiz in Adolf-Ogi-Laune sein. «Freude herrscht», hat der ehemalige Bundesrat alias Animateur fédéral einst proklamiert. Es war schon damals, Anfang der harzigen 1990er Jahre, mehr Behauptung als Diagnose.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch heute ist von guter Laune wenig zu spüren, obwohl die Schweizer in allen Dimensionen statistisch messbaren Glücks weit oben stehen. Sie werden älter, sind zufriedener und leben gesünder als die Menschen in fast allen Ländern. Reicher sind sie ebenfalls, sie können sich mehr leisten – nur eben die gute Laune nicht.Das mag mit der ortsüblichen Bescheidenheit zu tun haben, mit der gschaffigen Zurückhaltung, die wir gern als genetisch helvetisch betrachten. Aber das erklärt nicht alles. Seit einigen Jahren scheint die eidgenössische Unzufriedenheit, die uns vergessen lässt, wie gut es uns geht, noch zuzunehmen.Die grosse Welt versetzt das kleine Land in Unruhe. Die Europäische Union will die bilateralen Beziehungen nicht mehr weiterführen wie bisher. Das Verhältnis zu den USA ist so unberechenbar wie Donald Trump. Russland führt in der Ukraine seit vier Jahren einen grausamen Krieg und rüstet weiter auf. Die helvetische Neutralität in Kombination mit dem widersinnig-rigiden Waffenexportregime stösst im Ausland auf breites Unverständnis.Kurzum: Die alte Weltordnung, in der die Schweiz sich in einer windstillen Nische eingerichtet hatte, ist bedroht. Das Land sieht sich – wieder einmal – zurückgeworfen auf die schwierigste aller Fragen: Was ist die Rolle der Schweiz in der Welt?3000 Tote an einem einzigen TagWeshalb wir uns an dieser Frage wieder und wieder abarbeiten, ist aus der Schweizer Geschichte heraus zu verstehen. Es ist die Geschichte eines Landes, das entgegen aller Wahrscheinlichkeit entstanden ist. Wer das Werden der Schweiz als gradlinige, quasi logische Abfolge seit 1291 erzählt, macht es sich zu einfach.Dass es zuerst eine Art Keimzelle in der Innerschweiz gab, einen ersten Bund von Eidgenossen, dem sich immer mehr freiheitsliebende Menschen aus benachbarten Orten anschlossen, in guter Absicht und aus freien Stücken, und dass so zwangsläufig das Land heranwuchs, das wir heute Schweiz nennen: Das ist ein Märchen, und erst noch ein langweiliges.Die Schweizer Geschichte hat mehr zu bieten, Schönes und Wüstes. Gelegentlich gehen die alten Eidgenossen so brutal aufeinander los, dass die Idee, sie hätten seit Anbeginn der Zeiten nichts anderes im Sinn gehabt, als gemeinsam einen Staat zu gründen, absurd erscheint. Einer der blutigsten internen Konflikte findet erst relativ spät statt, kurz bevor Napoleon die Alte Eidgenossenschaft zerstört.Man kämpft nicht gegen die Habsburger oder andere fremde Fötzel, sondern schlägt sich gegenseitig die Köpfe ein. Vordergründig geht es um Religionsfreiheit, tatsächlich um die regionale Vorherrschaft. In der Entscheidungsschlacht bei Villmergen, wo Berner und Innerschweizer Truppen aufeinandertreffen, finden an einem einzigen Tag, am 25. Juli 1712, mehr als 3000 Mann den Tod.50 Jahre Unruhe und GewaltDass aus diesem zerstrittenen Haufen ein Staat wird, können sich viele der damaligen Eidgenossen selbst wohl als Letzte vorstellen. Auch nach dem Einmarsch der Franzosen 1798 ist es ein langer und gewaltvoller Weg, der 1848 zur Gründung des Bundesstaats führt – der aber auch ganz anders hätte enden können. Bald schlagen die alten Mächte zurück, bald kämpfen Untertanen gegen Herrscher, Liberale gegen Konservative, Protestanten gegen Katholiken.Es ist eine Zeit der Unruhen, Aufstände, Reformen und Revolutionen. Es kommt zu Putschversuchen und illegalen Freischarenzügen, Klöster werden dichtgemacht und politische Gegner verhaftet. Am Ende der Eskalation steht der Sonderbundskrieg, der zum Glück nicht lange dauert.Es ist ein Jammer, dass von den fünf Jahrzehnten zwischen 1798 und 1848 in 1.-August-Reden und der Schule nicht häufiger die Rede ist. Sie gehören zu den spannendsten Phasen der Schweizer Geschichte – und sie erklären, weshalb es uns bis heute schwerfällt, zu sagen, wo unser Platz in der Welt ist. In dieser Zeit treten die abgrundtiefen Gegensätze, die das Land trennen, offen zutage. Die einen wollen die alten Kantone zerschlagen, um einen Einheitsstaat zu errichten. Andere versuchen, ausländische Grossmächte zum Einmarsch zu bewegen, weil es ihnen ein Greuel ist, mit ihren Miteidgenossen einen Staat zu bilden.Dass das Experiment trotzdem gelingt, ist den Verfassungsvätern von 1848 um Ulrich Ochsenbein zu verdanken, aber auch den Einflüssen von aussen. Zuerst haben die Grossmächte ein Interesse daran, dass im Alpenraum mitten in Europa ein unabhängiger Staat für Ordnung sorgt. Später haben sie wegen der Revolutionen daheim keine Zeit, die unerwünschte Gründung der ersten Demokratie Europas zu verhindern. Doppeltes Glück für die Schweiz.Der folgenschwere Umbau der SchweizDas vielleicht grösste Kunststück folgt nach 1848: Die siegreichen Liberalen widerstehen der Versuchung, die katholisch-konservative Minderheit dauerhaft zu unterwerfen. Die Aussöhnung dauert lange, aber sie gelingt, weil beidseits kluge Köpfe das Verbindende betonen. Dieser Prozess verändert das politische Wesen der Schweiz fundamental: Mit der ersten Verfassung entsteht ein Mehrheitssystem, das von den Liberalen in einem Ausmass dominiert wird, das wir heute als unschweizerisch bezeichnen würden.Erst später folgen unter Druck Reformen, die das System umwälzen. Das Referendum wird eingeführt, etwas später die Volksinitiative, und ab 1919 wird der Nationalrat im Proporz gewählt. Der Ausbau der direkten Demokratie und die stärkere Vertretung im Parlament verleihen der konservativen und später der sozialdemokratischen Opposition einen Schub, wie ihn die Liberalen kaum antizipiert haben. Sie sehen sich gezwungen, die Macht zu teilen. Die Konkordanz entsteht.Seit 85 Jahren hat die Schweiz eine Regierung, die gleichzeitig alle grossen Parteien von links bis rechts umfasst und keinen Chef hat. Dass das (meistens) funktioniert, ist das wahre Wunder von Bern. Die Schweiz hat enorme Anstrengungen unternommen, um dieses anspruchsvolle System am Laufen zu halten, um vor allem das Risiko von Blockaden zu reduzieren.Eine riesige Maschinerie sorgt dafür, dass permanent alle relevanten Akteure in die Entscheidfindung einbezogen werden. Auf Arbeitsgruppen, Ausschüsse, Fachgremien folgen Konsultationen, Anhörungen, Vernehmlassungen, die wiederum Verhandlungen in Konkordaten, Kommissionen, Konferenzen nach sich ziehen, bis der Stoff reif ist für das Parlament, wo erneut Ausschüsse tagen, Anhörungen stattfinden, das Räderwerk weiterdreht.Die Schweiz ist so ausgiebig damit beschäftigt, sich selbst zu befragen, dass alles, was von aussen kommt, vor allem stört. Das Land ist perfekt aufgestellt für die Innenpolitik und miserabel für die Aussenpolitik. Der Bundesrat ist offiziell für die «auswärtigen Angelegenheiten» zuständig, tut sich damit aber chronisch schwer, sobald es kompliziert wird. Im Gremium fehlt der Konsens, und am Ende müssen Parlament und Volk überzeugt werden. Die Schweiz gestaltet die Aussenpolitik nicht, sie erleidet sie.Das hat Folgen. Dem Land fällt es schwer, Krisen zu antizipieren, rasch zu handeln und Chancen zu nutzen. Man denke an das Bankgeheimnis oder die nachrichtenlosen Vermögen. Der weitgehende Verzicht auf eine Aussenpolitik, die diesen Namen verdient, ist der Preis für den inneren Zusammenhalt dieses unwahrscheinlichen Landes.Der Urnengang als reinigendes GewitterNun steht die nächste Prüfung an. Nach jahrelangem Hin und Her hat der Bundesrat neue Verträge mit der EU ausgehandelt. Im September beginnen die Diskussionen im Parlament, das Volk wird wohl in zwei Jahren darüber abstimmen.Dass die Debatte nicht nur heftig wird, sondern giftig und mitunter bösartig: Damit ist zu rechnen. Nötig wäre es nicht, der Blick zurück könnte Anlass sein zu mehr Gelassenheit, aber die Schweiz wird es aushalten, sie ist kein fragiles Gebilde mehr. Man schnödet zwar übereinander, aber nicht einmal die Schwyzer, die noch nie einer Bundesverfassung zugestimmt haben, zogen jemals ernsthaft den Austritt in Betracht.Zu verdanken ist der Zusammenhalt zum einen wohl der Erfahrung von zwei Weltkriegen und zum anderen der direkten Demokratie. Abstimmungen sind wie reinigende Gewitter. Ein Streit mag noch so emotional sein – hat die Mehrheit einmal einen Entscheid gefällt, kann auch die Minderheit damit leben.Dass zwischen der direkten Demokratie und der internationalen Vernetzung ein Spannungsfeld besteht, ist leider wahr. Bei jedem Vertrag stellt sich die Frage, was grösser ist: der Verlust an Souveränität oder die konkreten Vorteile. Bei den neuen bilateralen Abkommen ist zu erwarten, dass der Nutzen überwiegt. Sie sind nicht nur weit entfernt von einem EU-Beitritt, sondern auch weniger einschränkend als der EWR. Die Schweiz bezahlt staatspolitisch einen Preis, erhält aber Vorteile bei Themen wie Handel, Forschung und Strom. Darüber können wir leidenschaftlich diskutieren, ohne dass es das Land zerreisst.Druckversuche von aussen gibt und gab es immerDas ist die freudige Nachricht zum 1. August: Die direkte Demokratie wird überleben – ohne die Abkommen ebenso wie mit ihnen. Wenn das Volk beschliesst, Verträge zu unterzeichnen, die in einzelnen Bereichen die Übernahme von EU-Recht vorsehen, ist das weder eine Unterwerfung noch eine Selbstaufgabe. Es ist ein demokratischer Akt, der sich im äussersten Notfall auf demselben demokratischen Weg wieder korrigieren lässt. Es wäre jederzeit möglich, mit einer Initiative die Kündigung der Abkommen zu verlangen. Das Volk behält das letzte Wort.Unrealistisch ist hingegen, dass die Schweiz völlig frei von ausländischen Druckversuchen machen kann, was sie will. Diese überhöhte Vorstellung von Souveränität, von einem vakuumierten Land, ist naiv. Das zeigt der Blick auf die Geschichte. Und auf die Gegenwart.Passend zum Artikel