Was macht es mit Menschen, wenn sie plötzlich beweisen müssen, dass sie keine Täter sind? Burak Yılmaz, Bilal Bahadır und Khushwant Singh erzählen.

„Nie wurde nach den Communitys gefragt“

Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wir alle nehmen die Grauen des Anschlags gleich wahr. Ich kann mich noch gut an den 12. September erinnern. Ich war 14 Jahre alt und bin mit meinem Kumpel wie immer von unserem Stadtteil Duisburg-Marxloh zur Schule gelaufen. Es war ein stilles Gespräch. „Hast du mitbekommen, was gestern los war?“ „Ja.“ Dann liefen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Für uns war total absurd, dass wir zur Schule gehen müssen. Dort waren alle völlig verstört. Wir hatten Angst, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen.

Auch in unserem Stadtteil herrschte emotionales Chaos. Da war Unglauben darüber, was eigentlich passiert ist; Entsetzen darüber, wie viele Menschen gestorben sind, und Angst, dass Amerika nun womöglich mit einem Rundumschlag im Nahen Osten – von der Türkei bis Pakistan – eine Atombombe abwirft und alles plattmacht. Und es würde nicht lange dauern, bis ich Menschen im Bus hörte, die genau das für eine gute Idee hielten – „einfach eine Atombombe drauf“. Es gab da diesen Einspieler von Menschen irgendwo im Nahen Osten, die nach dem Anschlag gejubelt haben und „Tod Amerika“ gerufen haben. Irgendwie wusste ich direkt, jetzt denken die alle, dass wir feiern, was da passiert ist. Statt von den Terroristen zu reden, ging es in der medialen Berichterstattung bald um den Islam als große Gefahr für den Westen.