Pro ArtikelDer Terror von 9/11 kam aus Hamburg. Deutschland sucht noch immer nach AntwortenAtta und seine Freunde planten den schwersten Terroranschlag der Geschichte, die Behörden schauten zu. Die Rekonstruktion einer unentdeckten Radikalisierung – und ihrer Folgen.10.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenBerlin am 14. September 2001: Über 200 000 Trauergäste nehmen vor dem Brandenburger Tor in Berlin an der Kundgebung für die Opfer des Terrors in den USA teil. Im Hintergrund die Siegessäule.Tom Maelsa / DPAAm 12. September 2001 um 22 Uhr 20 bricht bei der Hamburger Polizei der Ausnahmezustand aus. Das Faxgerät spuckt eine Liste mit neunzehn Tatverdächtigen aus, sie stammt vom FBI. Um 23 Uhr 55 stürmt ein Einsatzkommando der Polizei die Marienstrasse 54. Hinter der blauen Wohnungstür, erste Etage rechts, findet es eine Einbauküche, einen Telefonanschluss, eine leere Wohnung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tag 1 nach 9/11, die Spur führt jetzt nach Hamburg. Schon am nächsten Morgen hat die Polizei die ersten Stränge des Terrorgeflechts ermittelt. Es ist 11 Uhr im Polizeipräsidium, Innensenator Olaf Scholz tritt vor hundert Journalisten aus aller Welt und nennt zwei Namen: Marwan al-Shehhi und Mohammed Atta. Später kommt Ziad Jarrah hinzu.Mohammed Atta lenkte das Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center, Marwan al-Shehhi flog in den Südturm, Ziad Jarrah stürzte über einem Feld in Pennsylvania ab. Die deutsche Presse nennt sie fortan die Todespiloten von New York. Und die Öffentlichkeit fragt sich bis heute, wie das passieren konnte. Islamistische Attentäter mitten aus Hamburg?Claudia Himmelreich / GettyAntoine Serra / GettyLinks: Mohammed Atta lebte in der Marienstrasse 54 in Hamburg, hier plante er mit seinen Freunden den Terroranschlag vom 11. September. Rechts: Die Tür zur Wohnung im 1. Stock, nachdem die Polizei sie am 12. September 2001 versiegelt hat.Die unentdeckte RadikalisierungDie Hamburger Polizei und das Bundeskriminalamt ermitteln mit Hunderten Leuten, FBI und CIA unterstützen. Was sie herausfinden, bestürzt in Anbetracht all der nichtergriffenen Chancen. Dinge, die das Unheil hätten verhindern können, hätte man es nur sehen wollen.Bei den deutschen Behörden spielte der Islamismus kaum eine Rolle. Eckart Werthebach, Ex-Präsident des deutschen Verfassungsschutzes, sagte dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) nach den Anschlägen: «Die Kräfte waren stark auf die Beobachtung des Rechtsextremismus vereint, so dass andere Bestrebungen extremistischer Art nicht die notwendige Aufmerksamkeit hatten.»25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenDie Hamburger Behörden kannten zum Beispiel die Al-Kuds-Moschee im Stadtteil St. Georg, doch sie verstanden nicht, was dort geschah. In deren Umfeld lernten sich Atta, Shehhi und Jarrah kennen. Hierhin kamen sie zum Beten, sie lauschten den hasserfüllten Predigten gegen Amerika, den Westen, die Juden. In Attas Wohnung in der Marienstrasse 54 diskutierten sie weiter, am Ende steuerten sie drei der vier Flugzeuge von 9/11.Attas Wohnung ist noch so ein Zeichen, das die Behörden übersehen haben. Atta lebt in einer WG mit Shehhi und einem anderen Islamisten. Wenn Atta die Miete an seinen Mitbewohner überweist, gibt er als Verwendungszweck an: «Dar al-Ansar». Es heisst «Haus der Unterstützer». So nannte Usama bin Ladin das Gästehaus in Pakistan für die Kämpfer seines heiligen Krieges. Atta betreibt nun sein ganz persönliches Dar al-Ansar, seinen Traum von al-Kaida.Atta, Shehhi und Jarrah lernen irgendwann, vermutlich im Jahr 1999, den Gastgeber des echten Dar al-Ansar kennen. Sie reisen in ein Trainingslager der Kaida nach Afghanistan. Sie sind gebildet, sprechen verschiedene Sprachen, kennen den Westen. Sie sind genau das, was al-Kaida braucht. Sie bekommen eine Einladung von bin Ladin, besuchen ihn in seinem Haus. Atta wird der Anführer von bin Ladins geheimer Mission.Es sind die Führerausweisfotos der drei Attentäter (von links): Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi, Ziad Jarrah.APDie ungelesenen ZeichenHeute weiss man, wie Menschen zu radikalen Fanatikern werden. Es sind meist junge Leute, die nach ihrem Platz im Leben suchen. Die religiöse Ideologie gibt ihnen Halt und füllt die Leere. Oft spielt eine radikale Moschee wie die in Hamburg eine Rolle. Das Bundeskriminalamt untersuchte im Jahr 2016 das Umfeld von 572 Personen, die aus Deutschland für den islamistisch motivierten Kampf nach Syrien oder in den Irak gezogen waren. 48 Prozent wurden während ihrer Radikalisierung durch Moscheen beeinflusst, 54 Prozent durch Freunde, 44 Prozent durch das Internet. Anfällig sind Menschen mit Migrationsgeschichten.Mohammed Atta ist ein Heimatloser zwischen den Welten. Das Leben im Westen, das er wollte, will er irgendwann nicht mehr. Er studiert Stadtplanung in Hamburg, seine Diplomarbeit schreibt er über die städtebauliche Entwicklung eines gefährdeten Altstadtteils von Aleppo. Es sei von Hochhäusern bedroht, für Atta ein unerträgliches Zeichen des Westens. Die Arbeit widmet Atta: Gott. «Mein Gebet, mein Opfer, mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten», schreibt er. Note: 1,7.Hätte sein Professor nicht etwas merken müssen? Spätestens jetzt, nachdem Atta mehr als ein Jahr verschwunden war und für die Diplomarbeit plötzlich mit Bart bei ihm aufgetaucht war. Doch Professor Dittmar Machule merkte nichts. Nur was man für denkbar hält, das kann man auch erkennen. Dass bei Machule ein Mann studiert, der den schwersten Terroranschlag der Geschichte verüben wird, gehört nicht dazu.Atta ist ein fleissiger Student, schon als Schüler wollte er immer der Beste sein, im Hörsaal sitzt er vorne. Er ist der Sohn eines ägyptischen Anwalts, mit 24 kommt er zum Studieren nach Deutschland. Deutsch spricht er da schon nahezu perfekt, er hat es am Goethe-Institut in Kairo gelernt. Auch die anderen zwei Todespiloten sind ganz normale junge Männer, als sie in den neunziger Jahren nach Deutschland kommen.Shehhi, der Zweite, kommt aus den Emiraten, er studiert Schiffbau, erhält ein Militärstipendium, 4000 Mark pro Monat. Er trägt Designerklamotten, mietet sich auch einmal einen Mercedes für einen Ausflug am Wochenende. Ziad, der Dritte, kommt 1996 aus Libanon nach Deutschland. Er wurde westlich erzogen, besuchte ein christliches Gymnasium, als junger Mann zog er durch die Klubs der Stadt. In Deutschland studiert er Flugzeugbau, trinkt Alkohol, hat eine Freundin.Ein neuer Typus von TerroristenDie drei sind, so könnte man sagen, Zeichen der gelungenen Integration. Doch die Männer beschweren sich in der Mensa auch über den Verzehr von Schweinefleisch, Atta gründet an seiner Hochschule eine Islam-AG, sie beten immer häufiger.Irgendwann beginnen sie ein Doppelleben und werden die ersten Vertreter einer neuen Generation von Terroristen. Fanatisch verblendet gehen sie in den Tod, ihnen wurde das himmlische Paradies versprochen.Attas blaue Reisetasche wird kurz nach den Anschlägen am 11. September gefunden, weil sie am Flughafen nicht rechtzeitig verladen wurde. In ihr befindet sich ein spiritueller Leitfaden für den Terroranschlag. «Das Ende steht bevor, und das Himmelsversprechen ist zum Greifen nahe», steht in dem Dokument. Für den Moment, in dem Atta und die anderen die Flugzeuge übernehmen werden, prophezeit es: «Dies ist die Stunde, in der du Gott treffen wirst.»Mohammed Atta (rechts) und Abdulaziz al-Omari (Mitte) passieren die Sicherheitskontrolle. Drei Stunden später werden sie in das World Trade Center fliegen.Portland Police Dept. via APIn der Tasche findet sich auch Attas Testament. Geschrieben hat er es 1996 in der Hamburger Al-Kuds-Moschee, dem Ort seiner Radikalisierung. Denjenigen, die seinen Leichnam waschen, trägt Atta auf, Handschuhe zu tragen, damit er nicht an den Genitalien berührt werde. Frauen verbietet er, zu seinem Grab zu kommen. Das Testament beweist, dass Atta mindestens fünf Jahre lang den angepassten Muslim gespielt haben muss, bis er all seinen Hass gegen den Westen in das World Trade Center versenkte.Spätestens ab Ende 1999 muss dies das Ziel gewesen sein. Atta und die zwei anderen lösen ihr Leben in Deutschland auf und reisen in die USA. Sie besuchen eine Flugschule, 50 Dollar kostet eine Stunde, das Geld dafür kommt von Konten aus den Emiraten. Dort und in Saudiarabien sitzen die Financiers der Kaida.In Venice, Florida, erinnern sich der Fluglehrer und andere Flugschüler an die Männer. Ungeduldig, mürrisch und verbissen seien Atta und seine Freunde gewesen, erzählen sie dem NDR. Und dass sich die drei kaum für Start und Landung interessiert hätten. Kurven wollten sie fliegen, immer wieder Kurven. Als Atta, Shehhi und Ziad den Pilotenschein für kleine Flugzeuge in der Hand haben, buchen sie noch Stunden im Flugsimulator für grosse Jets. Starten und Landen üben sie nicht. Es ist Ende 2000, jetzt ist alles vorbereitet.Am 11. September 2001 dann, um 7 Uhr 59, startet der American-Airlines-Flug 11 mit einer Verspätung von 14 Minuten Richtung Los Angeles, Mohammed Atta sitzt auf Platz 8d in der Businessclass. Gegen 8 Uhr 14 erheben sich die vier anderen Terroristen im Flugzeug, zücken Messer. Atta geht ins Cockpit, sagt «Everything will be okay» ins Mikrofon, er nimmt eine scharfe Kurve Richtung New York.Um 8 Uhr 46 schlägt er in das World Trade Center ein, um 9 Uhr 03 folgt Marwan al-Shehhi. Ziad Jarrah stürzt eine Stunde später in den Tod.3000 Menschen sterben, Mohammed Atta hat gelogen.Das FBI untersucht das Feld in Pennsylvania. Hier stürzte die von Ziad Jarrah entführte Maschine ab. Jarrah sollte nach Washington (DC) fliegen, doch eine Revolte der Passagiere verhinderte das.Gene J. Puskar / APNach dem TerrorEinen Tag später, um 22 Uhr 20, erreicht die Hamburger Polizei das Fax mit den Tatverdächtigen, die Spurensuche zu Atta, Shehhi und Jarrah beginnt. Acht Tage danach ruft der amerikanische Präsident George W. Bush den Krieg gegen den Terrorismus aus. Und Deutschland? Das will eine Antwort darauf finden, wie das hatte passieren können, und beginnt mit der Suche bei sich selbst.Mit der Gastarbeiterpolitik kamen Hunderttausende Muslime nach Deutschland, und entgegen allen naiven Erwartungen blieben sie. Welche gesellschaftliche Verantwortung das mit sich bringt, verdrängte man. Jahrzehnte später wurden die Folgen offensichtlich. Migrantische Milieus, schlecht integriert, ungleiche Startchancen. Erste Debatten liefen. 9/11 schaffte den Druck, dass sich Politik und Gesellschaft endlich umfassend damit beschäftigen.Schnell realisierte man, wie wenig man weiss. Man gründete neue islamwissenschaftliche Lehrstühle, baut seitdem eine islamische Theologie auf, um eigene Religionslehrer auszubilden. Sie sollen einen Islam in Einklang mit den Werten des Grundgesetzes verkünden. 2001 gab es in Deutschland 28,5 Professuren für Islamwissenschaft, heute sind es 42. 40 Professoren unterrichten zudem islamische Theologie.«Der Islam ist Teil Deutschlands», sagt Innenminister Wolfgang Schäuble im September 2006 und ruft die Deutsche Islamkonferenz aus. Fünf Jahre nach 9/11 soll der Islam in Deutschland erstmals statistisch vermessen werden, erstmals will der Staat diese Religion kennenlernen. Nie wieder sollen sich Muslime in Deutschland so fremd fühlen, dass ihnen dieses Land mit seinen Menschen zum Feind wird.Die Islamkonferenz wird zum wichtigen symbolischen Baustein des Staates, doch in der Praxis taugt sie wenig. Zu gewaltig ist die Aufgabe, von der man nicht genau weiss, wie sie eigentlich aussieht. Vielen Muslimen geht es um ihre Religion, dem deutschen Staat um Integration und Sicherheit.Heute, zwanzig Jahre später, hat der Islam noch immer nicht zu Deutschland gefunden.Ein deutscher IslamIm Juni 2017 wurde in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet, Frauen und Männer beten hier zusammen, queere Menschen sind willkommen. Schon der Name verrät, dass hier ein neuer Islam deutscher Ausprägung gelebt wird. Die Moscheegründerin Seyran Ates erhält seitdem Morddrohungen von religiösen Fanatikern. Sie steht unter Polizeischutz.Im Sommer wurde an der Universität Münster Deutschlands erste islamisch-theologische Fakultät gegründet. Ihr Dekan Mouhanad Khorchide tritt ebenso für einen liberalen Islam ein, der zu den Werten des Westens passt. Auch er erhält Morddrohungen, auch er steht unter Polizeischutz.Die Liste an Beispielen ist lang.Seyran Ates hat im Juni 2017 die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet. Männer und Frauen beten hier zusammen.Sean Gallup / GettyIn Deutschland leben heute etwa sieben Millionen Muslime. Die Mehrheit von ihnen ist gut integriert. Doch noch immer haben manche deutsche Muslime Probleme, sich zum Westen zu bekennen. Noch immer werden Menschen in Deutschland zu islamistischen Attentätern. Jüngst auf dem CSD in Berlin.Abdul Ballout fährt am 25. Juli 2026, 22 Uhr, mit einem weissen Kleintransporter in eine Menschenmenge, dann steigt er mit einer Machete aus. Er tötet eine Frau und verletzt 31 Menschen.Das Drehbuch stammt von 9/11. Jener Tat von Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah, die dem islamistischen Terror bis heute als Vorbild dient. Deutschland sucht noch immer nach Antworten.Passend zum Artikel
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