Weil die Inflation stärker wird, steuert die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen und senkt die Leitzinsen. Auf ihrer Sitzung, die ausnahmsweise nicht in Frankfurt, sondern in Berlin abgehalten wurde, haben die Notenbanker beschlossen, den für die geldpolitische Steuerung maßgeblichen Einlagensatz von 2,25 auf 2,5 Prozent anzuheben.Die Erhöhung, die von nahezu allen Ökonomen erwartet wurde, ist bereits die zweite in diesem Jahr. Im Juni hatte es einen ersten Zinsschritt gegeben, im Juli dann eine Pause. Nun aber sieht sich die Zentralbank gezwungen, erneut zu handeln. Der seit Ende Februar andauernde Iran-Krieg und die Blockade in der Straße von Hormus, deren Ende sich nicht abzeichnet, hat ihre Sorgen größer werden lassen. 2,0 Prozent, so lautet eigentlich der Zielwert, auf dem die Notenbanker die Teuerung möglichst halten wollen. Im August lag sie im Euro-Raum bei 3,3 Prozent, in Deutschland bei 2,9 Prozent.Alarmierende Indikatoren gibt es genug. Der Ölpreis der Sorte Brent hat an den Börsen in dieser Woche die symbolisch wichtige Marke von 100 US-Dollar übersprungen. Benzin und Diesel sind an den Zapfsäulen so teuer wie lange nicht. In Deutschland wurde beim Preis für Super E10 vor einigen Tagen das bisherige Allzeithoch von März 2022 übertroffen. Genau wie vor viereinhalb Jahren, als Russlands die Ukraine überfiel, könnte es wieder kommen: Eine Energiekrise speist einen nur schwer unter Kontrolle zu haltenden Inflationsschub.EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte, die Inflation werde wohl „für eine längere Phase ein gutes Stück über dem Zielwert“ liegen. Für dieses Jahr rechnet die EZB mit einer durchschnittlichen Inflation von 3,0 Prozent, für das kommende Jahr erwartet sie 2,5 Prozent.Was die Inflationsaussichten angeht, ist die EZB pessimistischer als in ihrer Juni-Prognose. Optimistischer ist die Zentralbank hingegen bei den Wachstumsaussichten. Sie rechnet für die Euro-Zone mit immerhin 1,4 Prozent im kommenden Jahr. Lagarde betonte allerdings, dass der Ausblick „in hohem Maßen unsicher sei“. Es gebe sowohl das Risiko, dass die Inflation anzieht als auch das Risiko, dass die Wirtschaft schwächelt. Mit der heutigen Entscheidung sei die Geldpolitik in der Euro-Zone jedoch „gut positioniert“, um auf die Verwerfungen, die die Lage in Nahost mit sich bringe, angemessen zu reagieren.Lagarde hält sich also alle Optionen für die kommenden Monate offen. Experten wie Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass in diesem Jahr noch ein weiterer Zinsschritt nach oben folgt. Zwar sei die Inflation gestiegen, der derzeit zu beobachtende Anstieg bewege sich jedoch „noch innerhalb des milden Szenarios der EZB“. Außerdem müsse man die Zusammensetzung des EZB-Rats im Blick haben. Dieser, so Krämer, sei von „geldpolitischen Tauben dominiert, die eine grundsätzliche Neigung zu einer eher lockeren Geldpolitik haben“.In den Bauzinsen ist die Erhöhung schon eingepreistKrämer selbst jedoch hält einen weiteren Zinsschritt für erforderlich. „Die Konjunktur läuft ganz ordentlich, da darf man nicht zögerlich vorgehen. Das ist ja auch die Lehre des Jahres 2022“, sagt der Ökonom. Damals musste sich die EZB viel Kritik anhören. Die Notenbanker hätten zu spät auf die grassierende Inflation reagiert und die Zinswende zu zaghaft eingeleitet.Für Privatleute hat die Leitzins-Anhebung auf zwei Ebenen Auswirkungen: Zum einen werden Kredite teurer, zum anderen erhalten sie für Erspartes mehr Zinsen. Dabei ist zu beachten, dass die meisten Banken Leitzinserhöhungen nur sehr zögerlich an Endkunden weitergeben. Dennoch gibt es derzeit bei Tagesgeldkonten Angebote, die Einlagen mit mehr als vier Prozent verzinsen.„Das ist der höchste Stand, seit die EZB im Jahr 2022 angefangen hat, die Zinsen zu erhöhen“, sagt Peter Barkow vom Beratungsunternehmen Barkow Consulting. Wichtig zu betonen sei allerdings: Solche Spitzensätze werden von Online-Banken lediglich für Neukunden gezahlt, die Konditionen gelten meistens nur für einige Monate nach der Kontoeröffnung. Bemerkenswert, so der Experte, ist der große Abstand zwischen den Spitzenzinssätzen bei Tagesgeldkonten und dem Einlagezins der Zentralbank. „Das zeigt, dass der Wettbewerb bei Tagesgeldkonten im Moment so hoch ist, wie noch nie“, sagt Barkow. Anbieter wie die US-Bank Chase und die spanische BBVA versuchen derzeit, Anteile auf dem deutschen Markt zu gewinnen. Der Vorteil, den Sparerinnen und Sparer derzeit haben, stützt sich stärker auf diesen Wettbewerb als auf die steigenden Zentralbankzinsen.Wer im Moment Geld leihen muss, für den sind steigende Zinsen dagegen keine gute Nachricht. Für einen Baukredit mit zehn Jahren Laufzeit sind derzeit mehr als drei Prozent Zinsen einzukalkulieren. Mit einem weiteren Anstieg wegen der jüngsten Leitzinserhöhung der EZB rechnet Barkow allerdings nicht. „Diese Erhöhung wurde erwartet und ist in den Bauzinsen schon eingepreist. Andere Entwicklungen, etwa der Konflikt im Nahen Osten und steigende Ölpreise, könnten sich da eher auswirken.“ Immobilienkredite orientieren sich an der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen. Die hatte bereits in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt. Ein wichtiger Faktor für die Bewertung dieser Anleihen sind die langfristigen Inflationserwartungen von Investoren. „Diese langfristigen Erwartungen kann die EZB mit ihrer Zinsentscheidung nur indirekt beeinflussen“, sagt Barkow.
Zinsentscheid: EZB hebt Leitzins auf 2,5 Prozent an
Die Energiekrise treibt die Inflation, die Europäische Zentralbank muss reagieren. Sie will den Fehler von 2022 nicht wiederholen.












