Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt die Leitzinsen an. Wie die Notenbank am Donnerstag nach der September-Zinssitzung des EZB-Rates in Berlin mitteilte, steigen alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte. Der wichtigste Leitzins, der Einlagensatz, den Banken für ihre Einlagen bei der Notenbank bekommen und der auch gewisse Auswirkungen auf die Sparzinsen hat, legt damit von 2,25 auf 2,5 Prozent zu. Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem Banken sich gegen Sicherheiten Geld bei der Notenbank leihen können, steigt von 2,4 auf 2,65 Prozent. Und der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernachtausleihungen der Banken wird von 2,65 auf 2,9 Prozent angehoben.Die EZB reagiert damit auf die gestiegene Inflation. Der Konflikt zwischen Iran und den Vereinigten Staaten hält länger an als erwartet und der Ölpreis bleibt länger ungewöhnlich hoch. Die Inflationsrate im Euroraum machte im August einen Sprung von 2,9 auf 3,3 Prozent. Und die Prognosen sehen nicht vor, dass sich das schnell bessert. Die EZB revidierte ihre Inflationsprognose für 2027 von 2,3 auf 2,5 Prozent nach oben, für 2028 von 2,0 auf 2,1 Prozent.Zinserhöhung war an Finanzmärkten erwartet wordenBislang beruht der Anstieg der Inflationsraten allerdings vor allem auf den höheren Energiepreisen, wenn auch nicht ausschließlich. Auch unverarbeitete Lebensmittel waren im August auf Jahressicht stärker im Preis gestiegen als noch im Juli. Das könnte mit schlechten Ernten durch die Trockenheit zusammenhängen. Überdurchschnittlich teurer geworden wiederum sind Dienstleistungen. Allerdings ist deren Preisanstieg im August gegenüber Juli etwas zurückgegangen, von 3,3 auf 3,0 Prozent.Die Tatsache, dass die Inflation derzeit so stark von höheren Energiepreisen verursacht ist, führte zu Debatten unter Ökonomen, ob die EZB überhaupt etwas machen oder vielmehr einfach abwarten solle. Auch die insgesamt eher schwache Nachfrage wurde als ein Argument dafür angeführt, dass es Unternehmen nicht leicht gelingen werde, ihre Preise für Verbraucher in der Breite anzuheben.„Nach ihrer verspäteten Reaktion im Jahr 2022 will die EZB nun offenbar ein Zeichen setzen“, kommentierte Christian Curac, Leiter Asset Management der Fürst Fugger Privatbank: „Wir halten das für etwas vorschnell, nicht zuletzt weil der aktuelle Inflationsanstieg vor allem auf höhere Energiepreise infolge des Konflikts im Persischen Golf zurückgeht.“ Dagegen nannte Gunter Deuber, Chefökonom der Raiffeisen Bank International, den Schritt unbedingt notwendig „angesichts hartnäckiger und sich ausweitender Inflationsrisiken“.Nagel und Schnabel deuteten es schon anGleichwohl war die Zinserhöhung an den Finanzmärkten fest erwartet worden. Dazu hatten Mitglieder des EZB-Rates beigetragen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel nannte die Entscheidung „relativ absehbar“ und verwies auf die Erwartung der Finanzmärkte. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sagte, beim bisherigen Leitzins sei es unwahrscheinlich, dass die Inflation mittelfristig auf das anvisierte Ziel zurückkehre: „Daher wird eine weitere Straffung erforderlich sein.“Keine Einigkeit gibt es, wie es nun weitergehen wird. An den Finanzmärkten wurde zuletzt nicht nur eine weitere Zinserhöhung im Dezember in den Kursen „eingepreist“, wie die Börsianer sagen, sondern zusätzlich noch eine weitere bis Mitte kommenden Jahres. Viele Volkswirte aber sind da skeptisch: Commerzbank-Ökonom Marco Wagner nannte die Erwartungen an den Finanzmärkten „überzeichnet“.Was der Zinsschritt für Sparer und Hausbauer heißtDie Sparzinsen und die Bauzinsen sind schon vor der EZB-Entscheidung gestiegen; zum Teil wohl in der Erwartung einer EZB-Zinserhöhung, zum Teil als Folge des allgemeinen Renditeanstiegs am Anleihemarkt. Nach Zahlen der FMH-Finanzberatung in Frankfurt gibt es für Tagesgeld derzeit im Durchschnitt 1,72 Prozent Zinsen, für Festgeld auf ein Jahr 2,46 Prozent.Bewegung gibt es vor allem bei den Werbeangeboten für Neukunden. „Die Banken buhlen um neue Tagesgeldanleger“, schreibt das Internetportal Verivox in einem Zinsvergleich. Momentan erhielten Sparer bei mindestens elf Banken zeitweise einen Zinssatz über 3,5 Prozent, wenn sie ein neues Tagesgeldkonto eröffneten. Bis Mitte Mai habe es auf dem Markt gar keine Angebote in dieser Größenordnung gegeben.Den höchsten Tagesgeldzins biete derzeit die Digitalbank Revolut. Hier erhielten Neukunden für bis zu vier Monate 4,25 Prozent. Allerdings müsse man zusätzlich ein Girokonto eröffnen und regelmäßig mit der zugehörigen Karte zahlen. Zudem greife der Zins nur für Guthaben bis 25.000 Euro.Für jeweils vier Monate bekämen Neukunden bei der Renault Bank 4,1 Prozent und bei Chase, dem deutschen Ableger der amerikanischen Bank J.P. Morgan, 4,0 Prozent. Die niederländische Ayvens Bank biete ebenfalls 4,0 Prozent, allerdings nur für drei Monate. Nach Ablauf der Neukundenkonditionen erhielten Sparer bei Chase und Renault Bank derzeit 2,0 Prozent Zinsen, die Ayvens Bank zahle 2,3 Prozent.Die Bauzinsen sind recht deutlich gestiegen. 4,27 Prozent zahlten Kreditnehmer nach Zahlen der FMH-Finanzberatung zuletzt im Durchschnitt für ein Baudarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung. Noch im Frühsommer hatten die Zinssätze unterhalb von vier Prozent gelegen. Die Fachleute für Baufinanzierung, die regelmäßig vom Kreditvermittler Interhyp um eine Prognose gebeten werden, rechnen für die kommenden Wochen eher mit stagnierenden Bauzinsen, innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate aber mit einem „moderaten Anstieg“.