Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte an. Das hat die Notenbank am Donnerstag nach der Juni-Zinssitzung des EZB-Rats mitgeteilt. Es ist die erste Zinserhöhung im Euroraum seit September 2023.Zuvor hatte die Notenbank die Zinsen rund ein Jahr unverändert gelassen. Die Investmentbank Goldman Sachs hatte vor dem Irankrieg sogar gemeint, wenn es keine neuen Schocks gebe, könnten die Zinsen für viele Jahre unverändert bleiben. Der Irankrieg und die anhaltende Ölkrise haben diese Sichtweise obsolet werden lassen.Die Notenbank setzte ihre Prognose für die Inflation deutlich nach oben. Sie erwartet jetzt 3,0 statt 2,6 Prozent Inflation in diesem Jahr, 2,3 statt 2,0 Prozent im nächsten Jahr und 2,0 Prozent im Jahr 2028. Für die Kerninflation, das ist die Teuerung ohne Energie und Nahrungsmittel, erwartet sie jetzt selbst für 2028 noch 2,2 statt 2,0 Prozent.Grund ist die gestiegene InflationDer Einlagensatz, den die Banken für ihre Einlagen in der Notenbank bekommen und der auch gewisse Auswirkungen auf die Sparzinsen hat, steigt damit auf 2,25 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Banken gegen Sicherheiten Geld von der Notenbank leihen können, wird auf 2,4 Prozent angehoben. Und der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernachtausleihungen der Banken steigt auf 2,65 Prozent.EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte relativ frühzeitig signalisiert, dass im Juni eine Zinserhöhung „nötig“ sei. Andere EZB-Ratsmitglieder äußerten sich danach ähnlich.Der Grund für die Zinserhöhung ist die anziehende Inflation. Die Inflationsrate im Euroraum war im Mai auf 3,2 Prozent gestiegen. Inflationsziel der EZB sind mittelfristig zwei Prozent. Auch die Kerninflation, das ist die Teuerung ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Lebensmittel, hatte zugelegt, von 2,2 auf 2,5 Prozent.Das wurde als Anzeichen dafür gewertet, dass nicht nur die Energiepreise steigen, sondern diese Entwicklung auch auf andere Preise ausstrahlt. Dienstleistungen hatten sich im Mai auf Jahressicht um 3,5 Prozent verteuert, nach 3,0 Prozent im April. Mit den Preisen für Düngemittel waren auch die Preise für einen Teil der unverarbeiteten Lebensmittel gestiegen, im Durchschnitt legten diese um 4,2 Prozent zu.Viele Unternehmen gaben zudem in Umfragen an, dass sie ihre Verkaufspreise anheben wollten. Unklar ist, ob sie aufgrund der schwachen Wirtschaftslage überhaupt höhere Preise am Markt durchsetzen können. Wenn sie das aber wiederum für völlig unmöglich gehalten hätten, hätten sie sich vermutlich nicht so geäußert.„Implizite Drohung“ mit massiven ZinserhöhungenKritiker einer EZB-Zinserhöhung hatten argumentiert, der Anstieg der Inflation sei ausschließlich angebotsseitig bedingt, durch das teurere Öl. Die schwache Konjunktur und die zurückhaltende Nachfrage im Euroraum würden der EZB die Arbeit abnehmen und die Inflation von allein wieder nachlassen. Man solle die Wirtschaft nicht noch unnötig bremsen.„Die schwache Nachfrage wird die mittelfristigen Inflationsgefahren auch ohne höhere Zinsen hinreichend eingrenzen“, sagte Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg.Die EZB vertritt dagegen die Auffassung, der Ölpreisschock halte nun doch unerwartet lange an und werde nach und nach weitere Preise und Löhne beeinflussen. Die Notenbank könne zwar nicht kurzfristig für billigeres Öl sorgen. Sie könne aber mit einer Zinserhöhung unmittelbar auf die Inflationserwartungen und mit zeitlicher Verzögerung auch auf die Nachfrage im Euroraum Einfluss nehmen – und so zumindest verhindern, dass die Inflation aus dem Ruder laufe.„Geldpolitik ist nicht geeignet dazu, um Angebotsschocks zu bekämpfen“, sagte Cyrus de la Rubia, Ökonom der Hamburg Commercial Bank. Das klassische Instrument der Notenbank sei der Leitzins. Mit diesem könne die Nachfrage beeinflusst werden, nicht das Angebot. „Die globalen Energiemärkte lassen sich nicht von ein paar Zinsanhebungen in Europa beeindrucken“, meinte der Ökonom. Wenn die EZB ein paar Milliarden Fässer Öl in ihrem Keller hätte, könnte sie den Ölpreis und damit die Inflation unmittelbar beeinflussen.So könne sie nur signalisieren: „Schaut her, ich hebe den Leitzins an, und wenn die Inflation noch weiter stiegt, dann werde ich notfalls die Leitzinsen so weit nach oben schrauben, dass die Eurozone in eine Rezession gerät, sodass ich die Inflation auf diese Weise in den Griff bekomme, selbst wenn der Ölpreis dann immer noch so hoch sein sollte.“ Es sei also die „implizite Drohung mit massiven Zinserhöhungen“, die die Marktteilnehmer davon abhalte, einen unkontrollierten Anstieg der Inflation zu erwarten.Wie es nun mit den Zinsen weitergehtEin Zinsschritt allein wäre sicher nicht ausreichend, um dieses Signal zu senden, meinte de la Rubia: „Zwei Zinsanhebungen sollten ausreichen, vielleicht sind auch drei notwendig – je nach Entwicklung der Lage im Nahen Osten.“ An den Finanzmärkten waren zuletzt drei Zinserhöhungen „eingepreist“, wie die Analysten sagen. Die meisten Volkswirte rechnen nach Erhebungen des Datenanbieters Bloomberg aber nur mit zwei Erhöhungen.Nach dem Zinsschritt im Juni könnte es im Juli eine Zinspause geben und im September noch mal eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte, ist eine verbreitete Ansicht. Der EZB-Einlagensatz stünde dann also auf 2,5 Prozent.Auswirkungen für Sparer und KreditnehmerDie Zinsen für Spareinlagen und Baudarlehen waren in den zurückliegenden Monaten schon gestiegen, weil die Zinserhöhung weitgehend erwartet wurde. „Schon vor der Zinserhöhung haben zahlreiche Banken ihre Festgeldzinsen angehoben“, schreibt das Internetportal Verivox in einer Studie. Die Durchschnittszinsen der in ganz Deutschland verfügbaren Angebote mit zwei Jahren Laufzeit seien von 2,07 auf 2,34 Prozent gestiegen.Die Bestandskundenzinsen für Tagesgeld seien hingegen zuletzt nur geringfügig nach oben gegangen, schreibt Verivox. Im Durchschnitt beliefen sich die Zinsen der in ganz Deutschland verfügbaren Angebote auf 1,34 Prozent. Dafür habe die Zinsrally für Neukundenangebote an Fahrt aufgenommen. In der Spitze würden hier für befristete Zeit vier Prozent Zinsen je Jahr geboten; von der Bank Chase für vier Monate; von der Norisbank für ein halbes Jahr, wenn parallel auch noch ein Girokonto eröffnet werde.Nach der EZB-Zinserhöhung dürfte sich der Zinsanstieg beim Festgeld fortsetzen, meint Oliver Maier von Verivox. Auch die durchschnittlichen Bestandskundenzinsen beim Tagesgeld dürften etwas anziehen, allerdings nicht zwangsläufig sofort und in derselben Höhe wie die EZB-Zinssätze: „In der Vergangenheit haben viele Banken höhere Zinsen erst mit Zeitversatz und auch nicht immer in vollem Umfang weitergegeben.“Für Hypothekendarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung mussten Kreditnehmer laut FMH-Finanzberatung zuletzt im Durchschnitt 4,01 Prozent zahlen. Dieser Wert hatte im März die Marke von vier Prozent überschritten. Die regelmäßig vom Kreditvermittler Interhyp befragten Fachleute für Baufinanzierung rechnen nun kurzfristig mit eher gleichbleibenden Bauzinsen, längerfristig, in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten, aber mit steigenden Zinsen.
EZB hebt erstmals seit September 2023 die Zinsen an
Nach einer langen Pause steigt der wichtigste Leitzins im Euroraum auf 2,25 Prozent. Damit reagiert die Notenbank auf die aufkommende Inflation. Was heißt das für Sparer und Hausbauer?










