Die Europäische Zentralbank hat im Kampf gegen die steigende Inflation erstmals seit drei Jahren die Leitzinsen angehoben. Aufgrund des Iran-Konflikts legte der Ölpreis seit Jahresanfang um gut 50 Prozent zu und trieb damit die Inflationsrate in der Euro-Zone im Mai auf 3,2 Prozent. Dieser Wert liegt deutlich über der Zielmarke von 2,0 Prozent. Daher erhöhte die EZB am Donnerstag ihren wichtigsten Leitzins, den Einlagensatz, von 2,00 auf 2,25 Prozent.Die Finanzmärkte haben mit dieser Entscheidung gerechnet, wichtige Notenbanker aus dem EZB-Rat hatten in den vergangenen Wochen mit Blick auf den Preisschock eine Zinsanhebung angedeutet. Die hohen Energiepreise werden von den Unternehmen inzwischen auf die Produktionskosten anderer Wirtschaftsbereiche aufgeschlagen, etwa bei der Düngerherstellung. Auch der Warentransport insgesamt ist teurer geworden. Inzwischen sind daher die Inflationserwartungen der privaten Haushalte und Firmen gewachsen. Man rechnet auch in Zukunft mit höheren Preisen.EZB möchte eine Preisspirale verhindernDiese sogenannten Zweitrundeneffekte können dazu führen, dass Unternehmen prophylaktisch ihre Produktpreise erhöhen. Dann wiederum machen Angestellte Druck auf die Gewerkschaften, in Tarifverhandlungen höhere Löhne als Inflationsausgleich herauszuschlagen. Die höheren Gehaltskosten würden Firmen dann erneut auf ihre Produktpreise aufschlagen. Im schlimmsten Fall droht eine Preisspirale, die Inflation nährt sich unter diesen Umständen praktisch selbst. Diese Entwicklung möchte die EZB durch höhere Leitzinsen, die die Nachfrage insgesamt bremsen sollen, unterbinden.Die gestiegenen Leitzinsen sind politisch nicht nur wegen ihrer wachstumshemmenden Wirkung unbeliebt, zudem erhöhen sich dadurch auch die Kreditkosten der zunehmenden Staatsverschuldung in der Eurozone. Allerdings dauert es typischerweise ein ganzes Jahr, bis die preisdämpfende Wirkung der Leitzinserhöhung die gesamte Wirtschaft durchdringt. Das birgt für Zentralbanken das erhebliche Risiko, völlig falschzuliegen, etwa wenn sich der Iran-Konflikt über Nacht auflöst und die Energiepreise schlagartig sinken.Tagesgeldzinsen steigen nur mäßigSeit dem Ölpreisschock als Folge des Iran-Kriegs können Sparer die gestiegene Inflation mit üblichen Tagesgeldzinsen nicht mehr ausgleichen. Vor allem bei Volksbanken und Sparkassen wirft geparktes Geld oft kaum Zinsen ab, so eine Analyse des Finanzportals Biallo. Im Verbundsektor – bei 594 untersuchten Sparkassen und Volksbanken – liegt demnach der unbefristete Tagesgeldzins bei im Schnitt 0,4 Prozent. Bei den analysierten überregionalen Banken und Direktbanken seien es 1,0 Prozent, mehr als das Doppelte. 81 Prozent der Sparkassen und 73 Prozent der Volksbanken, so die Auswertung, bezahlen höchstens 0,5 Prozent aufs Tagesgeld. Die schlechtesten Konditionen lägen bei 0,001 Prozent Zinsen – also zehn Cent Zinsen auf 10 000 Euro im Jahr. Zum Vergleich: Die Banken selbst erhalten für ihr Geld bei der Europäischen Zentralbank bislang den Einlagenzins 2,0 Prozent, der bald auf 2,25 Prozent angehoben wird.Zwar wirbt die US-amerikanische J.P. Morgan über ihre Digitalbank Chase als neuer Anbieter mit einem Tagesgeldzins von vier Prozent, und die Norisbank hat mit einem ähnlichen Angebot nachgezogen. Allerdings gelten so hohe Zinssätze meist nur für Neukunden und für einen begrenzten Zeitraum. Wer kein „Zinshopping“ betreiben und ständig neue Konten eröffnen möchte, muss sich bei seiner Hausbank mit deutlich weniger Ertrag begnügen.Immobilienkredite werden teurerDie Aussichten für Bauherren, Immobilienkäufer und alle anderen, die auf Kredite angewiesen sind, trüben sich weiter ein. Bauzinsen erreichten bereits im April einen Jahreshöchststand und sind im Mai nur leicht gesunken. Wer ein Darlehen für zehn oder 15 Jahre binden möchte, muss im Moment mit etwa vier Prozent Darlehenszins rechnen. Hypothekenkredite orientieren sich an der Rendite von Staatsanleihen, also daran, wie viel Zinsen die Bundesrepublik bieten muss, wenn sie sich am Kapitalmarkt Geld leiht. Mitte Mai erreichten zehnjährige Bundesanleihen einen Zinssatz von 3,17 Prozent, so hoch wie seit 15 Jahren nicht. Am Donnerstag notierte die Rendite bei 3,05 Prozent. Der Anstieg hat vielfältige Gründe, etwa Sorge um die geopolitische Lage oder die steigende Staatsverschuldung. Eine wesentliche Ursache ist aber auch hier die Inflationserwartung, das wird frühzeitig in die Anleihekurse eingepreist. In einer Umfrage des Vermittlers für Baufinanzierungen, Interhyp, gaben im Mai 60 Prozent der Befragten an, dass sie für die kommenden sechs bis zwölf Monate eher mit steigenden Bauzinsen rechnen.