Sinan Antoon, in diesen Tagen, in denen sich der 25. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September nähert, wird viel darüber nachgedacht, welche Auswirkungen diese Attentate auch in der arabisch-muslimischen Welt hatten. Sie stammen aus dem Irak, wo Sie aufgewachsen sind, und leben seit langen Jahren in den Vereinigten Staaten. Wie würden Sie die Folgen beschreiben?Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, wo die Wurzeln des Terrorismus liegen, wo er seinen Ursprung hatte und über Jahre hinweg wuchs. Oft richten westliche Medien ihre Aufmerksamkeit auf Auswirkungen und Symptome, aber nicht so sehr auf die Wurzeln und den ursprünglichen Kontext. Die Wurzeln des 11. Septembers reichen bis in den Kalten Krieg zurück, als der Dschihad noch akzeptiert war, weil er sich gegen das „Reich des Bösen“, also die UdSSR, richtete. Es gibt ein Foto, das ich meinen Studenten gerne zeige, auf dem afghanische Mudschahedin neben Ronald Reagan im Weißen Haus zu sehen sind.Will sagen?Ich sage das, weil die Debatte über den 11. September oft in Plattitüden über Texte und Theologie verfällt, anstatt sich mit Geschichte und materieller Realität zu befassen. Nun hat der Krieg gegen den Terror – ein Krieg, der genau das hervorbringt und vervielfacht, was er angeblich bekämpft – laut dem „Costs of War Project“ der Brown University vier Millionen direkte und indirekte Todesopfer in Afghanistan, im Irak, in Pakistan, Syrien, im Jemen, in Libyen und in Somalia gefordert.Was meinen Sie mit „Texten“ und „Theologie“?Was ich meine, ist die Vorstellung, dass man, um den 11. September und den Terrorismus zu verstehen, den Islam, den Koran und so weiter verstehen müsse, statt die Wurzeln des Terrorismus in der politischen und militärischen Geschichte zu erkennen und etwa bis zum Kalten Krieg und zur westlichen Unterstützung des antisowjetischen Terrorismus zurückzugehen. Man betrachtet den 11. September unter zivilisatorischen Gesichtspunkten und im Sinne eines „Kampfes der Kulturen“, anstatt ihn kritisch-historisch zu betrachten. Terrorismus sollte aber nicht anhand religiöser Texte analysiert werden, nur weil Terroristen dieses Vokabular verwenden.Sinan Antoon mit seinem Roman „The Book of Collateral Damage“ in Highlands, New Jersey, Vereinigte Staaten, im Frühjahr 2023ReutersEs gibt Beobachter, die meinen, dass sich in arabisch-muslimischen Gesellschaften nach dem 11. September eine Tendenz zum Rückzug ins Identitäre und zu einer wachsenden Radikalisierung verstärkt habe: Anstatt sich zu öffnen und zu modernisieren, hätten sie Zuflucht in dogmatischen Glaubensformen gesucht. Würden Sie dem zustimmen?Ich bin ganz anderer Meinung. Dieser „kulturalistische“ Ansatz ist bestenfalls intellektuelle Faulheit und geht an den eigentlichen Fragen und der materiellen Realität vorbei. Wie sollen sich Gesellschaften denn „öffnen“ und „modernisieren“, wenn sie entweder bombardiert werden oder ihre Diktatoren und Monarchen von westlichen liberalen Demokratien unterstützt werden? Abgesehen davon: Gehen wir davon aus, dass sich manche Gesellschaften nicht in der heutigen modernen Welt, sondern in der Vergangenheit befinden? Man könnte dieselbe Frage auch in Bezug auf die USA und Deutschland stellen, wo es eine „Rückkehr“ zum Nationalsozialismus und zur weißen Vorherrschaft gibt. In Syrien gibt es einen Al-Qaida-Präsidenten, der der Liebling der westlichen Demokratien ist. Vielleicht ist das die „Rückkehr zu den guten alten Zeiten“, als Terroristen noch Verbündete waren.Wenn es um die Folgen des 11. Septembers geht, wird natürlich immer auf den Irakkrieg verwiesen, in dessen Folge das gesellschaftliche Gefüge des Iraks zerfiel. Aus dem Sammelbecken der dort heimat- und orientierungslos Gewordenen konnte der IS dann einen guten Teil seiner Anhänger rekrutieren. Wie blicken Sie auf diese Zusammenhänge?Die Zerstörung des Iraks im Jahr 2003 und der Abbau staatlicher Institutionen, wie der Armee, der Polizei und der Grenzpolizei, haben einen fruchtbaren Boden für den Terrorismus geschaffen und den Irak zu einem Magneten gemacht. Denken Sie daran, dass der damalige Präsident George Bush selbst sagte: „Wir werden sie dort bekämpfen, damit wir sie nicht hier bekämpfen müssen.“ Viele der Anführer des IS lernten sich in amerikanischen Gefängnissen im Irak kennen. Hunderte von irakischen Intellektuellen und Dissidenten haben kurz vor der Invasion im Jahr 2003 einen Brief mit dem Titel „Nein zur Diktatur und Nein zum Krieg“ unterzeichnet, in dem wir davor warnten, dass eine Invasion zu Katastrophen in der Region führen würde. Ein terroristischer Krieg hat den Terrorismus in den Irak gebracht.Worauf führen Sie die Fehler zurück, die nach dem 11. September im Irak begangen wurden?Ich lehne diesen Diskurs über „Fehler“ ab. Er setzt voraus, dass der Krieg und die Invasion des Iraks gut und fruchtbar gewesen wären, hätte man nicht die „Fehler“ gemacht. Das ist die Art, in der die USA über diesen Krieg sprechen – der ehemalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, es seien „Fehler“ begangen worden. Es war ein neokolonialer Krieg, der von den USA und Großbritannien geführt wurde. Der Kolonialismus selbst ist der Fehler, oder besser gesagt: das Verbrechen. Ein Land zu zerstören, einen Staat zu zerschlagen und dann ein konfessionell gespaltenes System zu errichten sowie die eigenen korrupten Verbündeten ins Land zu holen, ist ein Verbrechen. Die koloniale Phantasie, dass die USA Völker befreien und Demokratie verbreiten, ist das Problem, obwohl uns die Geschichte lehrt, dass immer genau das Gegenteil der Fall ist.Die Terroranschläge haben dem Bild der arabisch-muslimischen Welt im Westen erheblich geschadet.Es ist nicht so, dass das Bild vor dem 11. September besonders gut gewesen wäre. Es gab schon vorher eine lange Geschichte von Rassismus und Islamfeindlichkeit. Der 11. September hat all das wiederbelebt und das Bild des gefährlichen und bedrohlichen arabisch-muslimischen „Anderen“ aus dem orientalistischen Archiv wieder hervorgeholt.Und wie haben die Folgen des 11. Septembers das Bild des Westens in der arabischen Welt geprägt oder verändert?Was das Bild des Westens in der arabischen Welt angeht: Zwischen dem Krieg gegen den Irak und der Unterstützung des Völkermords durch Israel im Gazastreifen sind die Masken vollständig gefallen.Sinan Antoon, geboren 1967 in Bagdad, verließ den Irak 1991 nach dem Zweiten Golfkrieg. Seither lebt er in den USA, wo er arabische Literatur an der New York University lehrt. Seine Romane werden ins Französische und Englische übersetzt, zuletzt erschien „Notes from a lost country“ (2026).