Über 2200 Adressen für Hochbauvorsteher Langenegger: AL-Urgestein Niklaus Scherr will Beschränkung von Business-Apartments in Zürich vorantreibenDie Stadt hat jüngst eine Bewilligungspflicht für kurzzeitig vermietete Wohnungen eingeführt. Auch Private können diese anzeigen.10.09.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenFür die Linken sind Anbieter von Business-Apartments mit schuld an den hohen Mieten in der Stadt Zürich.Annick RampAm Mittwochabend übergibt ein älterer Herr mit Schirmmütze dem Zürcher Hochbauvorsteher Tobias Langenegger (SP) vor dem Rathaus Hard einen grossen Umschlag. Darin ist ein schwarzer USB-Stick, auf dem allerlei Daten zu Business-Apartments in Zürich gespeichert sind, unter anderem auch eine Liste mit 2207 Adressen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der ältere Herr ist Niklaus Scherr, Mitbegründer der Alternativen Linken (AL). Fast vierzig Jahre lang sass er im Zürcher Stadtparlament. Auch mit 82 Jahren hat Scherr nichts von seiner Hartnäckigkeit eingebüsst. Zu seinen liebsten Gegenspielern gehören Anbieter von sogenannten Business-Apartments – möblierten Wohnungen, die für kurze Aufenthalte und meist zu hohen Preisen vermietet werden. Für die Linken sind Firmen, die mit solchen Wohnungen ihr Geld verdienen, direkt mitverantwortlich für die steigenden Mieten in Zürich.Die Datensätze, die Scherr dem Stadtrat am Mittwochabend übergibt, sind sozusagen das Ergebnis einer an Obsession grenzenden Detektivarbeit, welche Scherr seit 17 Jahren begleitet. Seit dem Zeitpunkt also, als mit der Firma Vision Apartments eine der heute grössten Anbieterinnen auf dem Platz Zürich in den Markt eintrat.Niklaus Scherr, ehemaliger AL-Gemeinderat.KeystoneDamals reichte Scherr einen Vorstoss im Stadtparlament ein, um zu verhindern, dass die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Zürich zugunsten von Kurzzeitaufenthaltern verdrängt werden. Gleichzeitig begann er, Adressen von solchen kurzzeitig vermieteten Wohnungen zu sammeln.Auf die Frage der NZZ, wie viele Stunden Arbeit ihn das Zusammentragen der Daten gekostet habe, reagiert Scherr mit einem lauten Lachen. Das wisse er nicht. «Wenn man sich so lange mit einem Thema beschäftigt, sammelt sich so einiges an Wissen an.» Bis kurz vor der Übergabe ist Scherr noch damit beschäftigt, seinen umfassenden «Datensalat» in Form zu bringen.Doch Scherrs Ringen darum, dem umstrittenen Geschäftsmodell Einhalt zu gebieten, war lange erfolglos. Das habe auch mit dem früheren Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) zu tun, den Scherr als «Bremsklotz» bezeichnet. Neun Jahre nachdem Scherr seine Motion eingereicht hatte, wollte der Stadtrat den Vorstoss abschreiben. Es gebe keinen Bedarf, Business-Apartments zu regulieren. Die linke Mehrheit im Stadtparlament sah das anders.Jahrelanger Rechtsstreit endet vor BundesgerichtIn der Folge schlug der Stadtrat Einschränkungen vor. Wohnungen, die weniger als ein Jahr am Stück vermietet werden, sollten nicht mehr dem Mindestanteil angerechnet werden können, der in Wohnzonen vorgeschrieben ist. Doch vier Firmen, die mit kurzzeitig vermieteten möblierten Wohnungen ihr Geld verdienen, wehrten sich juristisch dagegen. Es entbrannte ein jahrelanger Rechtsstreit.Im Juni kam die Genugtuung für Scherr in Form eines Bundesgerichtsentscheids: Die Stadt Zürich darf Business-Apartments einschränken. Seit Anfang Monat müssen Betreiber von Business-Apartments Baugesuche einreichen. Zudem nimmt die Stadt Hinweise Dritter auf allfällige Business-Apartments entgegen.Jetzt müsse die Stadt zeigen, dass sie es ernst meine, sagt Scherr. Er stelle sich auf einen langwierigen Vollzug ein. «Die Anbieter von Business-Apartments werden nicht so einfach klein beigeben», ist Scherr überzeugt. «Sie werden jedes Schlupfloch nutzen, das sie finden können.» Auch deshalb erachte er es als Fehler, dass für Hotels eigene Regeln gälten.In Stadtrat Langenegger setzt Scherr grosse Hoffnungen – schon im Juli übergab die Gruppe «Reclaim Wiedikon» dem Hochbauvorsteher eine Liste mit 245 Adressen von Business-Apartments im Kreis 3. «Reclaim» ist eine von der AL initiierte Kampagnenreihe, die es für verschiedene Stadtteile gibt. Neben Wiedikon beispielsweise für die Kreise 4 und 5 oder Zürich Nord.Scherr hat klare Erwartungen an Langenegger: «Er muss eine Strategie entwickeln, wie er die beschlossenen Einschränkungen durchsetzen will.»Die AL forderte deshalb eine temporäre Arbeitsgruppe von der Stadt. Den Vorstoss hat sie nun zurückgezogen, nachdem das Amt für Baubewilligungen mitgeteilt hatte, dass es für die Dauer von drei Jahren fünf zusätzliche Vollzeitstellen schaffen wolle, um die zusätzlich anfallende Arbeit zu bewältigen.Der Hochbauvorsteher Langenegger dankte Scherr am Mittwoch für sein beharrliches Engagement und versprach, dass das Amt für Baubewilligungen die Daten auf dem USB-Stick so schnell wie möglich prüfen werde.Derzeit sei das Amt für Baubewilligungen noch damit beschäftigt, sämtliche Anzeigen und Gesuche zu sammeln, sagt Langenegger. «Wir sind gut vorbereitet und haben geschaut, dass wir die zusätzlichen Stellen schaffen können.» Jetzt gelte es, die nötigen Leute zu rekrutieren. «Damit konnten wir erst beginnen, nachdem der Kredit für die Stellen bewilligt war.»Wie Scherr geht auch Langenegger davon aus, dass es Business-Apartment-Anbieter geben dürfte, die versuchen werden, die Einschränkungen zu umgehen. Er sei aber zuversichtlich, dass es der Stadt gelingen werde, allfällige Schlupflöcher zu erkennen und sukzessive zu schliessen.Noch keine Gesuche, aber viele AnzeigenAufgrund des grossen öffentlichen Interesses an der Thematik rund um das Geschäft mit kurzzeitig vermieteten Wohnungen sei insbesondere am Anfang mit einer grossen Zahl von Anzeigen zu rechnen, hiess es letzte Woche vonseiten der Stadt.Auf Anfrage der NZZ schreibt das Hochbaudepartement, Gesuche von Business-Apartment-Anbietern seien bis dato keine eingegangen. Dafür aber 238 Anzeigen. Ob diese von Privatpersonen, politischen Parteien oder Vereinen kamen und ob sie ganze Gebäude professioneller Anbieter betreffen oder einzelne Wohnungen, kommentiert die Stadt aus Datenschutzgründen nicht.Dass die bisher eingereichten Anzeigen nur einen Bruchteil der tatsächlich in der Stadt betriebenen Business-Apartments betreffen, legen nicht nur die Daten der AL nahe. Letztes Jahr hat auch die Stadt Zahlen dazu veröffentlicht. Laut ihnen gibt es in Zürich gut 5320 Wohnungen, die geschäftsmässig kurzzeitig vermietet werden. Die meisten dieser Wohnungen verortete die Stadt in der Innenstadt. Im Zusammenhang mit der neu geltenden Bewilligungspflicht betreibe die Stadt momentan aber noch keine eigenen Nachforschungen, heisst es vonseiten des Hochbaudepartements. Insgesamt gibt es in Zürich 238 000 Wohnungen.Passend zum Artikel
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