Der Zürichsee ist eine der begehrtesten Wohnlagen der Schweiz. Doch vor 200 Jahren war das Ufer fast nur für die Industrie interessantEine Gruppe von Historikern hat es sich zur Aufgabe gemacht, an das industrielle Erbe am See zu erinnern.09.09.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenIn der Chemischen Fabrik Uetikon wurden Düngemittel produziert. Im Bild eine Aufnahme aus dem Jahr 1952.Archiv Chemische Fabrik UetikonAm Zürichsee stehen einige der teuersten und exklusivsten Villen der Schweiz. Manche haben einen privaten Park, viele einen eigenen Bootsplatz. Die Häuser werden in zweistelliger Millionenhöhe verkauft – wenn sie denn überhaupt auf den Markt kommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist kaum vorstellbar, dass das Seeufer zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts vor allem als Fabrikgelände begehrt war. So wie in Uetikon, wo die Spuren der Industriegeschichte unübersehbar sind: Die ehemalige Chemiefabrik beansprucht fast den ganzen Seeanstoss des Dorfs. Fast 200 Jahre lang wurden hier insbesondere Schwefelsäure und Düngemittel produziert.Noch im Jahr 1999 beschäftigte die Firma 190 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In den darauffolgenden Jahren wurde die Produktion zurückgeschraubt und schliesslich ganz eingestellt. Nun sind auf dem Areal eine Kantons- und eine Berufsschule geplant, dazu 190 Wohnungen, Gewerberäume sowie ein öffentlicher Park.Auch in anderen Zürichsee-Gemeinden zeugen historische Fabrikgebäude und Kamine, die weit in den Himmel ragen, davon, dass das Seeufer einst vor allem für die Industrie interessant war. In Küsnacht hatte das Textilpflegeunternehmen Terlinden seinen Sitz, in Horgen wurden Seide und Papier produziert, in Wädenswil Textilien.Die Uferlage war für Unternehmen aus mehreren Gründen attraktiv. Einerseits konnten sie ihre Güter direkt auf dem Seeweg transportieren, denn bis ins späte 19. Jahrhundert gab es am Zürichsee kein Eisenbahnnetz. Der See war zudem eine unerschöpfliche Wasser- und Energiequelle.Und schliesslich wurde der See jahrzehntelang als riesige Abfalldeponie genutzt. In Uetikon finden sich auf der Höhe der Chemie Uetikon bis heute Spuren von Uran und Radium im Seegrund. Seit Ende 2021 wird dieser saniert.In einem speziellen Projekt sollen nun die Geschichte und die Zukunft des Industrieraums Zürichsee für ein breites Publikum aufbereitet werden. Auf einer Online-Plattform haben Historiker aus acht Museen Texte zur lokalen Industriegeschichte erstellt. Zu jedem Ort gibt es eine Einführung. Diese wird ergänzt durch Porträts der jeweiligen Unternehmen. Bereits aufgeschaltet sind Einblicke in die Industriegeschichte von Stäfa, Meilen, Männedorf, Küsnacht, Oberrieden, Uetikon, Zürich Riesbach, Rapperswil. Vier weitere Gemeinden sollen in den nächsten Monaten folgen.Die Website wird zu den Europäischen Tagen des Denkmals am 12. September in Uetikon live präsentiert.In einer zweiten Phase ist eine Ausstellung im alten Düngerbau der Chemie Uetikon vorgesehen. Die Planung dafür beginnt frühestens im nächsten Jahr. Zu sehen sein sollen Objekte, Dokumente und Videos. Mit der Online-Plattform wollen die Historiker an das industrielle Erbe erinnern, das die Region bis heute prägt.Zu einem rein musealen Gebäude soll der Düngerbau aber nicht werden – im Gegenteil. Das Herzstück des Areals beherbergt künftig verschiedene Betriebe und dient als Bühne für kulturelle Veranstaltungen.Die ehemalige Chemie Uetikon wird in Etappen entwickelt. Bereits im Herbst sollen die Bauarbeiten für 80 der insgesamt 190 Wohnungen beginnen. Ende Jahr starten die Arbeiten für den 800 Meter langen Park. Und im Jahr 2032 wird voraussichtlich die neue Kantonsschule eröffnet. Dann erhält die Gemeinde ein ganz neues Quartier und endlich mehr Zugang zum See für die Öffentlichkeit.Passend zum Artikel