Andreas Becker / KeystoneNoch nie war es so trocken am grössten See des Kantons Zürich. Der historische Tiefstand des Pegels hat einschneidende Folgen. Szenen eines aussergewöhnlichen Hitzesommers.27.08.2026, 05.00 Uhr8 LeseminutenMichel Péclard steht am Steuer seines Motorboots und dreht nach rechts ab. Vor ihm auf dem Zürichsee schwimmt ein grüner Teppich auf dem Wasser. Das Seegras bedeckt hier in Ufernähe eine Fläche von mehreren Fussballfeldern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Promi-Gastronom, der allein am Zürichsee elf Lokale führt, sagt: «So wie in diesem Sommer hat es noch nie gewuchert. So etwas habe ich noch nie gesehen».Für Schwimmer ist es unangenehm, wenn sich die Pflanzen um die Beine wickeln. Für Stand-up-Paddler sind sie lästig. Und für Boote können sie zum Problem werden. Gerät das Gras in die Schiffsschraube, ist es mit dem Vorwärtskommen irgendwann vorbei.Der Spiegel des Zürichsees hat am 18. August einen historischen Tiefstand erreicht: 405,45 Meter über Meer. Trotz Schauern ist der Pegel nur um wenige Zentimeter gestiegen.Andreas Becker / KeystoneSolche Seegras-Felder könnten ein Anblick sein, an den man sich am Zürichsee gewöhnen muss. Der Kanton hat den Betrieb seines Mähboots im Herbst 2025 eingestellt. Das Boot hiess «Seekuh» und wurde nach Genf verkauft. Es wurde kaum noch gebraucht. Wegen der hohen Wasserqualität musste die Seekuh zuletzt nur noch an zwei Tagen im Jahr ausrücken. Jetzt wäre sie vielleicht wieder ganz nützlich.Das üppige Wachstum der Wasserpflanzen hängt mit dem Pegel zusammen. Denn der Spiegel des Zürichsees hat am 18. August einen historischen Tiefstand erreicht: 405,45 Meter über Meer. Das ist etwa ein halber Meter weniger als im Sommer üblich. Der bisherige Tiefstwert wurde mit 405,46 Metern vor über siebzig Jahren gemessen, im März 1952. Damals war das Stauwehr am Zürcher Platzspitz, mit dem der See reguliert wird, gerade erst in Betrieb genommen worden.Am Ausnahmezustand kann momentan nicht einmal der Regen etwas ändern. Trotz einigen Schauern ist der Pegel des Sees in den letzten Tagen nur um wenige Zentimeter gestiegen. Am Mittwoch befand er sich gemäss Angaben der Baudirektion bei 405,53 Meter. Für eine nachhaltige Erholung würde es weit mehr regnerische Phasen brauchen.Die Trockenheit hat Folgen. Nicht nur für Fische und andere Lebewesen im See. Sondern auch für jene, die am grössten Gewässer des Kantons leben und arbeiten.Unerwartete ProblemeAdrian Meier blickt an diesem Augustmorgen vom Hafen Horgen nach Meilen. Seit 23 Jahren arbeitet er bei der Zürichsee-Fähre, inzwischen als Leiter Technik und stellvertretender Geschäftsführer. Auch Meier, Baseballcap auf dem Kopf und Unerschütterlichkeit im Blick, sagt, so etwas habe er noch nie erlebt. Er berichtet von stecken gebliebenen Lastwagen und unerwarteten Problemen seiner Kollegen.Seit 1932 verbinden die Fähren die Gold- und die Pfnüselküste, Fahrzeit 10 Minuten. Je nach Route können die Autofahrer 45 Minuten Fahrt und viele Nerven sparen.Doch seit kurzem müssen Mitarbeiter der Fähren erstmals Fahrzeuge abweisen. Je tiefer der Pegel, desto steiler wird die Rampe, über die Autos, Lastwagen und Velos auf das Schiff und wieder raus fahren. Derzeit ist sie so steil, dass Lastwagen und tiefergelegte Sportwagen hängen bleiben. Ein Problem, das man so beim Fährbetrieb zuvor noch nie hatte.Je tiefer der Pegel, desto steiler wird die Rampe über die Autos, Lastwagen und Velos auf die Zürichsee-Fähre fahren.NZZZu Konflikten hätte das bisher nicht geführt, sagt Meier: «Wir können ja nichts dafür, dass der Pegel so tief ist. Und wenn wir dann einen Schaden haben, hat niemand etwas davon.» Sie liessen Sportwagen-Fahrer nur auf eigenes Risiko auf das Schiff. «Manche kennen ihr Auto sehr gut und wissen, wie sie im Slalom über die Rampe fahren können, ohne anzuhängen.»Probleme gibt es nicht nur für die Gäste, sondern auch für das Team der Zürichsee-Fähre. Meier sagt, die kleineren Mitarbeiter hätten teilweise von der Fähre aus die Bedienungsknöpfe der Rampe an Land kaum mehr erreicht, weil das Schiff so weit unten war.«Mit so einem tiefen Pegel hat niemand gerechnet», sagt Meier, der auf dem Zürichsee schon etliche Stürme und Hochwasser erlebt hat. Baulich sei der Fährbetrieb nur auf Hochwasser vorbereitet gewesen. Die Pfeiler im Wasser habe man deshalb notdürftig verkleiden müssen. Nun sollen Schutzschienen verhindern, dass die Schiffe bei einem Kontakt mit den Pfeilern aufgerissen werden.In Meilen blieb in der vergangenen Woche zudem ein Lastwagen bei der Abfahrt von der Fähre stecken. Man habe aber doch noch eine Lösung gefunden, sagt Meier: «Wir haben behelfsmässig eine Rampe gebaut und ihn so raus bekommen.»Immerhin sei der Worst-Case nicht eingetroffen, sagt Meier. Vor kurzem noch hat der Kanton vorausgesagt, der Pegel könnte nochmals 20 Zentimeter absinken bis Ende Monat, nun ist er sogar ein wenig gestiegen. «Sonst wäre es für uns kritisch geworden», sagt Meier. Ähnlich wie im Obersee. Dort ist der Fährbetrieb seit dem 8. August eingestellt.Schiffskapitäne auf Sandbänken und trocken gefallene HäfenDie Folgen der Trockenheit zeigen sich inzwischen überall rund um den See. In Horgen lief das auf dem Zürichsee schwimmende Becken des Sportbads auf Grund. In Badis mussten Sprungtürme und Rutschbahnen behelfsmässig gesperrt werden, weil das Wasser nicht mehr tief genug ist. Auch einige Hafenanlagen rund um den See können inzwischen nicht mehr angefahren werden. Schiffe liegen auf dem Trockenen. Und Bootskapitäne kämpfen mit unerwarteten Untiefen.Plötzlich werden auch Dinge sichtbar, über die sich sonst niemand Gedanken macht. Zum Beispiel kleine Sandbänke im seichten Uferbereich, oder Betonblöcke, auf denen die Prellpfähle der Schiffsanlegestellen stehen. Normalerweise liegen die Fundamente tief genug unter Wasser. Doch mit sinkendem Pegel kamen sie den Schiffsrümpfen immer näher. An der Halbinsel Ufnau wurde das zum Problem. Die Schiffe der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) konnten nicht mehr anlegen.Plötzlich werden Dinge sichtbar, über die sich sonst niemand Gedanken macht. Zum Beispiel Sandbänke im seichten Uferbereich, oder Betonblöcke, auf denen die Prellpfähle der Schiffsanlegestellen stehen.Andreas Becker / KeystoneEine unschöne Situation für Gastronom Michel Péclard, der auf der Ufnau ein Restaurant betreibt. Seine Gäste kommen mit dem Schiff. Also musste eine Lösung her. Vergangene Woche liess die ZSG die Pfähle am Steg mit Holz verkleiden. Die Schiffe bleiben dadurch zwanzig Zentimeter weiter vom Fundament entfernt. Eine simple Lösung für ein Problem, das es in dieser Form lange nicht gegeben hat.Auch sonst ist auf dem Zürichsee in diesem Sommer Improvisationstalent gefragt. Sascha Gattiker kennt das. Er betreibt die Wakeboard-Academy in Wollishofen. Normalerweise steigen seine Kunden direkt an seinem Steg ins Boot. Zurzeit geht das nicht. Das Wasser ist dort so flach, dass die Boote Schaden nehmen könnten. Gattiker holt seine Gäste deshalb im benachbarten Hafen ab. Weil das Zeit kostet, kann er weniger Kunden mitnehmen und macht weniger Umsatz.Dazu kommt der Weg ins Boot. Je weiter der Pegel sinkt, desto grösser wird der Höhenunterschied zwischen Steg und Wasser. Früher stiegen die Gäste einfach ein. «Heute müssen die Gäste fast ins Boot springen», sagt Gattiker.Schon der Winter war zu trockenZu trocken war es bereits viel früher in diesem Jahr. Der Kanton drosselte deshalb erstmals im Winter den Abfluss in die Limmat, im Juni reduzierte er die Abflussmenge erneut. Mitte Juli wurde er schliesslich auf 30 Kubikmeter pro Sekunde reduziert.Diskutiert wurde auch die Option, den Abfluss noch weiter zu drosseln. Das wurde jedoch gemäss der Baudirektion verworfen, weil der Abfluss bereits so tief war. Das stellte für Fische und andere Wasserlebewesen in der Limmat eine grosse Belastung dar. Verschärft wurde die Situation zusätzlich durch die hohen Wassertemperaturen, die zwischen Ende Juni und Mitte August bei über 25 Grad lagen.Die hohen Wassertemperaturen über 25 Grad und die tiefe Abflussmenge der Limmat werden für Fische und Krebse zu einer Belastung.Andreas Becker / KeystoneNach Angaben des Kantons führt der Fluss derzeit gerade noch so viel Wasser, dass sich die Situation nicht weiter zuspitzt. Die Regenschauer brachten bisher nur eine kurzfristige Entspannung. Hinzu kommt, dass viele andere Flüsse oder Bäche im Kanton kaum noch Wasser führen oder stellenweise sogar ganz ausgetrocknet sind. Das habe gravierende Folgen für die Ökosysteme rund um die Gewässer, schreibt die Baudirektion.Lukas Bammatter steht auf dem Hardturmsteg in Zürich und schaut hinunter auf die Limmat. Der Co-Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung kann problemlos bis zum Grund des Flusses sehen, und das ist kein gutes Zeichen.Denn je tiefer die Abflussmenge im Fluss ist, desto höher sind die Verluste bei den Fischen. Dies hat einerseits mit den hohen Wassertemperaturen zu tun. Ab 22 Grad beginnt für kälteliebende Arten wie die Äsche oder die Flussforelle der Stress. «Deren Stoffwechsel läuft auf Hochtouren, das ist, als wäre man permanent in der Sauna», sagt Bammatter. Ab 25 Grad wird es kritisch, bei 27 Grad verenden die Fische.Zum warmen Wasser kommt der Stress, den Schwimmer oder Gummiboote auf der Limmat verursachen. Denn wegen des Niedrigwassers fehlen den Fischen die tiefen Stellen, die ihnen als Rückzugsort dienen. Um den Menschen auszuweichen, schwimmen sie dauernd von einem Ufer ans andere, was an die Substanz geht.Was Bammatter diesen Sommer beunruhigt: Trotz der schwierigen Bedingungen bekommt er nur wenig Hinweise auf verendete Fische. Bloss heisst das nicht, dass es den Äschen und Forellen wider Erwarten gut geht. Sondern vielmehr, dass es deutlich weniger von ihnen gibt.Am Hochrhein hat sich der Äschenbestand von den massiven Verlusten im Hitzesommer 2003 bis heute nicht erholt. Damals verendeten rund 20 Tonnen der hitzeempfindlichen Fische. Heute wird der Äschenbestand im Rhein auf weniger als fünf Prozent des Bestands von 2003 geschätzt.Die alljährlichen Erhebungen der sogenannten Äschenbrütlinge deuteten in den vergangenen Jahren kantonsweit auf eine leichte Erholung der Bestände hin. Es ist jedoch zu befürchten, dass der aktuelle Hitzesommer diese positive Entwicklung zunichtemacht.Aber selbst Arten wie die Barbe, die vergleichsweise gut mit höheren Wassertemperaturen zurechtkommt, weichen zunehmend in kühlere Gewässerabschnitte aus. Im Unterlauf der Sihl sei sie heute deutlich seltener anzutreffen, sagt Bammatter. Dafür werde sie im kühleren Oberlauf nahe der Kantonsgrenze zu Schwyz häufiger beobachtet.Was die Mitarbeiter der kantonalen Fischereiverwaltung aber seit 2018 kaum mehr machen, sind sogenannte Notabfischungen. Also das Umsiedeln von Fischen, wenn in einem Bachabschnitt kein Wasser mehr fliesst. Damit werde die Situation am neuen Ort, wo die Fische ausgesetzt werden, nur verschlimmert, sagt Bammatter.Denn viele Fische in austrocknenden Bächen sind bereits stark geschwächt. Eine Notabfischung, bei der Fische mit Strom betäubt werden, bedeutet zusätzlichen Stress. Am Aussetzort verschärft sich zudem die Konkurrenz um bereits knappen Lebensraum und Nahrung. Jäger wie der Graureiher haben dann bei den konzentriert auftretenden Fischen leichtes Spiel. Notabfischungen werden deshalb heute nur noch in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt.Bammatter und seine Leute versuchen, die Situation auf eine andere Art zu verbessern. Etwa indem sie sogenannte Kaltwasserzonen einrichten. Dabei handelt es sich um kühlere Flussbereiche, die von Bächen oder Grundwasser gespeist werden. Ein solcher geschützter Uferbereich, der für Schwimmer tabu ist, befindet sich bei der sogenannten Chuetränki in Rheinau im Rhein. Hier finden Fische an heissen Tagen einen lebenswichtigen Rückzugsort. Auch in der Limmat gibt es eine solche Zone, im Mündungsbereich des Rietbachs bei Dietikon.Per Helikopter und mit Wärmebildkameras suchen Forscher der ZHAW derzeit nach weiteren Kaltwasserzonen an Zürcher Flüssen. Auf dieser Grundlage ist es denkbar, dass der Kanton künftig weitere Zonen einrichtet. Aber Bammatter ist bewusst: Dies kann höchstens für ein paar Wochen Linderung verschaffen. In einem ausgeprägten Hitzesommer wie 2026 ist die Wirkung solcher Massnahmen jedoch begrenzt.So steht es derzeit um die Flora und Fauna in den Zürcher Flüssen. Einzig für die Fische im Zürichsee ist die Situation weniger problematisch. Sie können noch in tiefere Schichten ausweichen.Passend zum Artikel