«Der Peak ist erreicht»: Die Schweiz ist am Austrocknen – und nun geht auch noch das Gletscherwasser zurückDie Gewässer profitierten bis jetzt im Sommer vom steigenden Abfluss aus den Gletschern. Doch bald versiegt auch diese Quelle. Experten fordern: Die Schweiz muss mehr stauen und bauen, auch neue Speicherseen.15.08.2026, 21.46 Uhr9 LeseminutenWeniger Eis, mehr Wasser. Der schmelzende Morteratschgletscher im Kanton Graubünden.Michelangelo Oprandi / ImagoViel Stein, wenig Wasser: Die Emme bei Aeschau (BE) im Juli.Anthony Anex / KeystoneOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Langsam müht sich das Postauto an diesem heissen Freitag von Sitten in die Höhe, Meter um Meter hinauf, Grad um Grad hinunter, bis die schmale Strasse kurz nach einem weiteren gefährlich engen Tunnel endet. Ins Bild rückt ein imposanter Felskessel, darunter ein Band aus Wald und Wiesen, und dann, hinter seiner 156 Meter hohen Staumauer, der Lac de Tseuzier. Still, kühl und mächtig liegt der See da, eine Art «blaue Zone» in der grau-grünen Landschaft, zumindest so möchte Gilles Florey ihn nutzen: «Wir werden hier wie auf einem Parkplatz vorübergehend Wasser parkieren, das wir dann später für unsere Versorgung wieder ablassen können», sagt er.Florey, Gemeindepräsident von Salgesch, sitzt 1250 Höhenmeter weiter unten im Walliser Rhonetal im Gemeindehaus des bekannten Weindorfes und erzählt von der Crux mit dem Wasser. Früher wurde der Bach Raspille, von dem das Dorf für seine Bauern, Winzer und Gartenbesitzer das Wasser bezieht, vom Gletscher auf der Plaine Morte gespeist, der grossen Eisebene weit oben an der Grenze zwischen Bern und Wallis. Doch der schmelzende Gletscher ist immer weiter in seine Senke zusammengesackt, hinter den Grat, der die Kantonsgrenze bildet – so dass seit einigen Jahren nun alles Schmelzwasser auf die Berner Seite abfliesst.Salgesch geht leer aus, und im Bett der Raspille sieht man unten im Dorf an diesem Freitag nur noch wenig Wasser. «Zum Glück», sagt Florey, «hat es im April und Mai oben nochmals geschneit. Darum kommt immerhin noch so viel Wasser, dass wir dieses Jahr wohl gerade so durchkommen.» Doch die Raspille war auch schon komplett ausgetrocknet. Es braucht also eine Alternative.So wie Salgesch dürfte es in der Schweiz künftig vielen Dörfern und Tälern ergehen. Wieso, das zeigt sich exemplarisch in diesem Sommer. Er lässt mit seinen Rekordtemperaturen und der extremen Dürre Seepegel sinken, Flüsse austrocknen und Felder verdorren – aber eben nicht überall im gleichen Ausmass. Denn in der Schweiz gibt es derzeit noch zwei Wasserwelten: eine mit Gletscherwasser und eine ohne.«Sämtliche Gewässer führen extrem wenig Wasser, ausser jene, die noch von Gletschern gespeist werden», erklärt Bettina Schaefli, Professorin für Hydrologie an der Universität Bern. Auf der Website des Bundesamtes für Umwelt mit den hydrologischen Daten lässt sich das Muster ablesen: Es sind vor allem die Flüsse im Wallis, im Berner Oberland und im Engadin, die noch einigermassen genug Wasser haben. Sie leben von der Substanz – den letzten Eisreserven in den Alpen.Ab jetzt haben wir ein ProblemDabei hat diese Wasserwelt in den letzten zwanzig Jahren im Sommer paradoxerweise vom Klimawandel profitiert: Die steigenden Temperaturen liessen die Gletscher immer schneller schmelzen, wodurch die Abflussmenge aus dem Eis Jahr für Jahr zunahm. Allein in den letzten fünf Jahren haben die Gletscher rund 20 Prozent ihres Eises verloren. Und in vielen Gewässern kommt im Hochsommer noch über die Hälfte des Wassers aus dieser Gletscherschmelze.Inzwischen ist die Eismasse jedoch so stark geschrumpft, dass das System nun kippt, selbst wenn die Temperaturen weiter steigen. «Der Peak ist erreicht», sagt Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes. «Alle Szenarien sagen, dass wir jetzt auf dem Höchststand des Schmelzwasserabflusses in den Bergen sind.» Ab jetzt wird die Menge des Gletscherwassers zurückgehen – je nach Klimaszenario stärker oder weniger stark.«Für die kommenden Hitzesommer können wir nicht mehr mit so viel Schmelzwasser rechnen wie dieses Jahr», sagt Huss. Und je nachdem, wie stark die Erderwärmung fortschreitet, wird es in den Alpen um das Jahr 2100 nur noch Reste oder gar keine Gletscher mehr geben – dann ist das Wasserreservoir für den Sommer leer. «In Zukunft», so Huss, «werden wir ein grosses Problem haben.»Was passiert, wenn die Gletscherreserven aufgebraucht sind und es nur noch wenig schneit, zeigt sich gerade am Bodensee. Um ihn stehe es besonders schlecht, sagt die Hydrologin Schaefli. Denn in seinem Einzugsgebiet gibt es kaum mehr grosse Gletscher – anders als etwa beim Genfer- oder beim Thunersee. Die Folge: Sein Pegel hat den bisherigen Tiefstwert für diese Jahreszeit bereits um rund 30 Zentimeter unterschritten.Der Bodensee, der im Gegensatz zu vielen anderen auch nicht reguliert werden kann, leidet unter dem, was wir wohl künftig als normalen Sommer erleben werden: Die Niederschlagsmenge nimmt zwar in der Schweiz nicht ab, sie verteilt sich aber anders. Es fällt weniger Niederschlag im Sommer und mehr im Winter, und häufiger als bisher in der Form von Regen statt Schnee. Dadurch schwanken die Pegel von Seen und Flüssen stärker. Sie werden im Winter und im Frühling mehr Wasser führen, im Sommer aber vielerorts nur noch halb so viel wie heute.Stausee als «Wasserversicherung»In Salgesch kennt man dieses Problem zu gut. Und im Gemeindehaus präsentieren Florey und der Manager Daniel Antille nun ihre «Parkierungs»-Lösung: Sie wollen weit oben im Berg im Frühling das Wasser aus der Schneeschmelze sammeln und es über eine 20 Kilometer lange Leitung quer durch die Berghänge leiten, bis in den Lac de Tseuzier. Er wird nach der winterlichen Stromproduktionsphase genug Platz dafür bieten.Insgesamt acht Gemeinden haben sich dafür zusammengeschlossen, neben Salgesch etwa die Stadt Siders oder das noble Crans-Montana. Alle haben sie ihre Wasserrechte in eine gemeinsame Aktiengesellschaft eingebracht, die Lienne-Raspille AG. Diese soll künftig im Stausee ein Volumen von 4 Millionen Kubikmetern Wasser mieten, vertraglich mit den Betreibern geregelt und natürlich gegen ein Entgelt.So können die Gemeinden «ihr» Wasser auswärts im See lagern, bis sie es später im Sommer brauchen. Ist der Sommer trocken, wird es zur Bewässerung der Alpen und Reben genutzt. Hat es auch sonst genug Niederschlag und Wasser, kann man daraus Strom produzieren. Und wird das Wasser unten im Tal noch knapper, könnte man es dereinst auch als Trinkwasser aufbereiten. «So haben wir eine Wasserversicherung für 50 000 Menschen und 1500 Hektaren Landwirtschaftsland, auf dem die Reben stehen, von denen die ganze Region lebt», sagt Daniel Antille, der die neue AG präsidiert. Und dies erst noch, ohne dass man neue Stauanlagen bauen müsse.65 Millionen Franken kostet das ganze Projekt, und es ist im Urteil der Promotoren jeden Rappen wert. «Seit 500 Jahren streiten wir hier in der Region um die Wasserrechte», sagt der Gemeindepräsident Florey. Mit der Zwischenspeicherung im Tseuzier werde künftig im Sommer genug Wasser da sein, damit es für alle reicht – das Zanken um die Verteilung würde hinfällig, und auch die Debatten darüber, wer doch wieder zu viel abgezweigt hat.Und weil das Projekt mehrere Zwecke erfüllt, gibt es überdies auch Subventionen aus mehreren Kassen. Da es den Bauern hilft, kann Lienne-Raspille etwa auch mit Finanzhilfen vom Bundesamt für Landwirtschaft rechnen. «Es ist ein Pilotprojekt, von dem die ganze Schweiz lernen kann», sagt Antille.Zudem ist es eine Lösung, wie sie auch Forschern schon lange vorschwebt. Andreas Fischlin ist emeritierter ETH-Professor für Systemökologie und hat über dreissig Jahre beim Weltklimarat (IPCC) mitgearbeitet. Er mahnt schon lange, die Schweiz müsse die Wasserabflüsse aus den Bergen und die Wassernutzung klimagerechter regulieren. Dabei, sagt Fischlin, seien natürliche Gletscherseen, schon bestehende oder auch neu zu bauende Stauseen in Betracht zu ziehen.«Man sollte das Schmelzwasser nicht einfach abfliessen lassen», sagt Fischlin. Er habe schon den damaligen Umweltminister Moritz Leuenberger darauf hingewiesen, über neue Staumauern nachzudenken. «Stauseen können einen Beitrag leisten, um den vom Klimawandel verursachten Wassermangel im Sommer abzufedern», sagt er. «Noch wichtiger ist jedoch, möglichst rasch die Treibhausgasemissionen auf Netto-Null zu bringen, um die Klimaerwärmung zu stoppen.»Mit dem Ruf nach Stauseen ist Fischlin nicht allein. Schon 2015 schrieben Wissenschafter der Universität Bern, neue sogenannte Mehrzweckspeicher böten optimale Voraussetzungen, um die Ansprüche von Energiewirtschaft, Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung aufeinander abzustimmen: «In der Politik und der Gesellschaft muss nun gehandelt werden.»Und Forscher der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) zogen 2020 in einer Studie im Auftrag des Bundes folgendes Fazit: «Alpine Speicher können einen Ersatz für Gletscher darstellen, indem sie Abfluss aus dem Winter- ins Sommerhalbjahr transferieren und somit den Veränderungen des Abflussregimes entgegenwirken.» Auftrieb erhält die Idee auch dadurch, dass der Rückzug der Gletscher in den Alpen ohnehin auf natürliche Weise 500 bis 600 neue Seen entstehen lassen wird. Auch diese liessen sich teilweise ausbauen und nutzen.Doch in der Praxis ist noch wenig zu sehen. Zwar haben viele Stauseen eine Reserve, um bei Hochwassergefahr Wasser aufzunehmen. Und vereinzelt wird das Wasser für Bewässerungen oder Pistenbeschneiungen genutzt. Hauptsächlich aber dient es gemäss den geltenden Konzessionen zur Stromproduktion, anders als in Asien oder den USA, wo zum Beispiel der riesige Hoover-Staudamm seit je den Hauptzweck hat, die Gliedstaaten Arizona, Nevada und Kalifornien mit Wasser zu versorgen.Konflikte zeichnen sich abDieser Vorrang der Stromproduktion zeigt sich auch bei den jüngsten Diskussionen um den Bau neuer Wasserkraftwerke: Von den fünfzehn Projekten, welche die Politik nach einem langen Prozess am runden Tisch fördern will, wurde bisher nur bei zweien auch die Wasserversorgung öffentlich diskutiert. So soll etwa der geplante Stausee unterhalb des Gornergletschers bei Zermatt auch dazu dienen, das Mattertal mit Trink- und Brauchwasser zu versorgen. Und am Oberaletschgletscher ist geplant, einen natürlich entstehenden See nebst der Stromproduktion auch dazu zu nutzen, die Region um die Belalp zu bewässern.Nun kommen auch aus der Politik vermehrt Forderungen, man solle das Gletscherwasser und die Niederschläge in den Bergen besser und vielfältiger nutzen, zum Beispiel von den Grünliberalen. Ihr Präsident Jürg Grossen forderte jüngst via Tamedia eine nationale Wasserstrategie, die auch neue Stauseen als teilweise Ersatzspeicher für die schmelzenden Gletscher vorsieht. Man müsse prüfen, wo es sinnvoll sei, in bisher vergletscherten Lagen auch neue Stauseen zu bauen, sagt er. Und solche Speicher seien umso sinnvoller, wenn sie auch für den Hochwasserschutz und das Management des Wasserhaushaltes dienen könnten.Doch was in der Theorie gut klingt, wird dadurch in der Praxis nicht einfacher. Schon seit je ist der Bau der Wasserspeicher ein stetes, zähes Ringen zwischen der Energiewirtschaft und den Umweltverbänden. Wenn neu auch noch der Wasserbedarf von Bevölkerung, Landwirtschaft oder Tourismus dazukommt, spitzen sich diese Nutzungskonflikte zu. Und es wird noch schwieriger, die strittige Frage zu beantworten: Wer darf wo wie viel Wasser nutzen? Und zu welchem Preis?Dabei anerkennen die grossen Schweizer Stromkonzerne, dass der Klimawandel es nötig macht, Wasser über verschiedene Nutzungen hinweg integraler zu bewirtschaften. Auf Anfrage schreiben sie, man rechne damit, dass die Diskussion über die multifunktionale Nutzung von Speichern künftig intensiver geführt werde. Und sie zeigen sich bereit, unter klaren Regeln auch solche Nutzungen zu prüfen.Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass auch die Stromversorgung wichtiger wird und die Wasserkraft dabei eine grössere Rolle spielen soll – und dass die laufenden Konzessionen ihnen das Recht geben, Strom zu produzieren und für allfällige Einschränkungen entschädigt zu werden.Umgekehrt warnt die Naturschutzorganisation Pro Natura davor, die einstigen Gletscherlandschaften als neues Eldorado für Wassernutzung zu betrachten. Im Vorfeld der Gletscher entstünden derzeit die einzigen neuen Lebensräume in der Schweiz, die sich zu wertvollen Auen oder Biotopen entwickeln können. «Das ist eine einmalige Chance für die stark bedrohte Biodiversität, weshalb wir diese Gebiete nicht achtlos hinter Staumauern fluten dürfen», sagt Michael Casanova, der Projektleiter Gewässerschutz bei Pro Natura.Man müsse darum in jedem Einzelfall genau abwägen, wo und wie das Gletscherwasser genutzt werden soll – und ob Mehrfachnutzungen mehr als nur vorgeschoben seien.Dazu kommt, dass solche multifunktionalen Projekte lokal zwar helfen, das grosse Problem aber nicht lösen können. Die Hydrologie-Professorin Bettina Schaefli spricht von «reiner Pflästerlipolitik» in Bezug auf das Gesamtsystem. Der Grund liegt in der schieren Dimension des Schweizer Wasserhaushaltes: Sämtliche Schweizer Stauseen zusammen fassen heute nur gerade einmal rund 4 Kubikkilometer Wasser. Die schmelzenden Gletscher hingegen halten heute noch rund 40 Kubikkilometer Wasser als Eis gefangen.Um diese Menge zu speichern, wären gigantische neue Seen nötig. Zum Vergleich: Die grossen natürlichen Seen der Schweiz fassen rund 130 Kubikkilometer und das Grundwasser 150 Kubikkilometer Wasser. «Diesen Wasserspeichern müssen wir noch viel mehr Sorge tragen», sagt Schaefli.Reicht das Tempo?Zu welchen Konflikten all diese Diskussionen führen können, weiss auch Gilles Florey in Salgesch zu erzählen. Gegen die Pläne der Lienne-Raspille AG gab es mehrere Einsprachen, und auch da waren Verhandlungen mit den Umweltverbänden nötig. Doch Florey ist zuversichtlich, dass das Okay vom Kanton nun demnächst kommen wird und dann auch die Finanzhilfen aus Sitten und Bundesbern – und dass man sich mit den Betreibern auch beim genauen «Mietpreis» für den Wasserspeicherplatz noch finden wird.Dann soll in Salgesch spätestens ab 2032 das Wasser durch die neuen Leitungen in den Tseuzier fliessen. Zu diesem Zeitpunkt wären dann rund zweiundzwanzig Jahre seit dem Beginn der Planung vergangen – für ein Projekt, das ohne einen kontroversen neuen Staudamm und ohne grosse bauliche Eingriffe in die Natur auskommt. Für eine Lösung, die 500 Jahre alte Streitereien löse, sei das doch gar nicht so schlecht, meint der Gemeindepräsident Florey. Aber ob dieses Tempo generell reicht, um mit dem Abschmelzen der Gletscher mitzuhalten?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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